Billy on Tour Geschichten in Norrath

Zwei Klingen Göttlichkeit III

Februar 6

Prolog

Die Nachmittagssonne des Odus lächelte auf das Auge von El Arad. Das große Observatorium erhob sich auf einer eigenen Wolkeninsel etwas abseits der Steinschlagberge und hatte eine freie Sicht auf ferne Orte. Die Insel selbst wäre ein paradiesisches Fleckchen Erde gewesen, wäre sie nicht leereverseucht.
Große Fetzerbestien, die mir bereits aus den Mooren von Ykesha her vertraut waren, patrouillierten auch hier um das Gebäude und die Eruditen, die im Inneren des Auges Dienst taten, wiesen ausnahmslos den glasigen Blick auf, der für Verführte der Leere typisch war. Ich hatte es selbst gesehen, als sie mir während einiger Aufträge, die ich für die Tiefseeritter auf diesem Eiland zu erledigen hatte, in die Quere kamen.
Um den Wächtern auszuweichen, genügte es, einige Haken zu schlagen. Leerebestien sind zwar große und furchterregende Wesen, aber auch blind wie Maulwürfe.
Ein leichter Wind durchzauste meinen roten Schopf, als ich mich der Nordseite der Insel näherte. Blauchen, meine Rauhreifstute, erkletterte die niedrigeren Felsen ohne größere Mühe, ehe sie auf einer breiteren Grasfläche wieder Fuß fand und wir um einen weiteren Felsvorsprung bogen.
Dort erblickten wir einen einzelnen Schattenmenschen, der auf die Weite des Odus hinaussah. Er schwebte auf die typische Art seines Volkes im Schneidersitz, mehrere Fuß hoch über dem Boden, die behandschuhten Krallenhände entspannt auf die angewinkelten Knie gelegt. Dieser Mann rechnete offensichtlich nicht mit Feinden.
“Seid gegrüßt, Yavuz Kadir”, redete ich ihn in seiner Heimatsprache an und es fiel mir schwer, dieser Ausgeburt der Leere gegenüber freundlich zu sein.
Der Schattenmensch dreht sich langsam um seine eigene Achse und wandte sich mir zu, ohne seine Haltung zu verändern. Seine kalten Insektenaugen schienen mich zu mustern oder auch durch mich hindurchzublicken. Wer konnte das bei diesen Wesen schon sagen? Der Kopf des Schattenmenschen erinnerte an einen kahlen Insektenschädel und die untere Hälfte seines Gesichts war unter einer Art schillernder Halskrause verborgen. Trotzdem drangen verständliche Laute daraus hervor.
“Und ich grüße Euch, Blutrabe von Freihafen.” Die Stimme Yavuz Kadirs klang klickend und monoton. Auch das war typisch für sein Volk. “Das Wesen Lorak hat Euer Kommen angekündigt.”
“Es war seine Idee, dass ich mit Euch reden soll”, entgegnete ich schroff, “nicht meine. Wenn es nach mir ginge, hättet Ihr längst meine Klinge zwischen den Rippen und es gäbe auf dieser Welt einen Haufen Abschaum weniger.”
“Das Wesen Lorak hat auch angekündigt, dass Ihr keine diplomatische Einheit seid”, entgegnete der Schattenmensch ungerührt. “Und doch sucht Ihr Wissen, darum erwarte ich keinen Kampf.”
“Weswegen Ihr Euch auch geflissentlich unter Euresgleichen versteckt habt”, versuchte ich, ihn aus der Reserve zu locken. Seine stoische Ruhe machte mich wütend.
“Ich war sehr bemüht, mich vor den Bestien hier zu verbergen, die anscheinend Theer die Treue halten.”
Moment! Das war interessant!
“Ihr seid nicht mit Theer verbündet?” hakte ich interessiert nach.
“Das geht Euch nichts an.” Aha! “Ich habe eine Botschaft von meiner Gebieterin Anashti Sul für Euch. Sie ist die falschen Gerüchte und Fehlinterpretationen um ihre Beziehungen zum Göttertöter leid.”
Ich lehnte mich auf Blauchens Hals nach vorne und fragte gelangweilt: “Gerüchte?”
Innerlich brannte ich vor Aufregung. Roehn Theer und Anashti Sul waren keine Verbündeten? Das warf so manche Theorie über den Haufen.
Prompt kam von Yavuz Kadir die Bestätigung: “Die Gerüchte, welche sie als Verbündete oder gar als Dienerin Roehn Theers darstellen. Das sind alles Lügen!”
Irrte ich mich oder schlich sich tatsächlich ein Hauch von Aufgebrachtheit in die Plätscherstimme des Schattenmenschen?
“Tatsächlich findet sie Theers Arroganz immer ermüdender”, fuhr Kadir fort. Seine Worte klangen tatsächlich – heftiger, intensiver. “Theer glaubt, er sei nicht nur mächtiger als die Götter, sondern auch mächtiger als alle Wesen Norraths!”
Ich lehnte mich im Sattel zurück, verschränkte die Arme und fragte in gespieltem Mitgefühl: “Tja, was kann man denn da bloß machen?”
Yavuz Kadir schien auf diese Frage nur gewartet zu haben. “Theer glaubt, als Göttertöter habe er überragende Fähigkeiten. Er ist ein würdiger Gegner, gewiss. Aber seine Fähigkeiten übertreffen nicht die der Sterblichen, wie er annimmt. Das macht ihn verwundbar.”
Darauf lief es also hinaus. Wir sollten für Anashti die Kastanien aus dem Feuer holen. Na sicher. Aber es bedeutete auch, dass die Göttin der Leere die Füße still halten und abwarten würde, wie die Sache ausging. Das wollte ich genauer wissen.
“Und was erwartet Ihr von uns?”
“Sucht Roehn Theer auf und zeigt ihm, dass er nicht immun gegen die Klingen der Sterblichen ist!”
“Und was springt für mich dabei raus?”
“Ihr wisst genausogut wie ich, dass das Schicksal Eurer armseligen Welt auf dem Spiel steht, wenn dem Göttertöter kein Einhalt geboten wird. Andernfalls würdet Ihr ein solches Risiko gar nicht erst eingehen!”
Punkt für ihn. Also stimmte ich zu.
Auf dem Rückweg nach Quel’ule gingen mir Yavuz Kadirs abschließende Worte nicht aus dem Kopf: “Denkt daran, dass Theer nicht irgendein Schwächling ist. Er verfügt über große Macht. Aber in seiner Arroganz kann er besiegt werden.”
Ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache..

+++

Langsam öffnete sich das Portal. Nun ja, es war nicht wirklich ein Portal, eher eine gigantische, alterudianische Glyphe, die beiseite schwang und den Blick auf die wabernde Schwärze dahinter freigab.
Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Für Zierrat hatten wir es gehalten, während wir durch den Palast von Roehn Theer gestürmt waren. Zierrat, wie es ihn an diesem götterverlassenen Ort am äußersten Rand des Odus, haufenweise gab. Nicht einer von uns Billies hätte sich träumen lassen, dass hinter solchem Zierrat der Weg zu Roehn Theer lag, dem Göttertöter – unserem Ziel.
“Rabe, altes Mädchen”, dachte ich bei mir. “Du hast auch schon fitter ausgesehen.”
Mein Blick schweifte über die übrigen dreiundzwanzig Teilnehmer des letzten Angriffs. “Aber damit bist du nicht alleine.”
Müde und erschöpft standen wir hier. Keine Rüstung, die nicht beschädigt, kein Helm, der nicht verdellt und keine Waffe, die nicht schartig und abgewetzt war. Und doch lag auch Stolz und Trotz in unseren Augen. Furcht vor dem Ungewissen, der Möglichkeit des endgültigen Todes. Aber auch die Entschlossenheit und der Wagemut, die kleine Chance zu nutzen, die wir armseligen Sterblichen hatten, wo selbst die Götter versagten und sich ängstlich in ihre Refugien kauerten, um sich dort vor dem Sturm zu verstecken, der über Norrath fegen würde, falls wir versagten.
Die Glyphe war vollends beiseite geschwungen und gab den Blick frei auf abgrundtiefe, wirbelnde Schwärze. Blitze durchzuckten das Dunkel wie das Flackern verlorener Seelen. Rechts und links des runden Portikus führten zwei gleißend helle Lichtbahnen in die Finsternis, die eine unsichtbare Rampe zu begrenzen schienen.
Dijnn trat in das Rund des Portals, wo er sich mit einer fließenden Bewegung in die Hocke kauerte und den Rand des Nichts in Augenschein nahm.
Mehrere Herzschläge lang kauerte der Jadetiger dort bewegungslos. Dann zog er eine Sai-Gabel aus seinem Gürtel und schob sie langsam vor, bis ihre Spitze die wirbelnde Finsternis berührte. Wieder verharrte er schweigend.
Schließlich erhob sich der Mönch und schob die Sai wieder in seinen Gürtel zurück. Seine Augen trafen sich mit denen Darliyahs und Oneals, die schweigend neben ihn getreten waren. Djinn nickte kaum merklich. Sein Flüstern durchdrang die Stille lauter als jeder Donnerschlag. “Los!”
Damit lief er geradwegs in die Dinkelheit hinein. Der Wächter und die Klagesängerin folgten, ohne zu zögern. Alle drei schienen im Nichts zu laufen. Die grellen Lichtbahnen markierten tatsächlich die Ränder eines unsichtbaren Weges.
Ich strich mir eine widerspenstige rote Haarsträhne aus dem Gesicht und hob meinen Säbel. “HALAS!”, schrie ich und stürmte hinterher.
“QEYNOS” – “LUCAN” – “RALLOS” – “BLUT UND GEHIRNFETZEN!” – “BERGE FÜR DIE ZWERGE!”
So unterschiedlich wie die Billies waren auch ihre Kriegsschreie, als sie ihre Waffen zogen und sich einzeln oder in Gruppen in die wabernde Dunkelheit stürzten. Verflogen waren Müdigkeit und Schmerzen, vorbei Angst und Ungewissheit. So wie die Morgensonne den Tau vertreibt oder ein geöffnetes Fenster den Spelunkenmief einer durchzechten Nacht, so riß die Aussicht auf die finale Konfrontation die letzten Zweifel hinweg. Wir waren die Billies, der größte Sauhaufen Norraths. Gemeinsam würden wir siegen oder untergehen. Aber zumindest würden wir es versuchen!
Und so rannten wir in das Nichts hinein – dem Göttertöter entgegen!

Der Palast von Roehn Theer

Wir kamen aus der Sonne und wir ritten auf dem Morgenwind. So oder ähnlich würden die Barden sicherlich unseren Anflug auf den Palast von Roehn Theer beschreiben, vorausgesetzt, wir lieferten ihnen auch den Grund dazu!
Von Quel’ule aus flogen wir auf erudianischen Transportscheiben zur Maroden Hochebene hinauf. Dort sollte der letzte Sammelpunkt sein, bevor der eigentliche Sturm auf den Palast begann. Fyr’remd Lorak, unser geisterhafter Verbündeter aus der Forschungsstation, hatte den Transfer organisiert und uns mit Flugscheiben ausgerüstet.
Bei unserer Ankunft am Flugpunkt der Hochebenen, erwartete uns bereits ein weiterer Erudit, der uns frische Scheiben zur Verfügung stellte, die speziell für den Ansturm auf unser Ziel präpariert waren.
“Die Winde flüstern euren Namen”, sprach er geheimnisvoll, als wir die verzauberten Apparate bestiegen. “Seid ihr bereit, euren Weg bis zum Ende zu gehen?”
“Quatsch keine Opern”, knurrte ich zurück. “Sag mir das Kommandowort und dann geh frühstücken!”
Er blickte mich einen Moment lang indigniert an, dann flüsterte er mir einen erudianischen Befehl ins Ohr. Ich wiederholte das Wort laut – und schon stieg ich mit meiner Transportscheibe in den Himmel des Odus empor, der sich gerade mit der ersten Morgendämmerung zartrosa färbte. Fast so, als wolle er das vor uns liegende Schlachten und Blutvergießen unter einer pastelligen Decke verbergen.
Vierundzwanzig Streiter Billies flogen dem Tod entgegen. Scherze flogen zwischen den schwebenden Scheiben hin- und her. Der Tod lachte und wir lachten zurück. Bis Oneal schließlich “Stille!” befahl und wir wussten, dass wir uns in umittelbarer Nähe des Palastes befinden mussten.
Djinn hatte vermutet, dass mindestens zwei Kompanien leereverseuchter Elitesoldaten sowie einige Kriegsmagier die Befestigungsanlagen verteidigten. Wir mussten sie überraschen, schnell und gnadenlos. So wie der Adler auf das Schaf herniederstürzt und es reißt, ehe es noch begreift, dass sein Leben in diesem Augenblick zu Ende ist.
Eine gewisse Unruhe machte sich in mir breit. Ich kannte dieses Gefühl gut. Es war der Vorbote des Kampffiebers, das mich bald erfassen würde. Ich, Blutrabe von der Schreckensfeste, Kapitän der “Tanzender Yeti” und Erzherzogin von Freihafen, freute mich darauf.
Ich vergewisserte mich, dass alles auf der Scheibe an seinem Platz und ausreichend gesichert war. Feuertöpfe, Pfeile, Säbel und Axt. Die übrigen Billies bereiteten sich ebenfalls vor. Schräg rechts von mir flog Apofis der Hexer. Er hatte die Augen halb geschlossen, doch um seine Hände zuckten kleine grünliche Blitze.
Von links fiel ein Schatten über uns. Die massige Gestalt des ogrischen Inquisitors, der nur unter dem Namen Stiernacken bekannt war, verdeckte die ersten zarten Sonnenstrahlen. Der Hühne zog den Kinnriemen seines reichverzierten Helmes fest und nahm seinen schweren Streithammer von seinem Rücken.
“Formation!”
Magisch übermittelt, klang Djinns Kommando leise aber bestimmt in unseren Köpfen. Sofort setzte sich Stiernacken, da er über die stärkste Panzerung verfügte, an die Spitze unserer Gruppe. Ich folgte, ein Stück nach hinten versetzt zur seiner Linken, Mahalkita übernahm die rechte Seite. Hinter uns bildeten Apofis, Morgoose, die Schamanin und der Nekromant Solari eine Linie. Insgesamt formierten wir uns zu vier fliegenden Keilen à sechs Billies.
Und im nächsten Moment durchstießen wir die Wolken!
Und ich erblickte zum ersten mal den Palast von Roehn Theer. Ein imposanter Kuppelbau, dessen weiße Mauern in der Morgensonne schimmerten. Umgeben von Wehrmauern, Türmen und Gärten, tauchte er wie eine Fata Morgana vor uns auf – unwirklich und märchenhaft.
Weniger märchenhaft waren die drei oder vier dutzend Flugscheiben, die sich aus den Innenhöfen erhoben und uns in gestrecktem Formationsflug entgegenkamen.
“Bei den widerlichen, verchromten Brustwarzen von Rallos Zek!” fluchte ich. “Das wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.”
“Sie kommen!” hallte Oneals Stimme über den Raubzug hinweg. “Durchstoßen! Wir sehen uns unten!”
Die Theerianer kamen rasend schnell näher. Schon konnten wir die einzelnen Soldaten in der vorderen Schlachtreihe klar erkennen. Es waren…
“Bogenschützen!”
Verdammt! Und sie spannten bereits!
“Schilde!” rief Oneal.
Hastig hatte ich meinen Turmschild freigenestelt. Gerade noch rechtzeitig kniete ich hinter dem vorgehaltenen Schutz ab und stülpte den Schild leicht aufwärts. In hohem Bogen kam der erste Pfeilhagel herangerast. Krachend schlugen zwei Pfeile ins Holz.
Rasch blickt ich mich um. Zumindest in unserer Gruppe konnte ich keine Verletzten erkennen.
“Achtung!” brüllte Stiernacken.
Die Theerianer waren heran. Ich warf den nutzlosen Schild zur Seite, zog Axt und Säbel.
Vor mir drosch Stiernacken seinen beidhändig geführten Streithammer direkt in das Gesicht eines gegnerischen Soldaten, dessen Kopf sich in einen blutigen Nebel verwandelte. Eine rote Fontäne schoss aus dem Hals des Eruditen, während sein Körper samt Flugscheibe wie in Zeitlupe zur Seite kippte und lautlos trudelnd in den Abgrund stürzte.
Während ich das Schauspiel noch verfolgte, hätte ich beinahe einen weiteren Theerianer übersehen, der mit seiner Transportscheibe genau auf meinen Hals zuhielt. Im letzten Augenblick drückte ich mein Fluggerät zur Seite und hieb mit dem Säbel nach seinem Bein. Die leeregeschärfte Klinge fuhr durch Rüstung, Muskeln und Knochen. Der Fuß des Eruditen verblieb auf der Flugscheibe, während der Mann selbst, seiner Konzentration beraubt, jämmerlich schreiend in die Tiefe fiel.
Ein weiterer Roehn-Theer-Soldat schmierte ab. In seiner Kehle steckte ein Pfeil. Ganz ruhig zog Mahalkita ein weiteres Projektil aus ihrem Köcher, nockte ihn auf die Sehne, spannte, und schickte den nächsten Theerianer auf die Eisgletscher der Totengöttin.
Überall waren die Billies nun in verbissene Luftkämpfe verwickelt. Eine neue Welle Erudkrieger raste heran.
Drei von ihnen vergingen in einer giftig-grünen Wolke, ihre Flugscheiben stießen gegeneinander. Apofis vollführte die spinnenartigen Gesten seiner finsteren Magie und suchte sich bereits neue Opfer.
Indessen hatte Solari seinen untoten Hexerschergen herbeibeschworen. Eine theerianische Kriegerin fasst sich mit einem erstickten Aufschrei an die Kehle. In Sekundenschnelle war ihr Körper über und über mit widerwärtigen grünen Pusteln bedeckt. Ich sah das namenlose Grauen in ihren Augen, als sie begriff, dass der Nekromant ihr die Seele aussaugte.
Morgoose indessen hielt sich in der Mitte der Formation und sorgte mit ihren Heil- und Schutzzaubern dafür, dass niemand von uns ernsthafte Verletzungen davontrug.
Plötzlich fasste sich die Schamanin an den Hals. Ihr Gesicht nahm eine graue Färbung an, während sich ihre Hand um den Griff ihres Speeres krampfte.
“Hexe!” brüllte Stiernacken.
Damit meinte er die in weiße Roben gehüllte Frau, die etwas abseits ihrer Formation schwebte und finstere Gesten in unsere Richtung schleuderte.
Mahalkitas Pfeil durchschlug ihre rechte Wange, während sich mein Wurfmesser in den Unterleib der feindlichen Zauberin bohrte.
Und dann waren wir plötzlich durch!
Und rasten viel zu schnell auf das innere Tor des Palastes zu!

+++

Leutnant Buldoral war ein stolzer Mann. Er war für selbst für einen Eruditen von ungewöhnlicher Körpergröße. Anstatt der für seine Rasse eher üblichen blass-bleichen Farbe wies die Haut seines muskelbepackten Körpers einen tiefen Bronzeton auf, wie er für jemanden üblich war, der die meiste Zeit seines Lebens in der prallen Sonne von Odus verbracht hatte und nicht in den staubigen Bibliotheken Erudins.
Buldoral war nämlich der Meinung, dass ein außergewöhnlicher Geist nur einem außergewöhnlichen Körper hausen konnte und er war stolz darauf, dass es ihm gelungen war, diese Philosophie durch jahrelanges intensives Training mit seiner eigenen Erscheinung bestätigt zu sehen.
So war seine Berufung in die Palastwache der Theerianer nur der konsequente Lohn für seine Mühen und seinen Ehrgeiz. Und dass er innerhalb eines Jahres bereits Kommandant der Torwache und der Außenmauern war, stellte für ihn lediglich das Zeichen dar, dass seine Vorgesetzten seinen Wert erkannt hatten.
Das nächste Ziel des Leutnants auf dem Weg, einer der ganz Großen seines Volkes zu werden, war, den Posten seiner Vorgesetzten, Hauptmann Azara, zu übernehmen. Doch bevor es soweit war, musste sich der ehrgeizige Buldoral zunächst in der Schlacht behaupten.
Als der Alarmruf kam, dass sich Feinde dem Palast näherten, hatte er daher freudig nach seinen beiden ayonischen Äxten gegriffen und war zu den Toren geeilt, um die angreifende Streitmacht selbst in Augenschein zu nehmen.
Die anfängliche Erregung des Leutnants machte jedoch schnell enttäuschter Ernüchterung Platz, als er erkannte, dass die zwei dutzend Flugscheiben, die sich von dort aus dem Morgennebel heranschälten, keine Invasionsarmee aus Paineel mit sich führten, keine Angriffsformation der Tiefseeritter aufwiesen und auch nicht aus anfliegenden Drachenhorden Toxxulias bestand. Eine armselige Schatzsuchertruppe näherte sich dem Palast. Wilde aus den niederen Ländern. Wer hatte ihnen wohl die Flugscheiben besorgt?
Leutnant Buldoral stieß ein angewidertes Schnauben aus. Er befahl Feldwebel Santander, mit zwei Schützenstaffeln aufzusteigen und die lästigen Störenfriede vom Himmel zu fegen. Dann überlegte er, dass dies Ärgernis doch zumindest eine gute Gelegenheit darstellte, für die Torbesatzung einen Waffendrill anzusetzen und erließ Order, im Toreingang einen Schildwall aufzustellen, um eventuelle Durchbrecher abzufangen.
Anschließend wandte sich der Leutnant dem Offizierskasino zu, wo er sein Frühstück einzunehmen und bei der Gelegenheit seine Vorgesetzte zu informieren gedachte.

+++

Ich blickte kurz nach oben. Hinter uns rasten die übrigen Formationskeile der Billies heran. Irgendwie hatten uns die Theerianer wohl nicht ernstgenommen. Wir waren ohne große Schwierigkeiten durch ihre Formation gebrochen und hatten nur ein paar fallende Leichen und Flugscheibentrümmer hinterlassen.
Der Schildwall jedoch, der sich oberhalb der Palasttreppen gebildet hatte, schien diesen Fehler nicht wiederholen zu wollen. Noch während ich wie wild versuchte, den Flug meiner Scheibe zu verlangsamen, und den schnell näherkommenden Marmorboden aus meinen Gedanken zu verbannen, stiegen von den Verteidigern her mehrere Pfeilsalven auf.
Ich schickte ein schnelles Dankgebet zu Bristlebane, dass die Theerianer keine Drahtseile zwischen den Bastionen gespannt hatten, an denen wir uns im Anflug locker selbst in feine Schinkenscheiben hätten schneiden können. Dann schwang ich meine Flugscheibe mit einem Hüftschwung herum, so dass sie sich schützend zwischen mir und den heranschießenden Pfeilen befand. Meinen Schild hatte ich ja schlauerweise nach dem ersten Ansturm über Bord geworfen.
Krachend schlugen mehrere Pfeile in meine Transportscheibe ein. Ich grinste und beglückwünschte mich zu meiner Idee. Hatte ich doch auf diese Weise nicht einen Kratzer abbekommen.
Doch mein Grinsen verschwand genauso schnell, wie es gekommen war, als ich erkannte, dass meine Flugscheibe unkontrolliert zu rucken begann und auf meine Gedankenbefehle nur noch gelegentlich reagierte. Die Pfeile mussten etwas wichtiges an der Unterseite getroffen haben!
“Bei den pustelbesetzten Hammerzehen von Rallos Zek!”
Anstatt, wie ursprünglich geplant, ein paar Feuertöpfe in die dichtgedrängt stehenden Eruditen zu werfen, elegant wieder hochzuziehen und den Glatzköpfen einen lange Nase zu drehen, geriet ich, Blutrabe von der Schreckensfeste, samt meiner Flugscheibe ins Trudeln.
Zumindest hielt meine Verbindung mit der Flugscheibe noch, so dass ich an diesem Tag nicht als hässlicher roter Matschfleck auf dem weißen Marmor der Palasttreppen endete. Doch war mein Flug alles andere als elegant oder gar koordiniert.
“Rabe!” brüllte Apofis. “Was ist?”
“Die Scheibe spinnt!” drückte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und konnte mühsam eine Kollision mit Morgooses Flieger vermeiden. Nur um im nächsten Moment frontal in Stiernacken zu krachen!
Rallos! Ich hätte auch gegen einen Felsen steuern können. Der Plattenpanzer und der massige Körper des Ogers fingen viel von der Kollision ab, doch nun begannen wir beide zu trudeln und unkontrolliert zu schlingern.
Der Inquisitor stieß einen heftigen Fluch aus und begann, mich zu beschimpfen. “Du blöde Halasschlampe, zu doof zum Fliegen!” Nun ja, wo er recht hatte, hatte er recht! Und dann: “Lass mein Bein los!”
Instinktiv hatte ich mich irgendwo festgehalten. Die Axt baumelte an einer Schlaufe um mein Handgelenk. “Hör auf zu fluchen, Breischädel!” brüllte ich zurück. “Tu was!”
Mittlerweile rollten wir wie eine wildgewordene Schneekugel durch die Luft, der Boden war ganz nah!. Ich konnte die Gesichter der Verteidiger erkennen. Das blanke Entsetzen in ihren Augen, als sie begriffen, dass wir mitten zwischen sie krachen würden. Einige ließen ihre Spieße fallen, die sie uns triumphierend entgegengereckt hatten.
Mir gelang es, die Scheibe von meinen Füßen zu lösen. Stier hatte wohl das gleiche gemacht. Die Flugscheiben fegten wie wildgewordene Katapultgeschosse in die Reihen der Verteidiger, brachen den Schildwall auf. Theerianer wurden zerfetzt, Gliedmaßen flogen durch die Luft und dann explodierten die Feuertöpfe!
Stiernacken und ich wurden durch die Glut geschleudert. Die Welt war ein einziges Inferno aus Donnern, Schreien, Hitze und Schmerz!
Der Oger prallte gegen ein Hindernis, das ich im Chaos nicht erkennen konnte. Wieder rettete ihn seine schwere Rüstung. Bei mir waren es eher die Reflexe. Ich warf mich seitlich herum, schlug mit der Schulter irgendwo gegen, rollte über ein Hindernis hinweg und blieb schweratmend liegen.
“Nun mal nicht so faul, Rabe!”
Stiernacken war bereits wieder auf den Beinen. Diese verflixten Oger sind zäh wie Leder! Wenn sie dann auch noch Plattenpanzer tragen und heilen können…
Ich hatte mehrere Brandwunden davongetragen, die nun durch Stiers Zauber verheilten. “Sprich für dich selbst”, knurrte ich. Dankte ihm aber gleichzeitig mit einem Nicken.
Rauch und Flammen verhüllten nun den Eingang des Palastes. Eines der gewaltigen Flügeltore hatte unseren Sturz gebremst. Das andere war von der Explosion beschädigt worden und hing schräg in seinen Angeln. Unser Absturz hatte eine breite Schneise in den theerianischen Schildwall gerissen. Überall lagen tote und sterbende Eruditen. Weitere Explosionen erschütterten die Treppe. Die Billies warfen mit Feuertöpfen!
Grimmig fasste ich den Griff meiner Axt und zog den Säbel. “Sieht so aus, als käme der Rest mal wieder später.”
Stiernacken fasste sein Ungetüm von einem Hammer mit beiden Händen. “Sieht so aus”, antwortete er und entblöste die Unterkieferhauer zu der Ogervariante eines Lächelns.
Im nächsten Moment waren sie heran. Ein halbes dutzend Theerianer rannte mit gezogenen Waffen und wutverzerrten Gesichtern auf uns zu.
Stier schwang seinen Hammer senkrecht von oben. Was dem Oger an Finesse fehlte, machte er durch pure Kraft mehr als wett. Er schlug einem Theeriander buchstäblich den Kopf in die Rüstung zurück. Der Körper des Angreifers stand da wie eine Schildkröte, aus deren Panzer nur noch die Arme und Beine hervorlugten, ehe er zuckend zusammenbrach und ihm eine gewaltige Blutfontäne aus der Halsberge schoss.
Ich schlug einen Speer zu Seite, der auf meine Eingeweide zielte, drehte mich um meine Achse und ließ dem Angreifer die Axtklinge in die Nierengegend sausen, welche sie mit einem schmatzenden Geräusch durchschlug.
Mit ungläubigem Gesichtsausdruck wankte ein weiterer Erudit vorbei. Zwischen Armbeuge und Hüftknochen fehlte ein großes Stück seines Körpers, als wäre ein eichener Dachbalken dort hindurchgetrieben worden. Ich zog den Kopf ein, Stier schwang seinen Kampfhammer wie einen Dreschflegel und hielt dabei gleich mehrere Angreifer auf Distanz.
Ein weiterer Theerianer vollführte einen halbherzigen Stoß mit seinem Schwert in meine Richtung. Die Augen unter seinem Helm blitzten jung und ängstlich. Rallos! Was machten denn Kinder hier? Ich schlug ihm mit dem Säbel das Schwert aus der Hand und ließ ihm die flache Seite meiner Axt gegen die Schläfe krachen. Betäubt brach der Junge zusammen. “Bleib lange genug liegen, Kleiner”, murmelte ich. “Dann überlebst du das hier vielleicht und kannst in ein paar Jahren eine Familie gründen.”
Im nächsten Moment spürte ich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel und blickte auf den Speer, der sich dort hineingebohrt hatte. “Blöder Hund!” knurrte ich und hieb mit der Axt den Schaft durch. Flüssiges Feuer brannte in meinem Bein.
Der Angreifer, der den Speerschaft noch in der Hand hielt, erstarrte indessen. Eine silberweiße Eisschicht bildete sich auf seinem Gesicht und überzog dessen gesamten Körper. Hinter ihm sprang Apofis von seiner Flugscheibe und gesellte sich grinsend zu uns, dicht gefolgt von Solari und Morgoose.
Der tiefgefrorene Erudit zersprang in tausend Scherben, als Mahalkita mit ihrer Flugscheibe direkt durch ihn hindurchraste und dann ebenfalls absprang. Morgoose zog den Speer aus meiner Wunde und sprach einen Heilzauber.
“Was hat euch aufgehalten?” fragte Stiernacken fröhlich, ehe er dem letzten verbliebenen Angreifer eine Fratze schnitt und der Erudit schreiend ins Palastinnere rannte.
“Sichergehen, dass hinter eurem Budenzauber keine Falle lauert”, antwortete Solari. Die Worte des Arasai klangen seltsam dumpf unter seiner gehörnten Knochenmaske.
Auch die letzten Theerianer hatten sich bereits in das Palastinnere zurückgezogen, während die übrigen Billies landeten und sich im Torbogen sammelten. Keine Verluste! Es hatte zwar ein paar Blessuren gegeben, aber nichts, was die Heiler nicht hinbekamen.
Djinn und Oneal setzten sich an die Spitze, als wir schreiend und waffenschwingend in das Innere des Palastes stürmten. Die wenigen Wächter, die sich uns noch entgegenstellten, wurden niedergemacht.
Die Innenkuppel des Palastes von Roehn Theer war ein gewaltiges Bauwerk. Reicher Zierrat schmückte die weißen Marmorwände. In der Mitte war ein großer, runder Teich angelegt, der von zwei parallel laufenden Wasserrutschen gespeist wurde. Ich stellte mir vor, wie das kristallklare Wasser in der Morgensonne funkelte. Im Moment lagen allerdings einige tote Theerianer im Becken und füllten den Teich mit ausströmenden Blutschwallen und Eingeweiden, was den Gesamteindruck ein wenig trübte.
Oberhalb des Teiches erhob sich eine weitläufige runde Plattform, die wir über ein Paar seitlich angelegter Stufen betraten. Dort sahen wir uns um.
“Nett”, bemerkte Oneal in seiner trockenen, bedächtigen Art. “Hier möchte ich mal Urlaub machen.”
“Vorher müssten wir allerdings noch eine Frage klären”, bemerkte Ssizzel, doch es war nicht die Sarnak-Inquisitorin, die den Satz beendete.
“WAS GEHT HIER VOR?”

+++

Als die Explosionen den Palast erschütterten, hätte Leutnant Buldoral sich beinahe an seinem Tee verschluckt.
“Was machen diese Idioten?” Mit ungnädigem Gesichtsausdruck stellte der Offizier die Tasse auf den Tisch zurück und blickte sich im Kasino um. Der Raum war für mindestens zwanzig Offiziere ausgelegt, doch da derzeit nur zwei von ihnen im Palast Dienst taten und Hauptmann Azara nicht anwesend war, erwies sich die Auswahl der Gesprächspartner für den Leutnant als überschaubar.
Nun war von draußen Kampflärm zu vernehmen, gefolgt von Schreien, angsterfüllt und verzweifelt.
“Na wenigstens zeigen sie diesen Barbaren, wo der Hammer hängt”, murmelte Buldoral zufrieden, als weitere Detonationen die Wände erbeben ließen. “Aber sie könnten dabei vielleicht etwas leiser sein.”
Der Leutnant schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und erhob sich. Entschlossen, seine Untergebenen für die Störungen ordentlich zurechtzustutzen, stapfte er auf die Tür des Kasinos zu und wischte die Türflügel mit einer wütenden Handbewegung aus dem Weg.
Das Bild, das sich dem Kommandanten bot, entsprach nicht im geringsten seinen Erwartungen. Seine Krieger lagen tot oder sterbend am Boden und besudelten die Architektur, während die Eindringlinge wie gaffende Touristen auf der Fahrstuhlplattform standen und das Interieur beschnatterten!
Die Zornesröte stieg dem Leutnant ins Gesicht und in bestem Kasernenton brüllte er: “WAS GEHT HIER VOR?”
Die Barbaren reagierten sofort. Mit gezogenen Waffen sprangen sie ihm entgegen. Weitere bombardierten ihn mit Gift- und Flammenlanzen. Buldoral wich aus und schwang seine ayonischen Äxte. Gleich mehrere der Angreifer wurden in hohem Bogen durch die Luft geschleudert.
Buldoral setzte nach. Seine Äxte woben ein tödliches Gewitter aus leereinduziertem Stahl. “IHR WERDET LEIDEN!”, brüllte er.
Dann traf ihn das Buch am Kopf.

+++

“Schwere Literatur”, bemerkte Cephir der Klagesänger, als er auf den gefällten Hühnen hinunterblickte. Dass der von ihm geworfene Wälzer, den er in einer Nische des Kuppelsaals gefunden hatte, den Riesen schlagartig niederstrecken würde, damit hatte auch der Arasai nicht gerechnet.
“Wer war der Schreihals?” fragte ich.
“Wahrscheinlich der Kommandant.” Oneal zuckte die Schultern. Übergangslos stieß der Dunkelelf dem Wehrlosen das Schwert in den Hals. Die Queynosianer unter uns wollten protestieren, doch der Teir’Dal winkte ab. “Ihr wollt doch nicht, dass der noch weiteren Ärger macht?”
“Sehen wir mal, wohin der Fahrstuhl führt”, sagte ich, ehe wir noch mit einer Moraldiskussion den Rest des Morgens vertändelten.
Die Fröhlichkeit war dahin. Schweigend betraten wir die Plattform.

+++

Während ich durch die wabernde Dunkelheit rannte, Roehn Theer entgegen, ließ ich die weiteren Ereignisse der vergangenen Stunden noch einmal Revue passieren.
Nachdem wir die äußeren Befestigungen des Palastes überwunden hatten, erwarteten uns drinnen weitere Wächter, angeführt von zwei Hexen, die uns mit ihren Giftzaubern übel mitspielten. Doch das waren auch die letzten Soldaten, die sich uns in den Weg stellten.
Danach bekamen wir es nur noch mit Zauberei zu tun. Illusionisten, die uns mit Farbspielen verwirrten und uns mit Scharen von beschworenen Nachtbluten und Najaden traktierten. Ein machtvoller Erdgolem versperrte uns für eine Weile den Weg. Ein Nekromant, dessen unheilige Flüche fast unsere Vernichtung bedeutet hätten und schließlich die drei Blutmagier, deren kalten Klauen wir endlich den Schlüssel zum Dimensionsportal Roehn Theers entwinden konnten.
Und nun rannten wir durch die wirbelnde, blitzdurchzuckte Schwärze. Mit zunehmender Entfernung vom Eingang kroch ein namenloses Grauen in uns hoch. Der Weg wurde zum Alptraum, an den ich mich auch heute noch nur bruchstückhaft erinneren kann. Unsere Ohren rauschten, unsere Rufe klangen seltsam hohl und verzerrt. Stimmen des Wahnsinns hallten in unseren Köpfen wider, unsichtbare Fallen lauerten in der Dunkelheit. Einige von uns fielen auf dem Weg. Wir zogen sie mit uns. Ich dachte, wir wären für immer in den bizarren Hirngespinsten eines Irren gefangen.
Und dann erreichten wir die Plattform. Und die einsetzende Stille erschien uns seltsam laut.
Das war das Zentrum von Roehn Theers Macht. Eine riesige, graue Ebene, die im Nichts schwebte. Genaugenommen handelte es sich nicht um eine einzige, homogene Fläche, sondern um beinahe einhundert quadratische Plattformen, die, von gelben Energielinien begrenzt und durch unsichtbare Bande miteinander verbunden, eine Art riesiges Schachbrett bildeten.
In den vier Ecken des Schachbrettes steckte jeweils eine runde Plattform und begrenzte das Gesamtfeld so in etwa wie die Türme bei einer Burg. Auf jeder einzelnen der quadratischen Flächen fand bequem der gesamte Raubzug platz. Wir sammelten uns zunächst auf der linken Seite, mit der runden Plattform im Rücken, und blickten uns fasziniert um.
Die gesamte Ebene schwebte in der allgegenwärtigen, wabernden Dunkelheit. Erhellt wurde sie durch die blauen Blitze, die nach wie vor kreuz und quer durch die Schwärze zuckten. Gewaltige Zeichen, die an alterudianische Glyphen erinnerten, aber auch genausogut deren Vorbild hätten sein können, wanderten gleißendhell wie an einer Schnur gezogen um die Ebene herum.
Und dann sahen wir ihn. Die gewaltige, humanoide Gestalt mit den riesigen Drachenflügeln auf dem Rücken konnte nur Roehn Theer sein. Der Göttertöter hatte einen gedrungenen, massigen Körperbau. Wie ein Sarnak verfügte auch Roehn Theer über einen Schwanz, der ihm wohl half, sein Gleichgewicht zu halten. Sein Kopf war weder drachisch noch menschlich, eher irgendwo dazwischen. Die Gesichtszüge wirkten menschlich, ja, doch die mächtigen Hörner, die sich wie zwei Mandibeln aus seinem Unterkiefer schoben und die Stacheln und Hornplatten, die sich von seinem Scheitel über den schildkrötenartigen Rückenpanzer bis hin zur Schwanzspitze erstreckten, relativierten den Eindruck wieder. Roehn Theer trug eine Art Lendenschurz und eine Brustpanzerung, die denen der Droag im Lande des Zwielichts nicht unähnlich ist. An seiner Seite hingen zwei mächtige Schwerter. Dies mussten Aeteok und Enoxus sein, die Quellen seiner Macht.
Und noch etwas fiel mir auf: Das gesamte Wesen Roehn Theer wirkte irgendwie in allem sehr… symmetrisch? Ja, ein anderer Ausdruck fiel mir nicht ein. Trotz aller Haken und Kanten sah die rechte Seite des Göttertöters exakt so aus wie seine linke. Fyr’remd Lorak hatte etwas dazu gesagt. Verdammt, ich kam nicht drauf. Ich übersah etwas…
Morgoose neben mir sog scharf die Luft ein. “Der muss unglaublich riesig sein.”
Jetzt, da sie es sagte. Um auf diese Entfernung soviel Details zu erkennen, musste Roehn Theer wahrhaftig ein Behemoth sein. Ich bin mit meinen sieben Fuß auch nicht gerade kurzgewachsen, aber diesem Ungetüm da vorne ging ich wahrscheinlich nicht mal bis zur Kniescheibe. Ich schluckte. Und, bei den hornverstärkten Lederarschbacken von Rallos Zek, das tat ich wirklich selten! Aber ich wünschte, ich hätte statt meines lächerlichen Säbels eine zweite Axt mitgenommen.
Tiskentyl, der Schamane, biss in einen widerwärtig lilaleuchtenden Pilz und stellte schmatzend die offensichtliche Frage: “Was nun?”
Oneal zuckte in seiner typisch weltergebenen Art die Achseln. “Was schon? Angreifen.”
“Roehn Theer ist ein Wesen des Gleichgewichts”, warf Darliyah ein. Wie üblich, konnte die Sängerin auf den unglaublichen Wissensschaftz ihrer Sagenkunde zurückgreifen. “Wenn wir ihn besiegen wollen, müssen wir ihn aus dem Gleichgewicht bringen.”
“Aber wie?” fragte Apofis. Der Hexer breitete die Arme aus. “Offensichtlich sind wir hier ein wenig überfordert.”
Damit sprach er aus, was wohl in diesem Moment viele von uns dachten. Keiner der anwesenden Billies hatte wohl mit solch einem Monstrum gerechnet.
Unwillkürlich wiederholte ich leise die Worte, die der Schattenmensch Yavus Kadir am Auge von El Arad zu mir gesagt hatte: “Theer glaubt, als Göttertöter habe er überragende Fähigkeiten. Er ist ein würdiger Gegner, gewiss. Aber seine Fähigkeiten übertreffen nicht die der Sterblichen, wie er annimt. Das macht ihn verwundbar.”
Djinn sagte nichts. Der Kriegsmönch hatte die Fäuste vor seinem Gesicht aneinander gelegt und die Augen geschlossen, so als lausche er auf eine stille Botschaft. Schließlich breitete er die Handflächen aus und führte sie seitlich vom Körper, als wolle er sie wie Speere in den Boden stoßen. “Ihr habt alle drei recht, genau das ist der Plan”, murmelte er dann. “Wir greifen an, bringen ihn aus dem Gleichgewicht und siegen obwohl wir unterlegen sind.”
Oneal lächelte und hob sein Schwert. “Das wollte ich hören.”
Und damit lief der Wächter los, rannte dem gewaltigen Behemoth entgegen.
Der Teir’Dal hatte noch nicht die halbe Strecke zurückgelegt, als Roehn Theer den Kopf hob und in seine Richtung blickte. Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog der Göttertöter seine Schwerter und flog dem vorwitzigen Krieger entgegen. In diesem Augenblick zuckte ein Blitz aus der Schwärze herab, dann noch ein zweiter. Und zwei der verbundenen Plattformen verschwanden, hinterließen in der grauen Ebene zwei Löcher von der Größe jeweils einer gorowynischen Hafenkneipe.
Oneal lief nun wieder rückwärts auf uns zu, Roehn Theer im Schlepptau. Der Gigant zischte etwas in der Sprache der Schattenmenschen. Wir übrigen nahmen indessen an den Rändern unserer Plattform Aufstellung. Sollte diese nämlich ein ähnliches Schicksal ereilen, so konnten wir hoffentlich noch schnell genug auf eine andere Plattform hinüberspringen.
Inzwischen glühten einige der Schachbrettfelder in seltsamen bunten Lichtern, Orange, Grün, Blau, und merkwürdige Runen flackerten darüber hinweg.
Keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn in diesem Moment war Roehn Theer heran. Seine Schwerter hieben nach den Ameisen, die es wagten, die Macht des Göttertöters herauszufordern. Sein Schwanz wischte über den Boden und versuchte uns von den Füßen zu fegen, seine Schwingen schlugen uns den Sturm der Zeitalter entgegen.
Und da erkannten wir die Chance, die tatsächlich nur wir armseligen Sterblichen gegen dieses Überwesen aus Zeit und Raum haben konnten, wo die großmächtigen Götter versagten. Wir waren für ihn zu klein! Setzte er seine gewaltige Macht gegen uns Winzlinge ein, so war es, als schieße man mit Katapulten auf einen Mückenschwarm. Nichtsdestotrotz vermochten diese Mücken zu stechen!
Wir hackten und stießen und schlugen auf den Giganten ein – nunja meistens auf seine Zehen. Die Fernkämpfer hatten es da besser, konnten sie doch ihre Zauber auf jeden beliebigen Punkt Roehn Theers konzentrieren.
Der Göttertöter stieß einen lauten Schrei aus. “Die Kraft, die ihr mir entgegensetzt, beschleunigt euren Tod nur!” rief er. Er machte eine ausladende Geste mit beiden Schwertern. “Könnt ihr rechtzeitig euer Gleichgewicht finden?” fügte er höhnisch hinzu.
“Die Ecken”, hallte da Khalandras Stimme über den Kampflärm hinweg, während rechts neben uns eine weitere Plattform ansatzlos in die Tiefe rauschte. “Sie brennen! Und in den Feuern sind Zeichen zu sehen!”
“Er beschwört Kräfte”, rief Darliyah. “Aber als Personifikation des Gleichgewichts kann er sich nicht stärken, ohne uns zu stärken. Das ist unsere Chance! Zerstört die Zeichen!”
“Oneal beschäftigt Roehn Theer”, befahl Djinn. “Meine Gruppe nimmt die Purpur-Rune, Khalandras und Stiernackens die Blaue. Wir treffen uns dann schräg gegenüber bei der Grünen Rune!” Und damit wetzten wir los, während um uns herum immer wieder Plattformen in die Tiefe stürzten und die Energien des Göttertöters auf uns einprasselten. Inzwischen waren andere Felder wieder emporgestiegen und hatten sich an ihre alte Stelle eingepasst, als wäre nichts geschehen. Das Schlachtfeld war ständiger Veränderung unterworfen.
Wir enterten die Plattform der blauen Rune und vernichteten das Energiegebilde schnell und problemlos. Sofort sprangen wir wieder von der Plattform herunter. Keine Sekunde zu früh, denn im nächsten Moment begann das runde Feld zu brennen und war nicht mehr betretbar.
Nun hielten wir im Zickzack auf das Feld der grünen Rune zu, überquerten Felder, die in unheilvollem Grün und Blau leuchteten. Energien durchfuhren uns, die uns stärkten und schwächten zugleich, ein jedes auf andere Art. Eine weitere Plattform stürzte in die Tiefe, riss Apofis und Mahalkita mit sich. Ich warf einen kurzen Blick in den Abgrund und schüttelte den Kopf. Das Feld glomm grau und fern in der Schwärze.
Weiter. Immer weiter. Kraftfelder schleuderten uns durch die Luft, warfen Stiernackens massige Gestalt in eines der offenen Löcher, in das der Oger mit einem gebrüllten Fluch zu Rallos auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Arg dezimiert erreichten wir mit letzter Kraft das Feld der Grünen Rune, wo wir auf Djinns Gruppe trafen. Auch sie hatten zwei Leute verloren, davon einen Heiler. Es gelang uns, die Grüne Rune gerade noch rechtzeitig zu vernichten, ehe auch schon die giftigen Feuer aus der Plattform schlugen.
“Weiter”, sagte Djinn und rannte los.
Khalandras arg dezimierte Gruppe kam uns auf halbem Weg entgegen. Die Halbelfe schüttelte den Kopf. “Die rote Rune brannte bereits”, berichtete sie. “Wir konnten nichts mehr tun.”
“Dann muss es reichen.” Aus der Stimme des Kampfmönches klang Entschlossenheit. “Zurück zu Oneal!”
Von den drei Gruppen, die aufgebrochen waren, machten sich weniger als zwei zurück auf den Weg zum Kampf gegen Roehn Theer. Oneals Gruppe hatte sich inzwischen kreuz und quer über das Schlachtfeld bewegt, immer versucht, den fallenden und wiedererscheinenden Plattformen im letzten Moment zu entkommen.
Auf halbem Weg hielt Cephir plötzlich inne. “Was ist das?” fragte der Arasai laut.
Zwei Felder zu seiner Linken befand sich eine Plattform, die eine strahlend weiße Farbe aufwies, ganz anders als alle anderen. Auf ihrer Mitte drehte sich ein Sonnensymbol und darauf lagen – unsere Gefallenen.
Sofort stürmte der Arasai hin und stimmte die Elegien an, die die kürzlich Gestorbenen ins Reich der Lebenden zurückholten. Neue Hoffnung druchströmte uns bei diesem Anblick und wir rannten auf Roehn Theer zu, entschlossen, der großen Fledermaus nun wirklich zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Oneal hatte die volle Aufmerksamkeit des Behemoths auf sich gelenkt. Trotz seines schweren Plattenpanzers wich der Dunkelelf den Schwertschlägen des Göttertöters mit tänzelnder Leichtigkeit aus. Ich bewunderte das an den Teir’Dal.
Asenath, eine weitere Vertreterin dieses Volkes, schlug einen Rückwärts-Flicflac über das herbeizischende Schwanzende Roehn Theers und bohrte ihre Klingen im gleichen Moment, als sie federnd wieder auf die Füße kam, in sein Fleisch. Bereits einen Herzschlag später wirbelte die Brigantin um ihre eigene Achse und hackte ein-, zwei-, dreimal in das rechte Bein des Riesen. Als hätte sie lediglich eine Tanzfigur ausgeführt, hielt Asenath einen Moment inne, sprang dann auf ihren Fußballen mehrere Schritte zurück, um Anlauf für eine weitere Schlagsequenz zu nehmen.
Innerlich hatte ich der Dunkelelfe schon vor einiger Zeit den Beinamen “Schwerttänzerin” gegeben und mir gewünscht, von ihrem Kampfstil etwas annehmen zu können. Und wenn ich dann auch noch herausfand, wie ihre Haare dabei so gut hielten, wäre mein Leben perfekt!
Ich drosch meine Axt mehrfach in den anderen Fuß Roehn Theers, versuchte dabei sein Gegenstück zur Achillessehne anzuritzen, konnte mich gerade noch unter seinem zuschlagenden Schwanz hindurchducken und rettete mich mit einem verzweifelten Hechtsprung nach vorne. Denn in diesem Augenblick riss es die Plattform, auf der ich gerade noch gestanden hatte, in den Abgrund. Zwei andere Billies waren etwas zu langsam gewesen und ich sah sie mit weit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit verschwinden.
Roehn Theer stapfte über eine grün leuchtende Plattform hin zu einer orangenen, stets hinter Oneal her, der bemüht war, den Behemoth vom Abgrund weg und auf für uns sichereres Gelände zu locken.
Asenath hatte soeben seitlich von Theers rechtem Bein eine weitere Sichelpirouette beendet, als sie plötzlich nordwärts deutete. “Innoruks Zorn, jetzt wird es lustig!”
Das konnte doch nicht wahr sein! Eine weitere riesige Gestalt näherte sich von dort, seltsam nebelig und durchscheinend, beinahe wie ein geisterhafter Zwillingsbruder des Göttertöters. Mit ausgebreiteten Schwingen und erhobenen Schwertern preschte das Wesen auf uns zu. Schon war es heran und – explodierte!
Die Druckwelle traf uns mit der Wucht einer Titanenfaust. Ich konnte mich gerade noch hinter dem Fuß des realen Roehn Theer in Deckung werfen. Doch andere Billies hatten nicht soviel Glück. Ich sah, wie Moodijil und Solari in den Abgrund gewirbelt wurden, ihre winzigen Feenflügel unfähig, den Sturz zu verhindern.
Roehn Theer lachte schallend. “Immer noch zu feige, meiner wahren Macht gegenüberzutreten?” röhrte er. “Selbst wenn ihr mich heute besiegt, so werdet ihr meine Verbindung zu dieser Ebene nur vorübergehend trennen. Eine Verbindung, die ich binnen weniger Tage wiederherstellen kann!”
Und wieder das schallende Gelächter. Es war uns tatsächlich gelungen, ihn zu schwächen, doch das schien er nicht zu begreifen. Oder er hatte noch einen gewaltigen Trumpf im nicht vorhandenen Ärmel. Meine Gedanken rasten. Was war doch nur das winzige Detail, dass sich mir nicht erschließen wollte?
“Wo kam dieser Geist her?” verlangte Khalandra laut zu wissen. Darliyah deutete auf eine Plattform zwei Felder nörd- und ein Feld westlich. Und da sah ich es: Ein Feld mit einem ähnlichen Sonnensymbol, wie jenes, auf dem wir unsere gefallenen Kameraden bisher stets wiedergefunden hatten. Ein einziges Feld auf diesem ganzen verfluchten Schachbrett. Und auch wenn es, wie wir inzwischen festgestellt hatten, genauso häufig seine Position wechselte, wie die übrigen Felder ihre Farben, so war es doch immer vorhanden. Und nun fanden wir ein Feld, das genauso aussah, wie unser Sonnenfeld, nur dessen Sonne war schwarz!
Ein Feld des Lebens, ein Feld des Todes. Alles hier ist im Gleichgewicht. Ich blickte zu Roehn Theer auf. Ein Wesen perfekter Symmetrie. Das war seine Stärke. Ich musste laut auflachen, als ich begriff, wie einfach die Lösung doch war. Seine Zwillingsschwerter Aeteok und Enoxus. Des Göttertöters unermessliche Stärke – und zugleich seine größte Schwäche!
Und in diesem Augenblick der Klarheit, als ich verstand, wie Sterbliche den gewaltigen Roehn Theer besiegen konnten, da traf mich eines seiner Kraftfelder und schleuderte mich in den Abgrund.

+++

Ich flog in hohem Bogen durch die Luft. Sah das Loch im Verbund, wo die Plattform fehlte. Rasend schnell stürzte ich auf die gähnende Tiefe zu. Verzweifelt versuchte ich, mich in der Luft zu drehen, herumzuwerfen, vielleicht hinter dem Loch zu landen. Lieber bretthart aufschlagen, als jetzt endlos in die Finsternis zu fallen, auch wenn dieser Sturz mit gebrochenen Knochen auf dem Sonnenfeld enden mochte.
Ich ließ meinen Säbel fallen, sah ihn in der Finsternis davonstürzen. Wie eine Ertrinkende griff ich um mich und – bekam den Rand der benachbarten Plattform zu fassen. Ich schlug hart gegen den Stein. Der Aufprall trieb mir die Luft aus den Lungen. Beinahe hätte ich losgelassen.
Nur die Finger meiner rechten Hand hielten mich baumelnd über der gähnenden Tiefe.
Ich riß meine Linke hoch, bekam den Rand zu fassen. Steinbröckchen rieselten an mir vorbei und fielen. Meine Beine strampelten im Leeren. Ich schnappte mühsam nach Luft, wollte Kraft sammeln, mich emporzustemmen. Doch ich spürte, wie der Griff meiner Rechten sich löste, die Finger sich verkrampften.
Da umfasste eine indigoblaue Hand mein linkes Handgelenk. Ein Gesicht tauchte über dem Rand auf: Asenath.
Ich grinste gequält. “Schön. dich zu sehen. Aber hast du nicht einen Göttertöter zu vermöbeln?”
“Macht nur den halben Spass, wenn so wenig Leute mitspielen”, entgegnete die Dunkelelfe trocken. Sie umfasste beidhändig meinen Unterarm und begann zu ziehen.
“Innoruks Zorn”, fluchte sie mit zusammengebissenen Zähnen. “Du bist zu schwer. Ich bekomme dich nicht hochgezogen.”
Das war auch meine Befürchtung. Ich langte mit der freien Hand in meine Gürteltasche, zog mühsam den Faden des Perah’Celsis hervor, reichte ihn Asenath.
Die sah mich an, als hätte sie soeben auf ihrem Frühstück eine Heuschrecke entdeckt. “Was soll ich damit.”
“Keine Zeit für lange Erklärungen”, keuchte ich, denn ich spürte, wie mein Griff um die Kante schwächer wurde und ich abzurutschen drohte. “Geschenk von Perah. Winde das Band um eines seiner Schwerter. Egal welches. Du bist die einzige, die das schaffen kann.”
In Asenaths Blick lagen Zweifel. Sie nahm den Faden und erhob sich, schaute zu Roehn Theer herüber. “Guten Flug”, sagte sie dann und verschwand aus meinem Blickfeld.
Meine Finger krallten sich an der Kante fest. Meine andere Hand tastete nach Halt – und fand keinen. Der Marmor war so glatt wie der Hintern eines elfischen Lustsklaven. Drei Finger hielten mich noch an der Kante, zwei, keiner mehr.
Ich fiel in die bodenlose Tiefe. All dies geschah binnen weniger Sekunden, doch im Fallen schien sich die Zeit ins Unendliche zu dehnen. Ich sah Asenath, die soeben mit tänzelnder Leichtigkeit die Hörner am Schwanz Roehn Theers als Trittstufen benutzte, um seinen Rücken hinaufzulaufen. Ein Flügel schlug nach ihr. Die Dunkelelfe duckte sich darunter hinweg und griff nach der Schwinge, die sie auf die Schulter des Göttertöters katapultierte. Etwas schnellte aus ihrer Hand hervor. Sie zeigte auf eines seiner Schwerter. Dann erblickte ich noch den Kopf einer weiteren Roehn Theer-Geistererscheinung, sah Aseanth durch die Luft wirbeln und aus meinem Blickfeld verschwinden.
Schwärze.
Schmerz.

+++

Licht.
Mühsam öffnete ich die Augen.
Ich lag auf dem Sonnenfeld, um mich herum weitere Körper. Viele. Zu viele.
Aus irgendeinem Grund war ich nicht tot. Aber, Rallos’ verchromte Eier seien verdammt, ich fühlte mich, als wäre ich. Jeder Knochen schmerzte einzeln. Ich hatte sicher einiges an Brüchen davongetragen.
Ich hustete, spuckte Flüssigkeit. Blut?
Meine Sicht war verschwommen. Ein fremder Arm blockierte Teile meines Sichtfeldes. Der Kampf gegen Roehn Theer tobte in nicht allzugroßer Entfernung. Nur noch wenige Billies waren auf den Beinen. Ich zählte fünf oder sechs Gestalten. Eine bewegte sich wie Djinn. Eine weitere wies das unverwechselbare Profil einer Sarnak auf.
Aber auch Roehn Theer schwankte. Der unglaubliche Behemoth war geschwächt. Sein rechter Arm hing seltsam abgewinkelt nach unten, der Griff um sein Schwert alles andere als fest. Ase musste es geschafft haben. Die Symmetrie des Göttertöters war dahin, sein Gleichgewicht gestört. Wir hatten ihn an den Rand der Niederlage gebracht.
Aber nur an den Rand. Lange würde er nicht mehr benötigen, um die verbliebenen Kämpfer hinwegzuwischen. Und dann wäre alles umsonst gewesen.
Plötzlich tauchten zwei Gestalten in meinem Blickfeld auf. Menschen. In Plattenrüstungen, auch wenn ihnen diese in Fetzen von den mageren Schultern hingen. Ich erkannte sie. Drefaco. Anvaris. Was hatten die beiden Templer vor? Sie konnten unmöglich alle Gefallenen schnell genug ins Leben zurückrufen.
Beide hatten dem Kampf den Rücken zugewandt. Sie fielen auf die Knie, erhoben Gesicht und Hände in den nachtschwarzen Himmel.
Was sollte das? Wollten sie beten? Die Götter hatten Norrath verlassen, verdammt. Hatten sich vor Roehn Theer versteckt. Warum sollten sie antworten?
Hinter den in Andacht versunkenen Templern sah ich weitere Körper unkontrolliert durch die Luft wirbeln. Irgendetwas Schweres landete auf mir, trieb mir das letzte Quentchen Luft aus den Lungen – oder ein Stück Rippe tiefer hinein, je nachdem.
Mir wurde kurz Schwarz vor Augen und ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen.
Roehn Theers gewaltiger Schatten kam näher. Humpelnd und stapfend, aber kam näher. Nur die zwei Priester befanden sich noch zwischen ihm und der endgültigen Auslöschung Norraths. Und die zwei knieten mit dem Rücken zu ihm und flehten um göttlichen Beistand.
Ihre Gesichter wirkten seltsam entrückt. Sie murmelten Gebete, die ich nicht verstand.
Über ihnen dräute der titanische Schatten der Vernichtung.
Und Roehn Theer hob sein Schwert.
Und die Götter Norraths erhörten die Gebete zweier Templer.
Neue Kraft durchströmte mich. Meine Wunden schlossen sich, meine Brüche heilten. Ich erhob mich – und mit mir dreinundzwanzig andere Billies, die sich wie ein Wesen dem Göttertöter entgegenstellten. Stärke und Entschlossenheit sprach aus allen Gesichtern.
Und wir warfen uns dem schwankenden Titanen entgegen – mit all unserer Kraft, mit all unserer Magie. Wir waren keine harmlosen Mücken. Wir waren ein Schwarm wütender Hornissen, der der Arroganz des Universums den Todesstich versetzte.
Roehn Theer taumelte. Die Schwerter Aeteok und Enoxus entglitten seinen Händen, fielen in das endlose Dunkel einer der vielen Gruben, die sich nach wie vor auf dem Schlachtfeld befanden. Nur, um im nächsten Augenblick aus dem sturmdurchtosten Himmel zu stürzen und auf jenes Sonnenfeld zu prallen, auf dem die Götter Norraths ein verzweifeltes Gebet erhört hatten.
Und so, wie unsere Träume dort wiedergeboren worden waren, so zersplitterten die zwei Klingen Göttlichkeit in tausend Scherben.
Und Roehn Theer, der Göttertöter, schwankte und brach in die Knie, stürzte wie ein gefällter Baum auf sein Gesicht und blieb reglos liegen.
Stille senkte sich über das Schlachtfeld.

Epilog

Roehn Theer war tot. Nunja, ob er wirklich tot war oder nicht, darüber stritten sich noch Jahre später die Gelehrten. Die verbreitetste Theorie besagt, dass mit der Zerstörung seiner Schwerter auch die Macht des Göttertöters gebrochen und seine Essenz aus Norrath verbannt worden war. Er würde Jahrhunderte brauchen, um zurückzukehren, falls ihm das überhaupt je gelänge.
Für uns Billies, die wir unseren Sieg noch gar nicht so richtig fassen konnten, war das auch unerheblich. Für uns zählte das Hier und Jetzt. Der Jubel war ausgelassen und selbst unser Rückweg durch den Tunnel des Schreckens vermochte unsere Freude und unseren Stolz nur für kurze Zeit zu trüben.
Den Palast von Roehn Theer fanden wir bei unserer Rückkehr verwaist vor. Die wenigen Verteidiger, die wir am Leben gelassen hatten sowie die Palastbediensteten, die für den Betrieb eines solchen Gebäudes unabdingbar waren, hatten das Weite gesucht. Wahrscheinlich waren sie in die Gärten von Erudin geflohen, die ebenfalls noch unter dem Einfluss der Leere standen.
Also streiften wir einzeln oder in Gruppen durch die verlassenen Gänge, Sääle und Kammern des Palastes, um uns ein paar Andenken mitzunehmen.
Ich hatte einen besonders hübschen Splitter Aeteoks in meiner Gürteltasche verschwinden lassen. In Freihafen würde ich mir daraus einen netten Anhänger fertigen lassen. Ich freute mich schon auf die Gesichter einiger Würdenträger zuhause.
Ich trug bereits zwei prall mit Edelsteinen, Geschmeiden und Preziosen gefüllte Säcke über der Schulter. Unter meinen Beutestücken befanden sich auch ein fein gearbeitetes Flammenrapier, sowie ein hochwertiger Kettenarmpanzer mit schwarz- und goldziselierten Schulterstücken, auf den ich besonders stolz war.
Geistig überschlug ich bereits den mutmaßlichen Gesamtwert meiner Beute, als ich in eine weitere Kammer einbog und wie angewurzelt stehen blieb.
In der Mitte des Raumes stand ein hochgewachsener Mann, der offensichtlich nicht zu den Billies gehörte und streifte soeben ein Paar magischer, bläulich leuchtender, Hand- und Fußfesseln ab. Der Mann war breitschultrig und wies die typische Körperhaltung eines Kriegers auf. Sein Gesicht war kantig mit einem Zug von Grausamkeit um die Mundwinkel. Die Pupille seines linken Auges war milchig und einen gewaltige, rötlich schimmernde Narbe zog sich von seiner linken Wange hinauf bis zum Scheitelansatz seines silbrigen Haarschopfes, den der Mann zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden hatte.
“Lucan D’Lere”, entfuhr es mir. “Hochfürst!” Ich neigte den Kopf. Mehr Ehrerbietung konnte er von mir nicht erwarten, das hatte ich bereits bei früheren Begnungen klargestellt. Blutrabe kniete vor niemandem!
“Blóðraven”, begrüßte er mich, die halasianische Version meines Namens gebrauchend. Erstaunlich. “Ich habe Eurem Kampf mit dem Göttertöter verfolgt”, fuhr der Hochfürst fort. “Ich muss sagen, ich bin beeindruckt.”
Meine Gedanken rasten. “Auch ich grüße Euch, mein Fürst”, antwortete ich gedehnt. Dann hatte ich eine Idee. “Ich bin gekommen um euch nach Norrath zurückzubringen. Freihafen brennt, und Ihr müsst in Eure Zitadelle zurückkehren.”
Ein grausiges Lächeln, mit dem er wahrscheinlich regelmäßig seine Schattenritter erschreckte, umspielte Lucans Mundwinkel. “In der Tat. Obwohl ich jetzt auch selbst zurückkehren kann. Rhoen Theer hält mich nicht länger, und ich bin mehr als fähig, mich um die Angelegenheiten in meiner Stadt zu kümmern. Obwohl es scheint, dass mein Schwert nicht länger seine einstige Stärke besitzt.”
Oops, das saß. Ich konnte ihm natürlich schlecht auf die Nase binden, dass sich Tayil N’Velex in meiner Anwesenheit Seelenfeuer unter den Nagel gerissen und sich mit dem legendären Schwert aus dem Staub gemacht hatte.
“Tja, mein Fürst, es scheint, dass die Zwillingsschwerter durch Rhoen Theers Niederlage entladen wurden”, antwortete ich und hoffte, somit das Qeynos-Claymore erfolgreich in die Diskussion miteinbezogen zu haben.
Lucan schwieg für eine Weile. Ich beobachtete ihn aufmerksam. Schließlich sagte er: “Wo wir gerade von Macht sprechen, ich muss nun zurückkehren und mich um die kümmern, die in meiner Abwesenheit meine Macht an sich reißen wollten.”
Ich lächelte. “Da bin ich ja froh, dass ich Euch retten und somit die Ordnung in Freihafen wiederherstellen konnte. Was ist Euch die Sache denn wert?”
“Retten?” fuhr Lucan auf und wusste anscheinend nicht ob er lachen oder einen Wutausbruch bekommen sollte. “Ihr musstet mich nicht retten. Die Schergen Theers haben es nicht geschafft, mich gefangen zu halten. Ich habe hier nur auf mein Schwert gewartet, was mir jetzt nutzlos vorkommt. Euer Sieg über Theer ist bewundernswert, aber mehr Lob bekommt ihr von mir nicht. Ihr geht jetzt besser, während ich eine Stadt zurückgewinnen muss.”
Und damit vollführte er auch schon die wedelnden Bewegungen des Stadtheimrufungszaubers und war im nächsten Augenblick verschwunden. Ich seufzte. Kein Bonus. So war er nun mal, unser Lucan.
“Etwas Brauchbares hier herinnen, Rabe?”
Ich wirbelte herum. Cephir schwebte am Eingang der Kammer und blickte sich suchend um.
“Nein”, sagte ich und hoffte, dass der Arasai nichts von dem Gespräch mit Lucan mitbekommen hatte. “Nein, hier gibt es nichts zu holen.”

Epilog 2

Shimja Wirrwarr liebte ihre kleinen Enkaufsausflüge nach Paineel. Vor allem, wenn sie Silbhe mit einem großen Korb und einem langen Zettel in den Marktdistrikt schicken konnte, während sie selbst, Klein-Billy auf der Schulter, in der Halle der Hochmoorklingen nach alten Schriftstücken und dekorativen Möbeln stöbern konnte.
Die Billypuppe war sehr aufgeregt. Mit funkelnden Knopfaugen verfolgte sie das rege Treiben, deutete hier hin und dort hin und zupfte Shimja am Ärmel, wenn sie etwas besonders spannend fand.
Die Bardin nahm es gelassen. Sie freute sich, wenn ihr kleiner Schützling Spass hatte. Während dessen feilschte sie mit eine blasshäutigen Händlerin um einen Satz schwebender Küchenstühle für die Gildenhalle, so dass sie im ersten Moment weder Billys dringendes Ärmelgezupfe noch den Schatten des hochgewachsenen Eruditen wahrnahm, der sich, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, neben ihr aufbaute und höflich auf den Abschluss des Geschäftes wartete.
Shimja sah auf, kniff die Augen zusammen. “Ja bitte?
Der Erudit lächelte auf die kleine Bardin herab, ein Lächeln, das allerdings nicht seine Augen erreichte. Er trug die weißen, goldverzierten Amtsroben eines Ratsmitgliedes. Eine seltsame Aura der Macht ging von dem Fremden aus.
“Verzeiht meine Aufdringlichkeit”, sagte der Mann. “Mein Name ist Al’Kabor. Ich existiere in Dualität mit Dartain, doch das ist im Augenblick nebensächlich.”
Shimja schluckte und Billys Knopfaugen wurden noch eine Spur größer. “Ihr seid DER Al’Kabor?” fragte die Bardin ungläubig.
“Wenn Ihr so wollt”, versetzte der Erudit freundlich. “Dürfte ich auch Euren Namen erfahren?”
Shimjas Augen verengten sich misstrauisch. “Den kennt Ihr doch längst, wenn Ihr mich mitten im allgemeinen Gewimmel ansprecht. Aber wenn Ihr darauf besteht, mein Name ist Shimja und das hier – ist Billy.” Damit wies sie mit dem Daumen auf die kleine Gestalt auf ihrer Schulter, die jetzt aufgesprungen war, sich mit der einen Stoffhand an Shimjas Haaren festhielt und mit der anderen freunlich winkte.
Al’Kabor nickte anerkennend. “Shimja und Billy – Gründer und Herz der Söldner von ‘Billy on Tour’. Die Sieger über Roehn Theer.”
“Bezeichnet uns nicht als Söldner”, fuhr ihn Shimja scharf an. Billy verschränkte trotzig die Arme.
Al’Kabor hob beschwichtigend die Hände. “Es liegt mir fern, Euch zu beleidigen. Ich suche Euch in einer anderen Angelegenheit auf.”
Shimja legte den Kopf schräg und wartete.
Der Erudit atmete tief durch. “Sagt, habt Ihr schon einmal von Velious gehört?”

Ende (für den Moment)
© by Blutrabe

Zwei Klingen Göttlichkeit II

November 21

Als Mahalkita Mamasan Die Stimme das Deck der “Morgenstern” betrat, wurde der Arasai erneut bewusst, warum sie Schiffsreisen hasste.
Das Deck schien unter ihren kleinen Füßen wahre Veitstänze aufzuführen und niemals zur Ruhe zu kommen. Sie hatte keine Chance, diesem schaukelnden Dauerzustand zu entkommen, denn sollte sie ihre feinen, vielfarbigen Schwingen dazu einsetzen, sich in den schwebenden Ruhezustand zu versetzen, der für die Feenvölker Norraths typisch war, würde die flatternde Mahalkita hilflos zusehen müssen, wie sich die “Morgenstern” behäbig aber sicher unter ihren Füßen davon machte. Falls nicht zuvor der Bardin die Reling des Heckkastells ins Kreuz krachte!
Also seufzte Mahalkita ergeben, klammerte sich an eben diese Reling und versuchte, ihr ohnehin kärgliches Frühstück bei sich zu behalten. Währenddessen kochte und zeterte sie innerlich und verfluchte dabei die Seefahrt im Allgemeinen und die blöde Idee im besonderen, die sie dazu gebracht hatte, je die Planken eines Schiffes zu betreten.
Nach den Ereignissen im Labor von Perah’Celsis hatte Mahalkita sich abwechselnd leer und ausgebrannt, dann rast- und ruhelos gefühlt. Sie hatte erfahren müssen, dass die Bedrohung Norraths durch Roehn Theer kein Gerücht war, kein Märchen aus dem man eine spannende Geschichte wob, sondern harsche, grausige Realität. Und sie war sich nicht sicher, ob sie bereit war, dieser Bedrohung entgegen zu treten, auch wenn ihr klar war, dass es getan werden musste und dass nur die Billies es tun konnten.
In zwei Wochen würden die Vorbereitungen abgeschlossen sein, dann wollten sich Billys Streiter am Rande der Maroden Hochebene im Steinschlag-Bergland treffen und den Sturm auf den alten Palast von Erudin wagen. Und sollte ihnen das Unglaubliche gelingen, alle Fallen und Feinde die dort lauerten, zu überwinden, dann würden sie Roehn Theer, dem Göttertöter selbst, gegenüber treten. – Was danach geschah, darüber wagte Mahalkita nicht einmal nachzudenken.
Eine leichte Seebriese kam auf und kühlte die erhitzten Wangen der Arasai. Die lebenden Schlangen, welche sie nach Najadenart in ihrem Haar trug, flüsterten leise.
Die “Morgenstern” war eine typische, breitgebaute Kogge, wie sie die Weite See Handelsgesellschaft gerne einsetzte. Sie war zwölf Klafter lang und etwa dreieinhalb Klafter breit, verfügte über einen Mast mit großem Rahsegel und war am Heckkastell mit zwei Ballisten sowie einer weiteren im Bug bewaffnet. Die Tragkraft des Schiffes läge bei gut 50 Lasten, hatte ihr Kapitän Svarrod stolz erzählt. Der Mann war ein hochgewachsener Halasianer mit buschigem rotblondem Bart und unzähligen Lachfältchen in seinem wettergegerbten Gesicht.
Mahalkita war noch nie zuvor auf einem Schiff gereist. Aber sie kannte zahlreiche Geschichten von kühnen Seefahrern und ihren Abenteuern. Der Kapitän hatte einen so sympatischen Eindruck auf sie gemacht und das Schiff hatte solide und gemütlich ausgesehen, wie es da im Hafen von Qeynos vor Anker lag und Ladung aufnahm. Kurzentschlossen hatte die Bardin also eine Passage nach Hackklotz gebucht, dem nächsten Ziel der “Morgenstern”. Von dort würde sie weiterreisen zum Druidenring von Hackklotz und rechtzeitig am Treffpunkt sein, überlegte sie sich.
Inzwischen würde Mahalkita bei einer neuen Erfahrung in würziger Seeluft den Kopf frei bekommen und in aller Ruhe die grauenhaften Erlebnisse im vergessenen Labor in der Ballade vom Kampf der Billies gegen Perah’Celsis verarbeiten, an der sie gerade dichtete. Soweit der Plan!
Als die Kogge im Konvoi mit sechs weiteren Handelsschiffen am folgenden Morgen mit der Flut auslief, konnte noch niemand ahnen, dass die kleine Flotte vier Tage später in einen schlimmen Sturm geraten würde.
Das Unwetter hatte den ganzen vergangenen Nachmittag und die komplette Nacht gewütet. Zwar hatte Mahalkita bereits in ihren ersten Stunden an Bord die wahre Bedeutung des Wortes “Seekrankheit” kennengelernt, doch in jener Nacht, in der der Sturm wütete und die kleine Kogge wieder und wieder in seiner seiner geballten Faust durchschüttelte, auf den Wellen hin- und her warf, da war der Bardin bewusst geworden, dass es an Bord eines Handelsschiffes, in einer kleinen Kajüte unter Deck, tatsächlich eine Steigerung zum namenlosen Grauen im Labor des Perah’Celsis geben konnte!

+++

Am Morgen nach dem Sturm klammerte sich die Arasai mühsam unterhalb des Heckkastell an die Reling, unterdrückte den Drang, ihre Flügel zu benutzen und zwang sich, auf das Wasser hinauszublicken. Die See lag spiegelglatt vor ihr. Das Schwanken des Schiffes war auf ein erträgliches Maß gesunken und die kühle Morgenbriese vertrieb einen Teil der Übelkeit aus Mahalkitas Kopf.
Dennoch fühlte sie sich immer noch, als hätte sie nächtelang durchgezecht und müsse nun mit dem schlimmsten Kater ihres Lebens dafür bezahlen. Das Hämmern und Sägen der Zimmerer, die bereits mit den Reparaturarbeiten am Schiff begonnen hatten, hallte wie krachender Donner in ihrem gepeinigten Schädel wieder und trug nicht gerade zum Wohlbefinden der Bardin bei.
“Guten Morgen”, sagte plötzlich eine freundliche Stimme neben ihr. Mahalkita zuckte zusammen, schloss für einen Moment die Augen und versuchte, eine weitere Woge Übelkeit zu unterdrücken. Die Arasai zog eine Grimasse. Dass es jemandem gelingen konnte, sich ihr unbemerkt zu nähern, ärgerte sie. Sie öffnete die Augen und setzte zu einer scharfen Erwiderung an, als sie in dem Sprecher Borden erkannte, den Maat der “Morgenstern”.
“Sieht so aus, als wäre uns Prexus heute freundlicher gesinnt”, bemerkte der Hochelf im Plauderton, wobei er den Gott der Meere nach Seemannsart mit dem Wetter gleichsetzte. Mahalkita nickte müde. Sie mochte den qeynosgeborenen Hochelfen.
Sie selbst war eine Arasai – eine sogenannte “böse Fee”, geboren in Neriak, der Stadt des Hasses. Und obwohl Mahalkita ihrer finsteren Heimat schon vor vielen Jahren zugunsten des Lichtes und der Musik den Rücken gekehrt und sich inzwischen breite Anerkennung als Sängerin und Künstlerin erworben hatte, wurde sie von den meisten Angehörigen der sogenannten “guten” Völker nach wie vor mit Argwohn und Ablehnung behandelt.
Nicht so von Borden. Sein weißblondes Haar flatterte offen im Seewind, während er Mahalkita etwas reichte, was wie ein Stück geschälte Wurzel aussah.
Die Sängerin nahm den Gegenstand mit leicht zittriger Hand entgegen und roch daran.
“Ingwer?” fragte sie durch angezogene Mundwinkel. “Danke, aber ich bin nicht hungrig.”
“Ihr sollt es auch nicht essen, sondern nur kauen”, entgegnete Borden. “Ingwerwurzel lindert die Übelkeit. Verzeiht meine Offenheit, aber Ihr seht aus wie Weißbier mit Spucke.”
Mahalkita konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Sie steckte das Wurzelstück in den Mund und begann, darauf herumzukauen.
“Wo sind die anderen Schiffe?” fragte die Bardin mit einer leichten Kopfbewegung auf das leere trübe Wasser hinaus, die sie im nächsten Moment auch schon bereute.
Borden zuckte die Achseln. “Wenn sie nicht gesunken sind, hat der Sturm sie weit verstreut.”
“Gibt es denn keine Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt zu treten?” Besorgnis klang aus Mahalkitas Stimme.
“Es ist leicht diesig. Allzuweit sehen können wir derzeit leider nicht”, erwiderte Borden. “Wenn sie in der Nähe wären, könnten wir sie wahrscheinlich über das Wasser hören, aber…”
SEGEL ACHTERAUS!
Der Ruf aus dem Krähennest unterbrach den Schiffsmaat.
“Das könnte Eure Frage schon beantworten.” Der Maat lächelte aufmunternd. Er machte eine Kopfbewegung in Richtung des erhöhten Achterdecks. “Kommt, sehen wir uns mal an, wer es ist.”
Mahalkita benutze ihre Schwingen, um hinter dem Hochelfen her auf das Achterdeck zu schweben.
Dort hatte Tjarve, die Rudergängerin, das Steuerrad bereits verzurrt und spähte neben den anderen Anwesenden, Kapitän Svarrod, Borden und einem frettchengesichtigen Matrosen, den die Bardin als Devereq den Nörgler kennengelernt hatte, auf die dunstige See hinaus.
Als Mahalkita ihren Blicken folgte, musste sie unwillkürlich schlucken. Das Schiff, das sich dort aus der Trübnis schälte, war mehr als doppelt so groß wie die “Morgenstern”. Die Bordwand des Riesen überragte ihre eigene um gut eineinhalb Menschenhöhen. Die Bardin zählte vier Masten, die vorderen beiden mit hohen Dreieckssegeln getakelt, während die beiden hinteren für ihre unseemänischen Augen eine Mischung aus rechteckigen und quergestellten Segeln aufwiesen. Trotz der eher lauen Morgenbriese kam das Riesenschiff schnell näher. Das mochte an den zwei Reihen langer Ruder liegen, welche sich in stetigem Rhythmus hoben und senkten. Mahalkita schwindelte bei längerem Hinsehen.
“Ich verstehe nicht viel von Schiffen, aber das ist keins von unseren, nicht wahr, Kapitän?” fragte die Arasai.
Svarrod senkte sein Fernglas und bedachte die Bardin mit einem schiefen Lächeln. Doch auf seiner Stirn bildeten sich Sorgenfalten. “Das seht Ihr richtig, meine Dame”, erklärte der Kapitän. “Das dort drüben ist eine Kriegsgaleasse, so wie sie in Freihafen gebaut werden. Sie hat den Sturm wesentlich besser überstanden als wir.”
Er setzte das Fernrohr erneut ans Auge. “Hohe Bug- und Achterkastelle”, fuhr er fort. “Nahezu unmöglich sie zu entern, außer von einem gleichwertigen Schiff aus – und davon gibt es sicher nicht viele.”
“Lucans Ausflugsyacht”, scherzte Borden. Niemand fand das witzig.
“Ich zähle mindestens vier große Katapulte”, sprach Kapitän Svarrod ungerührt weiter. “Und zahlreiche Ballistas.” Er schob das Fernrohr zusammen. “Ein Kriegsschiff aus Freihafen würde sich normalerweise gar nicht um uns kümmern. Schlimmstenfalls vielleicht einen Wegezoll erpressen. Aber so, wie der da mit vollen Rudern auf uns zuhält, befürchte ich nichts Gutes.”
“Können wir ihm nicht davonsegeln, Kapitän”, fragte Mahalkita. So sehr ihr die Finger auch nach einem guten Kampf juckten, waren hier die Kräfteverhältnisse doch zu sehr zu ihren Ungunsten verteilt.
“Bei besserem Wind und an einer Küste entlang vielleicht”, entgegnete Tjarve. “Aber hier und jetzt?”
Mahalkita nickte. “Darf ich mal sehen, Kapitän?” Ihre Hand streckte sich nach dem Fernrohr aus, welches Svarrod erneut ausfuhr und mit einer Hand für die Arasai hielt.
Die Sängerin kniff das linke Auge zu, während ihr rechtes durch die Linse hindurch nach Zeichen oder Flaggen Ausschau hielt, die den Qeynosianern entgangen sein mochten, nicht jedoch ihrem neriakanischen Blick.
Die Segel der Galeasse wiesen ein schwarzrotes Muster auf, das sie nicht genau erkennen konnte. Aber was war das dort für eine Figur am Bug des Freihafeners? Sah beinahe aus, wie ein fellbewachsener Riesenaffe, der das Tanzbein schwang. Oh nein! Mahalkita sah entsetzt auf. Sie wusste, wem dieses Schiff gehörte!
“Macht die Ballistas klar!” hallte indessen Svarrods Stimme über das Deck. “Umsonst kriegen die uns nicht!”
“Kapitän!” fragte Borden entsetzt. “Wäre es nicht besser zu verhandeln?”
“Ich stimmt zu, Kapitän!” schaltete Mahalkita sich ein. “Das ist die “Tanzender Yeti”, Blutrabes Schiff. Ich kenne sie. Vielleicht kann ich…”
“Ihr kennt sie?” fragte Tjarve, die Rüdergängerin, entsetzt. Ihr Blick wurde eisig. “Wer sagt uns dann, dass Ihr keine von denen seid?”
Nun wurde es Mahalkita allmählich zu bunt. Merkten denn diese Blindfische denn nicht, dass nur sie allein sie hier vielleicht mit heiler Haut herausbringen konnte?
“Dreckige Spionin”, schnarrte Devereq. “Ich habe gleich gewusst, dass man einer Verräterin nicht trauen kann.” Mahalkita wusste, warum sie den Nörgler nicht mochte…
“Hört zu”, knurrte die Arasai und ihre Augen sprühten nun Funken, während die Schlangen auf ihrem Kopf wütend zischelten. “Ich kann…”
In diesem Augenblick hallte ein krachendes Geräusch über das Wasser. Dann noch eines. Zwei Felsbrocken lösten sich von den Katapulten der Kriegsgaleasse und flogen in hohem Bogen auf sie zu. Wenige Meter neben der Bordwand klatschten sie ins Wasser. Gischtfunken regneten über das Deck.
Von hinten wurde etwas über Mahalkita geworfen. Ein Sack? Verflucht! Wäre sie voll auf der Höhe gewesen, hätten sie sie nie so überraschen können, doch in ihrem geschwächten Zustand war sie für ihren Geschmack zu leichte Beute. Sie versuchte ihre Klingen zu ziehen, was sich jedoch als schwierig gestaltete.
“Ihr hirnverfurzten Hornochsen!” schrie die Arasai. Sie vernahm ein weiteres Knallen. Die “Yeti” machte ernst. Das laute Krachen berstenden Holzes und das Schreien Verwundeter verrieten ihr, dass dieser Felsblock wohl kein Warnschuss mehr war. Die Bardin wandte und drehte sich und nestelte an ihrem Rapier. Wenn es ihr gelang, die brennende Klinge freizuziehen, wäre sie im Nu aus ihrem Gefängnis heraus und dann würden diese Narren für ihre Dummheit bezahlen!
Im nächsten Moment schlug etwas schweres seitlich gegen Mahalkitas Schädel. Dann noch einmal.
Schwärze breitete sich aus.

+++

“Gut, dass du sie gefunden hast, Nyran.”
Die kehlige Stimme einer Frau drang durch die Dunkelheit, die Mahalkita wie wohltuende Watte umgab.
“Sie mag zwar eine verdammte Blümchenpflückerin geworden sein, aber sie ist nach wie vor eine gute Freundin.”, fuhr die Unbekannte fort. Sie redete in der Gemeinsprache, jedoch mit vernehmlichem halasianischem Akzent.
Mahalkita lag auf etwas weichem. Die Luft roch nach Salz und feuchtem Sand. Ein Lager an einem Strand? Die Arasai entschied sich, die Augen noch ein Weilchen geschlossen zu halten und abzuwarten.
“Das war ein Dienst an Norrath, Rabe”, erklang jetzt eine grinsende Männerstimme. “Wenn das wirklich Mahalkita die Stimme ist, dann wäre es eine Schande gewesen, so eine Künstlerin jämmerlich ersaufen zu lassen.”
“Vielleicht gibt sie dir zum Dank ja ein Privatkonzert”, erwiderte Blutrabe munter. “Soll ich sie fragen, wenn sie aufwacht?”
“Das würde mir gefallen”, antwortete der Mann, den Blutrabe Nyran genannt hatte. Dann wurde seine Stimme ernst. “Garkhan ist hier. Soll ich die Mannschaft in Alarmbereitschaft versetzen?”
“Nein”, antwortete die Piratin. “Ich bezweifle, dass er den Frieden der Messerbucht bricht und einen offenen Kampf anzettelt. Auch er verstößt nicht so einfach gegen den Ehrenkodex der Piraten”
“Ich sorge mich nicht um das, was er öffentlich tut, wie du weisst.”
“Halt die Augen offen. Das sollte genügen. Dieser Windbeutel soll nicht denken, wir hätten Angst vor ihm.”
“Ich kümmere mich darum.” Knirschende Schritte, die sich über kiesigen Sand entfernten.
Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann wehte entferntes Gelächter zu ihnen herüber.
“Du kannst die Augen jetzt aufmachen, Maha”, sagte Blutrabe. “Ich weiss, dass du wach bist.”
Mahalkita blinzelte vorsichtig. Kein Schmerz, keine Übelkeit. Gut. Vorsichtig richtete sie sich auf und blickte sich um. Sie saß auf einer gepolsterten Kokosmatte. Es war früher Abend und angenehm warm. Sie befanden sich an einem Strand, der zu einer geschützten Bucht gehörte. Zahlreiche Feuer brannten. Männer und Frauen anscheinend aller Rassen Norraths hatten es sich um die anheimelnden Flammen bequem gemacht. Fleisch briet, Getränke wurden herumgereicht. Alles in allem eine friedliche Atmosphäre. Zahlreiche Schiffe lagen in der Bucht vor Anker: zumeist Karracken, aber auch einige Galeeren und schnelle Küstensegler.
Der Sonnenuntergang tauchte die Bucht in ein orangewarmes Licht. Blutrabe hockte sich neben die Bardin und blickte aufs Meer hinaus. Gegen die kleine Arasai wirkte die Halasianerin mit ihren sieben Fuß Körpergröße wie eine Riesin. Sie trug feste Decksstiefel, eine purpur und grau gestreifte Hose sowie eine schwarze Lederweste, die ihre muskulösen Arme freiließ. Das widerbrostige rote Haar hatte sich die Barbarin im Nacken zu einem Zopf geflochten. Der tätowierte Vox-Zahn leuchtete auf ihrer sonnengebräunten Wange.
Mahalkita tastete ihren eigene Schläfe ab, dort wo sie eine fette Schwellung erwartet hatte. Nichts.
“Du hast einen guten Heiler an Bord wie ich sehe”, stellte die Sängerin fest.
“Lyaksandra”, sagte Blutrabe und reichte Mahalkita ein Tonfläschchen. “Teir’Dal. War früher bei der Inquisition. Nun bekehrt sie die die Heiden auf dem Meer.”
“Wer ist Garkhan?”
“Ein blöder Oger, der sich für einen Freibeuter hält.” Blutrabe zuckte die Achseln. “Ein unangenehmer Zeitgenosse, der mir meine geschäftlichen Erfolge neidet. Im Moment ist er ungehalten darüber, dass ich vier Schiffe eures Konvois aufgebracht habe und er keines.”
Mahalkita nahm einen tiefen Zug, schnalzte dann anerkennend mit der Zunge. “Bei Tunares Lockenwicklern, das tat gut.” Dann blickte sie Blutrabe an. “Was ist mit den übrigen Schiffen geschehen?”
Die Halasianerin grinste, nahm die Flasche zurück und trank ebenfalls. “Gesunken, entkommen, was auch immer, mir egal” fuhr sie gleichmütig fort.
“Das Schiff auf dem ich fuhr”, fragte Mahalkita, “was ist mit der Besatzung der “Morgenstern” geschehen?”
Blutrabe drehte sich seitlich und blickte der Sängerin offen ins Gesicht. “Ein paar haben sich gewehrt. Die sind jetzt bei Prexus. Die übrigen haben sich ergeben. Keine Sorge, die…” sie zögerte für einen winzigen Moment, “die fahren auch weiterhin zur See.”
Mahalkita warf einen düsteren Blick in Richtung der nun geschlossenen Ruderluken der “Tanzender Yeti” hinüber. Sie ahnte, was die Piratin damit meinte, konnte aber im Augenblick wohl kaum etwas dagegen tun. “Unter ihnen war ein Hochelf mit weißen Haaren…” begann sie.
“Borden. Netter Kerl.” Die Barbarin nickte. “War schlau genug, mir Gefolgschaft zu schwören”, fuhr sie fort und zuckte die Achseln. “Vielleicht gönne ich ihn mir heute Nacht als Wärmflasche. Vielleicht bin ich dann aber auch zu betrunken…”
“Ist es ratsam, sich zu betrinken, mit diesem Oger in der Nähe?”
“Nun ja, ich…”
GEHT MIR AUS DEM WEG, IHR FLÖHE!”
Ein riesenhafter Oger bahnte sich seinen Weg auf die beiden Frauen zu. Mühelos stieß er zwei Seeleute aus Blutrabes Besatzung beiseite, die sich ihm in den Weg stellen wollten. Mit einem eisenbeschlagenen Stiefel trat er auf das Schienenbein von einem der am Boden liegenden Männer. Der Knochen barst mit lautem Krachen und der Schrei des Mannes gellte für einen Moment durch die Bucht, ehe der Schmerz ihm die Sinne raubte.
“Wer hat denn den Kasper hier hereingelassen?” murmelte Blutrabe ärgerlich und erhob sich. Die Daumen lässig in den Gurt ihres Schwertgehänges gehakt, trat die Brigantin dem Hühnen entgegen. Mahalkita schwebte an ihrer Seite.
Der Oger baute sich beleidigend nahe vor den Frauen auf. Jetzt wurde der Bardin deutlich bewusst, dass ihr Gegenüber die Piraten um gut zwei Haupteslängen überragte. Seine muskelbepackten Arme, die aus seiner ledernen Tunika quollen, schienen mühelos Bäume aus dem Boden reissen zu können. In seinem breiten Gürtel steckten zwei schartige Äxte. Goldene Zierkappen schimmerten auf den vorstehenden Hauern des Ogers und warfen im Licht der Abendsonne zittrige Reflexe auf sein narbiges Gesicht. Seine schwarzen Schweinsäuglein brannten zornig.
“Garkhan, alte Scheißhausfliege”, begrüßte Blutrabe den Ankömmling in überschäumend herzlichem Tonfall. Dabei verbarg sie den Ärger über die unnötige Verletzung ihres Gefolgsmannes ebenso, wie sie die fünf finsteren Gestalten aus Garkhans Besatzung ignorierte, die sich nun an die Seite ihres Kapitäns stellten.
“Siehst gut aus”, fuhr die Brigantin munter fort. “Frisst du immer noch deine zwei Eimer Pferdekotze am Tag gegen die Magengeschwüre?”
Garkhan ballte die Fäuste, hielt sich jedoch zurück. “Deine Witzchen vergehen dir bald, rote Schlampe”, knurrte er.
“Garkhan, Garkhan, Garkhan…” Blutrabe schüttelte in gespielter Affektiertheit den Kopf. “Immer noch so charmant wie ein Eimer Minotaurenscheisse. Weitere wirkende Worte, ehe du wieder in den Jauchekübel, den du Schiff nennst, zurückkrabbelst?”
Die schwarzen Augen des Ogers blitzten. Er war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Sein Blick hungriger Blick schweifte über die Bucht und blieb an der “Tanzender Yeti” hängen.
“Bald ist die ‘Yeti’ mein”, flüsterte der Ogerkapitän heiser, “mein Wort darauf.”
“Da muss ein Irrtum vorliegen.” Kampflustig reckte Blutrabe das Kinn vor. “Ich verkaufe nicht an so unsympathische Kamelficker wie dich.”
Scharf sog Garkhan die Luft ein. Mahalkitas Hand näherte sich vorsichtig ihrem Rapier, als sie sich einer weiteren Präsenz bewusst wurde.
Lautlos war ein hochgewachsener Mann neben Blutrabe getreten. Er war ein Mensch mittleren Alters und trug Hosen und Tunika aus dunklem Samtstoff. Das lange, blonde Haar hatte er zu einem strengen Zopf zurückgeflochten. Seine Hand ruhte ruhig auf dem Kurzschwert in seinem Gürtel und seine stahlblauen Augen sezierten den Oger mit der Kälte eines Hais.
Weitere Seeleute näherten sich dem Ort des Geschehens – Menschen, Teir’Dal, ein oder zwei Iksar, eine Ogerfrau sowie mehrere Vertreter anderer Rassen Freihafens. Auch Borden erkannte Mahalkita unter ihnen. Die Miene des Elfen war entschlossen. Seine Hand umklammerte das Heft eines langen Entermessers.
Garkhans Oberlippe zuckte einseitig. “Wart es ab. Du wirst schon sehen”, flüsterte er rauh. Dann drehte er sich abrupt um und stapfte über den Strand davon, dicht gefolgt von seinen Männern.
Blutrabe atmete tief durch. “Fast hätte er sich provozieren lassen, Nyran”, sagte sie an den blonden Mann neben sich gewandt. “Aber leider nur fast.”
Der Blick der Brigantin wanderte zu den beiden Matrosen, die beim Auftritt des Ogers verletzt worden waren. “Bringt die zwei zu Lyaksandra!” rief sie. “Und dann seht zu, dass ihr ein Schwein auf den Spieß bekommt. Heute wird gefeiert. Dieser Pferdearsch von einem Oger soll nicht denken, dass er uns den Abend versaut!”
“Er brütet was aus”, bemerkte Nyran, während sich die Mannschaft der “Yeti” wieder ihren Feuern zuwandte.
“Aye.” Die Piratin nickte. “Behaltet ihn im Auge.”
“Ein unangenehmer Zeitgenosse”, warf Mahalkita ein, die fast bedauerte, dass es nicht zum Kampf gekommen war. “Kann ich irgendetwas tun?”
Blutrabe hielt inne. Sie legte den Zeigefinger an die Wange und dachte einen Moment lang nach. Dann grinste sie.
“Das könntest du in der Tat.”
Die Halasianerin legte eine Hand auf Nyrans Schulter. “Nyran hier ist ein riesiger Bewunderer deiner Kunst”, fuhr sie fort. “Ebenso wie viele andere aus meiner Mannschaft. Wir haben es alle bedauert, als du damals die Seiten gewechselt hast.”
Mahalkita fühlte sich geschmeichelt, auch wenn sie das nach außen selten zeigte.
Blutrabe breitete die Arme aus. “Es würde ihnen sehr viel bedeuten, Mahalkita Die Stimme leibhaftig zu erleben. Würdest du das für uns tun?”
“Aber der Oger…”, wandte die Bardin ein.
“…hält die Füße still, wenn er erfährt, was bei uns abgeht”, ergänzte Blutrabe begeistert. “Auch die Besatzungen anderer Schiffe werden sich um unsere Feuer scharen, wenn du auftrittst. Er KANN gar nicht anders, als den Frieden der Messerbucht zu akzeptieren!”
Mahalkita zögerte.
“Komm schon. Nyran hier”, und mit diesen Worten schob sie ihren ersten Maat einen unfreiwilligen Schritt nach vorn, “wird dir zur Hand gehen, falls du bei der Vorbereitung Hilfe brauchst.”
Nyran legte die rechte Hand auf sein Herz und neigte leicht den Kopf. “Es wäre mir eine Ehre.”
“Na gut”, antworte Mahalkita. “Was würdet ihr denn gerne hören?”
Blutrabe ballte die Faust. “Etwas Grandioses, Gewaltiges. Eine heldenhafte Schlacht… so etwas wie… wie… wie den Kampf gegen Waansu und Perah’Celsis!”
Die Sängerin riss die Augen auf. “Was? Das geht nicht, die Geschichte ist noch nicht fertig. Ich kann nicht…”
“Doch, du kannst. Improvisiere einfach.”
Und mit einem aufmunternden Lächeln schritt Blutrabe davon.

+++

Der Abend hatte sich herniedergesenkt über die Messerbucht und war der Nacht gewichen. Mehrere große und zahlreiche kleine Treibholzfeuer erhellten den Strand wie flackernde Perlen an einer Schnur. Bratenduft und Salzgeruch, Schweiß und Pfeifenrauch vermengten sich mit der lauen Sommerluft zu einem einzigartigen Gemisch.
Die Besatzungen der vor Anker liegenden Piratenschiffe feierten ausgelassen. Händler hatten ihre Stände aufgebaut und boten zwischen den Feuern Beute und Hehlerwaren feil. Sorglos boten Huren, Männer wie Frauen, ihre Dienste an. Sie alle schützte der Friede der Messerbucht.
Blutrabe hatte nur mäßig getrunken. Aufmerksam beobachtete sie das umliegende Treiben. Die Brigantin traute Garkhan nicht. Der Oger war hinterhältig und verschlagen. Auch er würde den Kodex der Piraten nicht brechen, doch vielleicht schickte er einen Attentäter. Ein Messer in der Dunkelheit mochte das gleich Ergebnis bringen wie brutale Kraft, jedoch ohne die mit letzterem verbundenen Scherereien.
Doch Blutrabe von Halas hatte nicht solange überlebt, indem sie Dinge dem Zufall überließ. Als die Besatzungen der einzelnen Schiffe begannen, sich um die Feuer zu mischen, hatte sie kleine Trupps der “Yeti” um das große Feuer verteilt, an dem Mahalkita ihren Auftritt haben würde. Kein Meuchler aus Garkhans Truppe sollte sich dabei unbemerkt nähern können.
Blutrabe mochte Mahalkitas Auftritte. Sie erzählte Geschichten nicht einfach, sie lebte sie, spielte sie mit einer Intensität, als wäre sie mitten im Geschehen und schlug mit ihrer einzigartigen Stimme jedes Publikum in seinen Bann.
Plötzlich zerriss ein schriller Flötenton das Stimmgewirr der feiernden Piraten. Alle Blicke wandten sich dem großen Findling zu, an dessen Fuß die Besatzung der “Yeti” ihr Feuer errichtet hatte. Unbemerkt war Mahalkita auf die Spitze des Felsens geflattert.
Erneut setzte die Fee die Flöte an die Lippen und spielte eine kurze Melodie. Dabei schien sie vor aller Augen zu wachsen und der Klang der kleinen Flöte schien in die letzten Winkel der Bucht zu dringen.
“Wollt ihr eine wahre Geschichte hören?” rief die Sängerin herausfordernd.
Lautes Geschrei brandete auf. Natürlich wollten sie. Mahalkita ließ die Menge für einen Augenblick gewähren, dann brachte sie sie mit einem weiteren Flötenstoß zum Schweigen.
“Dann erzähle ich euch eine wahre Geschichte”, sagte die Fee in einem unheildräuenden Flüsterton, der lauter als jeder Donner klang. “Die Geschichte von einem Zaubererkönig aus dem alten Erudin, der selbst im Tode noch schrecklich war. Einem Zaubererkönig, so abgrundtief böse und ruchlos. Ich erzähle euch die Geschichte von Perah’Celsis, dem lebenden Leichnam von unglaublicher Macht. Die Geschichte von Perah’Celsis dem Verderber… und…”
Die Schlangen auf Mahalkitas Haupt zischten unheilvoll und höhnisch zugleich in die angespannte Stille. Nur das Knistern des Feuers war zu hören und das ferne Schreien eines Seevogels.
Dann zerfetzte ein einzelner Trommelschlag das erwartungsvolle Schweigen.
“… und”, fuhr Mahalkita fort, “ich erzähle euch die Geschichte von seiner Kreatur. Ein mächtiger Drache, so gewaltig und stark wie einhundert Riesen. Ein magisches Wesen aus Feuer und Eis, tödlich und zerstörerisch wie eine Sturmflut.”
“Respekt”, dachte Blutrabe. “Der Einsatz des Trommlers war perfekt. Wo Nyran den wohl aufgegabelt hat?”
Mahalkitas Stimme war lauter und lauter geworden, während sie das Untier in immer noch gewaltigeren Metaphern beschrieb. Schließlich breitete sie die Arme aus. Die Schatten, die ihre Schwingen im flackernden Feuerschein warfen, machten sie selbst zum Drachen während sie rief: “ICH ERZÄHLE EUCH …VON WAANSU!!!”

+++

Xilaxis der Entdecker war tot.
Grünes Blut sickerte aus den unzähligen Wunden, die die Billies dem Yha-lei beigebracht hatten. Der mächtige Dreizack des gigantischen Fischmenschen lag zerbrochen auf den glitschigen Fliesen des Labores von Perah’Celsis.
Bis hierher waren Billies Streiter gekommen. Nach dem Tod von Sara Grünherz waren sie tiefer und tiefer in das unheimliche Gewölbe der Forschungshallen vorgedrungen, hatten eine Riesenkrabbe auf ihrem Streifzug durch die finstren und modrigen Gänge aufgestört und dabei ihren Reiseproviant aufgefrischt.
Schließlich hatten sie eine Bibliothek erreicht. Tausende und abertausende von Büchern, Folianten und Schriftrollen, Aufzeichnungen und Berichten stapelten sich dort in meterhohen Regalen, während die gegenüberliegende Fensterfront einen atemberaubenden Ausblick auf den Grund des schwebenden Ozeans von Erudin, der Gewaltigen Tiefe, bot.
Der Geist eines vergessenen Aviak-Gelehrten sowie mehrere Drachenabkommlinge hatten die Bibliothek bewacht. Weitere verdrehte Experimente von Perah’Celsis dem Wahnsinnigen.
Nachdem die Billies die Hüter der Bibliothek von ihrem jahrhundertelangen Leiden erlöst hatten, teilten sie sich in zwei Gruppen auf. Die einen suchten einen Ausgang aus der Bibliothek, doch sie fanden keinen. Die anderen, vor allem die Priester und die Magier, versuchten sich einen Überblick über die gesammelten Aufzeichnungen zu verschaffen und eventuell dabei Informationen zu finden, die das Vorankommen der Billies ermöglichen mochten.
Denn trotz all der Stunden, die sie bereits in diesen trostlosen Hallen verbracht, trotz all der Schrecken, denen sie sich entgegengestellt und sie letztendlich überwunden hatten, schienen sie ihrem eigentlichen Ziel, Perah’Celsis, keinen Schritt näher gekommen zu sein.
Schließlich war es Saamu, der Elementar-Magier, der in einer verstaubten Pergamentsammlung den entscheidenden Hinweis auf Teleporterfelder innerhalb des Laborkomplexes fand. Eine schwach schimmernde Bodenplatte zwischen zwei Büchersäulen erwies sich schließlich als das Gesuchte.
Khalandra, die Schattenritterin, betrat es als erste, verschwand und tauchte nach wenigen Minuten wieder auf.
“Es funktioniert”, berichtete sie. “Wenn man die Platte betritt, gelangt man in einen weiteren Laborkomplex, in dem sich ziehmlich viele Monster in großen Glasröhren befinden. Auch dort streifen wieder Golems und Wächtergeister umher.”
“Wie können wir hindurchgelangen, ohne dass sie sich gleich wie wild auf uns stürzen?” fragte Apofis der Hexer skeptisch.
Khalandra lächelte wölfisch. “Ich habe mich hinter einer Stellwand verborgen und ein wenig umgesehen. Es gibt einen abschüssigen Gang im Osten, der leer zu sein scheint. Die Wächter durchwandern das Labor auf festen Wegen. Wahrscheinlich tun sie das schon seit Ewigkeiten. Es gibt ein kurzes Zeitfenster, indem wir den Teleporter durchschreiten und ungesehen den Gang erreichen können. Dort locken wir sie dann nach und nach in die Falle.”
Während um sie herum zustimmendes Gemurmel ausbrach, kniff die Schattenritterin die Augen zusammen und sagte: “Ungefähr… JETZT!”
Damit trat sie einen Schritt zurück und verschand. Hastig folgen ihr die übrigen Billies. Der Plan gelang und sie konnten die Wächter einen nach dem anderen in ihr Verderben locken.
Doch der Gang selbst war der einzige, der aus der Laborhalle herausführte und erwies sich als Sackgasse. Wieder steckten die Billies fest. Der Verdacht wurde geäußert, dass es irgendwo ein weiteres Teleporterfeld geben müsse.
Bei der Suche danach jedoch weckten die Billies Streiter aus Versehen die riesigen Fischmenschen auf, die in dem Laborkomplex in Stasis lagen – und diese griffen ohne jedes Federlesen an.
Der Kampf war hart gewesen, doch schließlich siegten die Billies und Xilaxis lag in seinem Blut. Und wieder suchten sie nach einem Teleporterfeld, weitaus vorsichtiger diesmal.
In der Mitte des Komplexes befand sich eine weitere, an zahllose Schläuche angeschlossene Glasröhre, die größer war als alle anderen, so groß, dass Xilaxis dort viele male hineingepasst hätte. In dieser Röhre kauerte zusammengerollt ein gewaltiger Drache. Durch die blubbernde Flüssigkeit hindurch ließ sich nicht sagen, ob dessen Augen geschlossen waren oder, ob er die Billies mit gemeinem Blick verfolgte.
Kahja, die kleine Rattonga, rieb sich nervös die feinen Schnurrbarthaare, ehe sie auf ein davorstehendes Podest sprang und die alterudianischen Schriftzeichen musterte, die darauf leuchteten. “Was steht hier, Darli?” fragte sie beklommen.
Die Klagesängerin nahm mit schnellen Schritten die Stufen zum Podest hinauf und kniff die Augen zusammen, während sie die verblassten Schriftzeichen entzifferte:
“See on Waansu vágev, súnd tule, jâ ja Nôidus. Káepide úlima hoolikusega.”
Darliyah lächelte. “Das bedeutet: Hier ist Waansu der Gewaltige, geboren aus Feuer, Eis und Magie. Mit äußerster Vorsicht zu behandeln!”
Kahja schauderte. “Der jagt mir eine Gänsehaut über das Fell.”
“Ja”, nickte die Sängerin. “Den lassen wir besser in Ruhe und suchen da drüben weiter.”
Ein kleines grünes Licht leuchtete am Fuß der Röhre. Daneben stand in alterudianischen Schriftzeichen: “Valmisolek – Verfügbarkeit”

+++

Inyazulu war frustriert.
Schon wieder steckten sie hier fest. Wieder eine Sackgasse. Die vielen Stunden, die die Billies bereits in diesem beklemmenden Gewölbe verbracht hatten, kamen dem Froschlok bereits wie Tage vor.
Tage voller Schrecken, voller Kampf und Abenteuer, gewiss. Aber auch Tage voller Düsternis und Langeweile. Dass der alte Perah’Celsis ein völlig durchgeknallter, amoralischer Wahnsinniger war, hatten sie ja mittlerweile herausgefunden. Aber das der alte Knabe auch noch eine Vorliebe fürs Versteckspielen besaß…
Die Zeit drängte. Wenn die Billies den Zauberer nicht bald finden würden, müssten sie an diesem ungastlichen Ort wohl auch übernachten. Inyazulu schauderte. Er sehnte sich nach der Weite des Himmels zurück, nach dem zarten Summen der Insekten in der Sommersonne, nach dem herrlich feuchten Pfuhlen des Torfmoores.
Ach, viel lieber würde er jetzt dort auf einem Pilz hocken und den Libellen zusehen, vielleicht die eine oder andere vorwitzige auch mal mit seiner langen Zunge einfangen und ungewürzt verspeisen. Bei dem Gedanken lief dem Froschlok das Wasser im Mund zusammen.
Aber was nicht ist… Er seufzte. Resigniert trat Inyazulu gegen ein herumliegendes Stück Fleischgolem. Klatschend schlitterte es in eine nahe Wasserlache. Und der Froschlok wäre fast hinterher gerutscht.
Wie seine amphibischen Vorfahren ähnelte Inyazulu einem großen Frosch. Seine feuchte Haut schimmerte in hellem Rot. Seine Froschbeine eigneten sich allerdings besser zum Hüpfen und Springen als zum Treten. Also nutzte er sie zu ebendiesem Zweck und sprang eine weitere Empore hinauf, um sich einen besseren Überblick in dieser riesigen Halle mit ihrem Wust aus Röhren, Instrumenten, Schläuchen und blinkenden Lichtern zu verschaffen.
Die Welt löste sich auf…
… und setzte sich wieder neu zusammen.
Inyazulu schüttelte den Kopf, konnte ein entsetztes Quaken aber gerade noch zurückhalten. Ihm gegenüber, auf einem kleinen Podest, stand ein hühnenhafter Ork in der vollen Rüstung eines Knochenbrecher-Legionärs und starrte den kleinen Froschlok mit finsterem Blick an.
Schon wollte Inyazulu seine Persönlichkeitsreflektion herbeirufen und ihr befehlen, anzugreifen. Schließlich war er ein Thaumaturgus, ein Magier, der Phantasmen herbeirufen und den Geist seiner Gegner verwirren konnte.
Doch der Ork rührte sich nicht und machte auch keine Anstalten, dem Froschlok an die Gurgel zu gehen. Inyazulu hätte fast laut aufgelacht. “Ich bin auf eine Statue hereingefallen”, dachte er. “Es wird wirklich Zeit, dass ich hier herauskomme.”
Vorsichtig hüpfte er ein paar Schritte vor, um den Ork näher in Augenschein zu nehmen. Beiläufig bemerkte er dabei den flauschigen roten Teppich, der in dieser Halle den Bodenbelag bildete.
Inyazulu sah sich um. “Da sind noch weitere Statuen”, stellte er innerlich fest. “Nein, Moment. Das da hinten sind Projektionen. Ein Zyklop, ein Yha-lei und ein Erdelementar. Hmm, sehr seltsam.”
Wie überall in diesem Laborkomplex waren auch hier vor jedem Podest kleine Leuchttafeln angebracht auf denen Zeichenkolonnen wie von Geisterhand auf und ab liefen. Inyazulu beachtete sie kaum. Dafür verstand er zu wenig Alterudianisch.
Er interessierte sich mehr für die hohe Bühne am Ende des Hallweges. Verzierte Stufen führten rechts und links daran empor. In der Mitte der Bühne befand sich eine weitere riesige Glasröhre in deren Innerem ein zusammengekauerter Saurier schwamm.
“Muss wohl so eine Art Raptor sein. Und davor… Holla die Waldfee!” entfuhr es dem Froschlok leise. Direkt vor der Röhre schwebte eine finstere Gestalt in dunklen Roben.
Inyazulu stieß anerkennend den Atem aus. “Gütiger Marr”, dachte er. “Der sieht aber echt aus!”
Der Thaumaturgus musterte die düstere Gestalt. Sie wirkte seltsam eingefallen und knochig. Die Haut spannte sich über die schlaffen Gesichtsmuskeln wie graues Pergament. Die Lippen waren zurückgezogen wie bei einem halbverwesten Toten. Das Wesen hatte die Augen geschlossen und schien auf irgendetwas zu lauschen.
“Wie haben die alten Erudin-Zauberer wohl hinbekommen, dass er schwebt?” dachte der Froschlok bewundernd.
In diesem Moment senkte die finstere Gestalt ihren Arm. Eine krallenartige Hand regte die sich.
Und Inyazulu hüpfte zum Teleporterfeld wie ein geölter Blitz…

+++

Blutrabe schmunzelte. Mahalkita verwob Dichtkunst und Wahrheit zu einem einzigartig bunten Gebilde, wie nur die wahren Barden es vermochten.
Die Brigantin war an jenem Tag dabeigewesen, als Billies Streiter Pera’Celsis herausforderten. Tatsächlich hatte Inyazulu den geheimen Teleporter in das Sanktum des Lichmagus gefunden. Aber sie kannte den Froschlok als mutigen, unerschrockenen Streiter, wenn es darauf ankam. Ob es also wirklich wie in der Erzählung abgelaufen war, wagte sie zu bezweifeln.
Blutrabe musterte die Menge der Zuhörer. Weitere Gruppen von Seeleuten hatten sich dazugesellt. Die Halasianerin erkannte auch einige aus Garkhans Mannschaft, die sich in kleinen Gruppen unter die Schaulustigen mischten. Gut, der Tanz würde bald losgehen.
Blutrabes Blick suchte Nyran, der sich ebenfalls durch die Menge bewegte und auch einige andere vertrauenswürdige Besatzungsmitglieder der “Tanzender Yeti”.
Blutrabe konnte sich des unguten Gefühls nicht erwehren, etwas übersehen zu haben. Irgendetwas lief nicht wie geplant.

+++

“Ich hab ihn gefunden!” rief Inyazulu, kaum dass er aus dem Teleporter trat.
Hastig beschrieb er den herbeieilenden Billies, was er gesehen hatte. Dabei warf er immer wieder nervöse Blicke über die Schulter, als würde der Lich im nächsten Augenblick aus dem Transporterfeld hervorbrechen und über sie alle herfallen wie Innoruks gestaltgewordener Zorn.
“Klingt, als wäre er das”, bemerkte Khalandra, als Inyazulu seinen Bericht beendet hatte. Zustimmendes Gemurmel wurde laut.
“Also gut!” Afeo zog seine Äxte aus dem Gürtel. “Worauf warten wir dann noch?”
Nach dem Ende von Sara Grünherz hatte er Perah’Celsis den Tod geschworen. Afeo Fumigato der Getreue war ein Zwerg, der zu seinem Wort stand.
Khalandra zog ihr Schwert. “Tod dem Perah’Celsis!”
Oneal, der Wächter, tat es ihr gleich. “Tod dem Perah’Celsis!”
Djinn tat lediglich mit einem Nicken unter der Kaputze seine Zustimmung kund, doch der Rest der Billies nahm den Ruf auf.
“TOD DEM PERAH’CELSIS!” hallte es durch das Gewölbe. Dann traten sie durch das Teleporterfeld.
Der Lich schwebte nach wie vor unbeweglich an seinem Platz. Er schien die Billies nicht zu beachten.
Sofort nachdem sie den Hallweg betreten hatten, teilten sich Billies Streiter in vier Gruppen auf. Ihre Eingespieltheit ließ sie mit der Präzision eines gnomischen Uhrwerks handeln. Khalandra, Djinn und Oneal führten jeweils eine Gruppe aus Heilern und Nahkämpfern an, während sich die vierte Gruppe, die hauptsächlich aus Zauberwirkern bestand, im Hintergrund hielt.
Mit gezogenem Schwert trat Oneal an die Bühne heran. Die reich verzierten Platten seiner teir’dalischen Prunkrüstung schimmerten in Schwarz und Indigo, als der Dunkelelf dem Lichkönig entgegenschnarrte: “Komm herunter und stirb!”
Ruckartig öffnete die finstere Gestalt die Augen. In ihrem gelblichen Blick lag die pure Bosheit. Krallenartige, vertrocknete Finger bewegten wie Spinnenbeine.
“Eindringlinge in meinem Allerheiligsten?” Das rauhe Flüstern des Lichs klang wie Mühlensteine und alte Knochen. Er redete in Gemeinsprache, jedoch mit archaischem Akzent. “Dafür werdet ihr den Zorn des Perah’Celsis kennenlernen.”
Und mit diesen Worten stürzte er sich auf Oneal, der ihn schon mit gehobenem Schild erwartete und sogleich ein paar Schritte zurücktrat, um den übrigen Mitgliedern des Raubzuges eine bessere Position zu ermöglichen. Diese bildeten einen Halbkreis um das kämpfende Paar und traktierten Perah’Celsis mit einer wahren Sturmflut aus Nah- und Fernkampfattacken. Klingen blitzten. Wogen aus Feuer und Gift umwaberten den Geisterzauberer.
Indessen hieben Perah’Celsis’ Klauen mit der Gewalt von Windmühlenflügeln auf Oneal ein. Kühl parierte der Wächter Schlag auf Schlag, während er gleichzeitig seinen Angreifer mit schlimmsten Schmähungen bedachte. Ein stetiger Strom heilender Kraft durchfuhr den Dunkelfen und sorgte dafür, dass er nicht ins Wanken geriet.
Das schien auch Perah’Celsis zu bemerken. Er breitete die Arme aus und war im nächsten Moment von einem wabernden Luftfeld umgeben.
“Dies führt zu nichts”, krächzte der Leichnam. “Ich werde euren Kampfgeist beurteilen, wenn Waansu mit euch fertig ist.”
Und die Welt verschwamm.

+++

In diesem Moment bemerkte Blutrabe, wie sich eine Gruppe von Garkhans Männern einen Weg durch die Menge bahnte. In ihre Richtung.
Die Brigantin beobachtete die Menge, sie suchte Nyran, der sich ebenfalls auf ihre Position zu bewegte und dabei versuchte, die Schläger des Ogers im Auge zu behalten. Außerdem sah sie Lyaksandra und auch Borden, den Hochelfen, den Mahalkita mitgebracht hatte.
Die Bardin war nun voll in ihrem Element. Schweißperlen glitzerten auf ihrer Stirn. Ihre magisch verstärkte Stimme hallte über den Strand, während sie gestenreich davon berichtete, wie die Billies im Laborgewölbe Waansus wieder zu sich kamen und zu ihrem Schrecken bemerkten, dass die große Röhre, die den Drachen beherbergt hatte, nun zerbrochen da lag.
Die Zuschauermenge lauschte ihr wie in Trance. Mahalkitas Auftritt war gewaltig, energiegeladen. Sie nahm ihr Publikum gefangen.
Garkhans Männer schienen unbewaffnet zu sein, doch wie leicht mochte der eine oder andere einen vergifteten Dolch unter seiner Weste verbergen.
Blutrabe verließ ihre Position und schlug von außen einen Halbkreis um die Menge, versuchte auf halbem Weg Nyran zu treffen. Das nagende Gefühl ließ sie nicht los. Verflucht! Was hatte sie nur übersehen?

+++

Der schnaubende Atem des Drachen hallte überlaut durch den stillen Laborkomplex. Schnüffelnd blickte das Untier sich um. Zum Ärger der Billies reckte sich sein gewaltiger Leib genau zwischen den beiden Teleporterfeldern.
Asenath brachte es auf den Punkt, als sie trocken bemerkte: “Gibt wohl nur eine Art hier heraus zu kommen.”
Langsam und geordnet bewegten sich die Billies rückwärts, zum gegenüberliegenden Ende des Gewölbes. Solange der Drache sie nicht bemerkt hatte, konnten sie sich vielleicht noch einen Plan überlegen.
Eine weitere hohe Röhre stand dort, in der ein pilzartiger Myconid schwebte. Vom teils verfaulten Zustand des Wesens her, mochte man darauf schließen, dass er bereits tot war. Interessiert musterte Kahja die Schriftzeichen auf der Konsole vor der Röhre.
“Schau mal, Darli”, flüsterte die Erzwingerin aufgeregt. “Sind das nicht die gleichen Schriftzeichen für Feuer und Eis, wie sie da drüben an Waansus Konsole gestanden haben?”
Die Klagesängerin überflog den erkennbaren Text. Dann erhellte sich ihre Miene. “Kaitse ja jâ tule kahju”, las sie, “Schutz vor Eis und Feuer. Djinn, Khala, seht euch das mal an.”
Der Kampfmönch nickte. “Das könnte hilfreich sein.”
“Achtung!” rief Afeo plötzlich, der den Drachen im Auge behalten hatte. “Er hat uns bemerkt!”
Das Untier richtete seinen kalten Echsenblick in Richtung der kauernden Billies, die sich sofort hinter der Röhre des Myconiden verschanzten.
Einzig Oneal trat aus den Reihen des Raubzuges und nahm, mit dem Rücken zur Gewölbewand, Aufstellung. Schweiß glitzerte auf seiner Stirn, doch sein Blick war trotzig, während er mit erhobenem Schwert dem Monstrum seinen Schlachtruf entgegenschmetterte.
Waansu der Gewaltige ließ sich nicht lange bitten. Mit einem ohrenbetäubenden Schrei breitete er die ledrigen Schwingen aus und stürmte, wie von einer riesigen Ballista abgeschossen, auf den dreisten Wurm zu, den ihn da herausforderte.
Als der Drache über die Billies hinwegdonnerte, schlug eine Welle, die aus Hitze und Kälte zugleich zu bestehen schien, über ihnen zusammen.
Nur die hastig errichteten Schutzwälle der Heiler und Sänger verhinderten, dass die Mitglieder des Raubzuges durcheinander gewirbelt wurden wie Herbstlaub im Sturm.
Die Kralle des Drachen schlug nach Oneal. Dieser hob seinen Schild und konnte die Wucht des Hiebes mühsam ablenken. Eine glühende Schmerzwoge, so heiß, dass sie sich wie Eis anfühlte, lief seinen linken Arm entlang. “War das alles?” knurrte der Teir’Dal.
Afeo hatte seine Äxte gezogen und hieb grimmig auf die Flanke des Drachen ein. Es war, als würde er gegen eine Granitsäule schlagen. Die kränklich gelben Schuppen des Drachen sprühten eisige Feuerfunken, als sie sich aus dessen horniger Haut lösten und langsam den Weg zu seinem verwundbaren Fleisch frei gaben.
Eine weitere Woge elementarer Energie löste sich von dem Monstrum und spühlte auf die Billies zu. Aus den Augenwinkeln bemerkte Kahja, dass neben den Glyphen, die Darliyah vorhin gelesen hatte, ein rotes Licht aufleuchtete. Mit einem für die kleine Rattonga gewaltigen Satz hechtete sie vorwärts und schlug ihre Faust auf das Licht, welches sofort erlosch..
Die Energiewelle brandete über den Raubzug hinweg, ohne Schaden anzurichten. “Darli!” rief Kahja, während sie sich mühsam wieder aufrappelte.
“Ich habe es gesehen”, rief die Sängerin zurück. “Wir behalten die Stelle im Auge. Wenn es wieder aufleuchtet…”
Kahja nickte.
Inzwischen versuchten die Heiler den Raubzug am Leben zu halten. Immer wieder erlag der eine oder andere Billy der elementaren Aura des Drachen, senkte seine Waffen, unterbrach seinen Zauberspruch, unfähig, dem Untier weiteren Schaden zuzufügen.
“Fluchbrecher!” hatte Ssizzel, die Inquisitorin, als erstes gerufen. Danach hatte jedesmal ein anderer Heiler diesen Ruf aufgenommen, wann immer ein Mitglied des Raubzuges diese Symptome aufwies.
Waansu wurde immer wütender. Wieso widerstanden ihm diese Winzlinge solange? Er spürte, wie der Kampf mit zunehmender Dauer an seinen Kräften zehrte. Er begann, in der Sprache der Drachen, einige arkane Worte zu zischen.
Plötzlich erschienen eitrig gelbe Blasen aus dem Nichts und umschwebten die Kämpfenden, nahmen ihnen die Sicht.
Instinktiv schlug Afeo nach einer der Blasen. Sie zerplatzte unter der Axt des Zwergen wie eine reife Melone. Und sofort begannen sich die Wunden des Drachen zu schließen!
Auch einige andere Billies hatten versucht, die schwebenden Eiterbeulen zu beseitigen. Mit dem selben Ergebnis. Während ihre Kräfte erlahmten, schien der Drache wieder stärker zu werden. Waansu stieß ein triumphierendes Grollen aus.
Afeo fluchte bei den Geistern seiner Ahnen. Dieser verdammte Drache war alles, was zwischen ihm und seiner Rache an Perah’Celsis stand! Nach der stoischen Art seines Volkes war der Zwerg bereit, mit dem Kopf voran durch meterdicke Felswände zu gehen, um seine Ziele zu erreichen. Und wenn die Felswand in diesem Falle ein uralter bösartiger Drache war, der mit faulen Tricks arbeitete, dann schreckte ihn das nicht. Mit grimmig gefletschten Zähnen hob Afeo Fumigato der Getreue seine Zwillingsäxte und griff wieder an.

+++

Blutrabe wirbelte herum.
Auch sie hatte sich der Faszination von Mahalkitas Auftritt nicht entziehen können. Vor ihrem geistigen Auge hatte sie den Kampf gegen Waansu noch einmal erlebt. Die Wellen aus Hitze und Kälte, die der große Drache verströmte, wie Ringe, die entstehen, wenn man einen Stein in ein stilles Gewässer wirft, jagten ihr erneut eine Gänsehaut über den Rücken und ließen ihre Nackenhaare zu Berge stehen.
Sie spürte noch einmal, wie ihre Arme lahmer und lahmer wurden mit jedem Hieb, den sie gegen das Untier führte. Das Gefühl auf eine versteinerte Eiche einzuschlagen, dann plötzlich die Teilnahmslosigkeit, die einem das Blut in den Adern zu Eiswasser werden lies, bis einer der Heiler “Fluchbrecher!” rief.
Noch einmal erlebte sie den Moment, als Waansu erneut die kränklichen Blasen beschwor, die ihn heilen sollten. Doch diesmal war Djinn auf der hut gewesen. Immer wieder war Blutrabe von den akrobatischen Fähigkeiten des Mönchs fasziniert. So auch in diesem Augenblick, als er aus dem Stand in die Luft sprang, sich an der Schulter des Drachen abstieß, unter dessen Schwinge hindurchtauchte und jede der Blasen mit einem so genau berechneten Halbkreisfußtritt traf, dass jeder der Blasen zwar kurz aufflackerte, aber nicht eine einzige davon zerplatzte.
Federnd war der Mönch wieder auf den Füßen gelandet, war aus der Hocke hochgeschnellt und losgelaufen.
Wie erwartet folgten ihm die Blasen, nur um in einiger Entfernung in eine weitere Röhre gezogen zu werden und dort zu zerplatzen, ohne jedoch auf den Drachen irgendeine heilende Wirkung auszuüben.
Diesmal war es der Jubel der Billies gewesen, der triumphierend durch das Gewölbe hallte. Blutrabe hatte unwillkürlich lächeln müssen bei dem Gedanken.
Und hatte so das Blitzen der Klinge erst im allerletzten Augenblick bemerkt!
Wie ein silberner Pfeil zischte das Messer auf ihren ungeschützten Bauch zu. Mit einem verzweifelten Reflex drehte die Brigantin sich zur Seite. Die Klinge schnitt an ihren Rippen entlang und hinterließ eine blutige Spur.
Der Meuchler stieß noch einmal zu. Diesmal packte Blutrabe sein Handgelenk, zog ihn aus der Menge heraus und rammte ihre Stirn mit voller Wicht auf die Nase des hochgewachsenen Mannes.
Der Attentäter sah Sterne, Blut schoß aus seiner lädierten Nase. Die Piratin schlug ihm die geballte Linke ins Gesicht. Der Mann taumelte rückwärts. Seine Knie gaben nach. Das Messer flog aus seiner Hand.
Blutrabe fing es auf und stieß es dem Meuchler rückhändig in die Kehle, dann drehte sie ihr Handgelenk und zog die Klinge schräg aufwärts. Blut spritzte durch die Luft und klatschte in den Sand.

+++

Waansu blutete aus zahlreichen Wunden. Viele Male hatte Djinn bereits die schwebenden Kugeln von dem Drachen fortgezogen, so dass sie die Bestie nicht mehr heilen konnten. Kahja oder Darliyah war es immer wieder gelungen, die elementare Schutzglocke zu aktivieren. Die Billies hatten sich nun auf ihren Gegner eingestellt und kämpften ihn langsam aber sicher nieder.
Waansu wurde immer unruhiger. Er hatte sich Oneal als Opfer ausgesucht, doch der Teir’Dal wollte und wollte nicht fallen. Er hieb mit seinen Klauen nach dem Wächter, stieß mit seinem klaffenden Maul auf ihn herab, versuchte ihn auf seine Hörner zu spießen. Doch nichts schien den Dunkelelfen niederwerfen zu können. Immer wieder war dieser den entscheidenden Schritt schneller, lenkte die Attacken des Drachen mit seinem Schild ins Leere und stieß sein Schwert in die Stellen offenen Fleisches, von denen sich die schützenden Schuppen durch die Angriffe der übrigen Billies gelöst hatten.
Da sprach Waansu einen letzten, verzweifelten Zauber. Und würde ein Drache höhnisch lachen können, so hätte es dieses Untier jetzt getan. Ein arkanes Siegel, kaum sichtbar, legte sich wie eine zweite Haut um Waansu. Zwar konnte er seine Wunden nicht mehr heilen, doch auch keine Waffe der Billies, kein Zauber, kein wie auch immer gearteter Angriff ihm jetzt noch Schaden zufügen.
Unruhe machte sich unter den Mitgliedern des Raubzuges breit. Jeder einzelne von ihnen war von dem langwierigen Kampf erschöpft. Ihre Arme waren lahm, ihre Kehlen rauh vom endlosen Intonieren ihrer Zaubersprüche.
Entsetzen machte sich auf ihren grauen Gesichtern breit. Sollte alles umsonst gewesen sein? Sollte ihre Entschlossenheit, Norrath vor der Macht des Göttertöters zu bewahren in diesem finsteren Tiefseelabor eines vergessenen Kontinents ihr Ende finden auf den Klauen eines kranken Drachen, der nur den Launen eines Wahnsinnigen gehörte?
Afeo Fumigato der Getreue wollte es nicht glauben. Er hatte geschworen Perah’Celsis, den Verderber ungezählter guter Seelen zu töten. Bei Brells Namen hatte er Rache geschworen für das Ende von Sara Grünherz. Und ein Zwerg hielt sein Wort – immer! Koste es, was es wolle!
Noch einmal hob er seine Zwillingsäxte. Mit einem wütenden Aufschrei stürmte er auf Waansu zu. Auch die übrigen Billies schrien aus rauhen Kehlen, die des Schreiens schon gar nicht mehr mächtig waren und folgten dem Beispiel des Zwergen.
Als Afeo plötzlich der mächtige Schwanz des Drachen mit der Wucht eines eichenen Baumstammes traf und damit durch den neuerwachten Kampfgeist von Billies Streitern brach wie ein Wurfhammer durch eine Glasscheibe.
Der Zwerg wurde durch die Luft geschleudert, prallte gegen eine Wand und schlug direkt neben der Konsole auf, hinter der noch vor kurzem Xilaxis der Entdecker in Stasis gefangen gewesen war.
Schwer atmend rollte sich Afeo auf den Rücken. Sofort zog er eine kleine Stahlphiole aus seinem Gürtel, zog den Korken mit den Zähnen heraus und stürzte die darin enthaltenen Flüssigkeit in einem Zug herunter.
Keine Sekunde zu früh!
Im nächsten Moment brandete eine neue Elementarwoge über den Zwergen hinweg, ohne ihm jedoch weiteren Schaden zuzufügen. Zähneknirschend rappelte der Abenteurer sich auf und wollte gerade zum Ort des Kampfes zurücklaufen, als er aus den Augenwinkeln zwischen den Trümmern der großen Röhre, in der Waansu gefangen gewesen war, ein leuchtendes Objekt wahrnahm.
Der Zwerg kniff die Augen zusammen. Eine leuchtende Kugel, die in warmen Gelb und Orangetönen pulsierte. Was mochte das sein? So etwas wie Waansus schlagendes Herz? Ein Objekt, das die Bestie kontrollierte?
Entschlossen setzte Afeo alles auf eine Karte. Er griff sich das Objekt mit beiden Händen und rannte auf den Kampfplatz zu. Seine Wunden hatte er in diesem Moment vergessen. Er wusste nicht warum, aber er war sicher, dieses Objekt, das er in den Händen hielt, würde den Kampf entscheiden. So oder so!
Ein seltsam berauschtes Gefühl ergriff den Abenteurer. Während er auf Waansu zustürmte, schlug eine weitere Woge aus kaltem Feuer über ihn hinweg, verbrannte seine Haut, sengte seinen Bart.
Afeo kümmerte es nicht. Schmerz spürte er nicht mehr. Die Zeit verlangsamte sich. Augenblicke wurden endlos. Khalandra rief etwas, das in den Ohren des Zwergen so gedehnt klang, dass er kein Wort verstand. Seine Augen waren fest auf Waansu gerichtet.
Und in diesem Moment fegt die Bestie Oneal mit einer Klaue beiseite. Wie in Zeitlupe krachte der Wächter gegen die Wand und rutschte daran herunter. Waansu wirbelte herum. Seine Augen trafen sich mit denen des Zwerges und in diesem Sekundenbruchteil wusste Afeo, dass er sterben würde!
Dennoch verlangsamte er seinen Sturmlauf nicht einen Schritt. Ein ungeahntes Hochgefühl ergriff ihn. In seinem Kopf konnte er die Stimmen seiner Ahnen hören. Sie sangen. Mit Stimmen so tief und alt wie der Fels sangen sie sein Heldenlied. Sein Opfer würde nicht umsonst sein. Wenn Waansu starb, konnten seine Gefährten endlich den Lich töten und der Frieden von Saras Seele wäre wieder hergestellt. Ja, so würde es sein!
Die Hörner aus Waansu Maul stießen ihm entgegen. Afeo hob die leuchtende Kugel hoch über den Kopf. Ihr Pulsieren spiegelte sich in den bösen, gelben Augen des Drachen.
Dann wurde alles plötzlich gleißend hell.
Und Afeo Fumigato der Getreue fühlte nichts mehr.

+++

Blutrabe spähte in die Dunkelheit. Mahalkitas Erzählung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Wie in Trance sah die Menge zu der Bardin auf, hing an ihren Lippen, an jeder ihrer Gesten, die Nyrans einsamer Trommler stets an der richtigen Stelle zu untermalen wusste. Niemand hatte das kurze Handgemenge am Rande des Zuschauerkreises bemerkt.
Der Meuchler lag mit dem Gesicht im Sand. Zunächst schwallweise strömte das Blut aus seiner zerrissenen Kehle, ehe es schließlich als stetig schwächer werdender Strom versickerte, während der Mann starb.
Blutrabe erhob sich, hielt Ausschau nach weiteren Angreifern. Doch es war Nyran, der neben ihr auftauchte.
“Tut mir leid”, sagte er zerknirscht. “Ich hätte an deiner Seiten sein müssen. Sie haben es allerdings geschickt durchgezogen. Wir hatten die falschen Leute um Auge.”
Blutrabe blickte nachdenklich auf den Leichnam des Attentäters herab. Lyaksandra schob sich durch die Menge. Die Schiffsheilerin der “Tanzender Yeti” blickte besorgt.
“Bist du in Ordnung?” fragte die Dunkelelfe. Ihre scharfen Augen hatten auch im schwachen Schein der Lagerfeuer sofort Wunde der Brigantin bemerkt. Sie sprach einen kurzen Zauber, der die Blutung stillte. “Garkhans Männer ziehen sich zurück.”
“Hat unser Plan funktioniert?” fragte Blutrabe.
Lyaksandras Lippen kräuselten sich zu einem süffisanten Lächeln.
Blutrabe schob ihren Stiefel unter den Leichnam des Attentäters und dreht ihn herum, um sein Gesicht zu sehen. Als die Kapuze des Mannes zurückfiel, hielt Nyran seine Fackel über den Toten.
Und da wusste Blutrabe, was ihr die ganze Zeit über entgangen war.

+++

Die “Tanzender Yeti” näherte sich den Docks der Hackklotz-Berge. Schon konnte Mahalkita die grauen Granitblöcke ausmachen, die dem Gebirge auf der Südseite Faydwers sein charakteristisches Aussehen ebenso wie seinen Namen gaben.
Die Bardin stand an der Reling des Bug-Kastelles und schaute über das Wasser dem vorläufigen Ziel ihrer Reise entgegen. Für sie überraschend lag die Messerbucht nicht mehr als eine halbe Tagesreise von den Hacklotz-Docks entfernt.
Die Arasai hatte ihre Najaden-Schlangenzier heute in der Kabine gelassen. So zauste der frische Seewind an ihrem tiefschwarzen Haar. Mahalkita genoss es.
Von ihrer Seekrankheit war nicht mehr viel übrig geblieben. Zwar spürte sie noch gelegentlich ein leichtes Unwohlsein. Doch seit sie Bordens Rat beherzigt hatte und seitdem immer wieder auf einer Ingwerwurzel herumkaute, solange sie sich an Bord befand, war ihre Übelkeit auf ein erträgliches Maß gesunken.
Natürlich mochte es auch daran liegen, dass Blutrabes große Kriegsgaleasse wesentlich ruhiger auf dem Wasser lag, als es seinerzeit die “Morgenstern” getan hatte.
Wie aufs Stichwort trat die Piratin in diesem Augenblick neben Mahalkita an die Reling. Sie hatte die Beine ihrer roten Segeltuchhose in die Stulpen ihrer Seestiefel gesteckt und trug dazu ein wollenes Hemd. Säbel und Entermesser steckten in ihrem Gürtel.
“Dein Auftritt gestern war phantastisch”, bemerkte Blutrabe anstatt einer Begrüßung. “Ich habe alles wieder leibhaftig vor mir gesehen.”
Mahalkita neigte bescheiden das Haupt. “Als ich anfing, wusste ich noch nicht, wie ich es beenden sollte. Aber als ich mich warmgespielt hatte, fiel es mir ganz leicht.”
Blutrabe grinste. “Nyran betet seitdem den Boden an, über den du schwebst. Er hat mich gebeten, ihn aus meinen Diensten zu entlassen, damit er dein Lustsklave werden kann.”
Die Blicke der beiden Frauen trafen sich. Dann prusteten sie los.
“Und trotzdem bist du nicht bis zum Schluss geblieben”, versetzte Mahalkita nach einer Weile.
Blutrabe zuckte die Achseln. “Naja, ich wusste ja, wie es ausgeht. Die Heiler haben Afeo wieder zusammengeflickt, nachdem er die Bombe gezündet hatte. Dank Khalandras Warnruf haben sich die übrigen alle schnell in Deckung geschmissen, während wir den guten alten Waansu von den Wänden kratzen konnten.”
“Also lässt du den alten Perah’Celsis, der uns mit seinen wilden Teleports und Flammenzaubern und Geistattacken fast noch in den Wahnsinn getrieben völlig aussen vor?”
Blutrabe schürzte die Lippen. “Der ist Geschichte. Sein Leichnam ist verbrannt, sein Labor in Schutt und Asche und sein Kopf ziert ein Podest in irgendeiner Gildenhalle. Ich denke lieber an das, was vor uns liegt.”
Der Name Roehn Theer hing unausgesprochen in der Luft. Mahalkita beschloss, das mulmige Gefühl, das sie beschlich mit einem Themenwechsel zu vertreiben.
“Was ist mit dem Oger?” fragte sie. “Denkst du, Garkhan wird dich weiter belästigen?”
“Das glaube ich kaum.” Blutrabes zufriedener Tonfall ließ die Bardin aufhorchen.
Erwartungsvoll blickte sie die Piratin an.
“Naja”, erläuterte diese. “Sieht so aus, als hätte dein Auftritt die meisten von seinen Leuten zu uns herübergelockt. Da ist wohl irgendwie eine neriakanische Schnappspinne unter seine Bettdecke gelangt. Schon erstaunlich, wie so ein kleines Wesen so giftig sein kann.”
“Verfügt er denn über keinen Heiler, der ihn hätte zurückholen können?”
“Sogar zwei. Aber mir wurde berichtet, das deren Köpfe unauffindbar sind.”
“Sowas Blödes aber auch.”
“Nicht wahr?”
Für eine Weile blickten die beiden Frauen über das Meer den herannahenden Bergen entgegen. Dann fragte Blutrabe: “Wann wolltest du es mir sagen?”
“Was sagen?”
Blutrabe zog die Augenbrauen hoch. “Ich dachte immer, dich nennt man wegen deines außergewöhnlichen Gesangs- und Rezitationstalents “Die Stimme”. Allerdings ist das auch der Titel, den der Anführer einer Zelle der Unsichtbaren Hand führt. Ich weiss das, weil ich selbst einer Zelle der Hand vorstehe. Nyran war einer ihrer Hauptleute, ehe er in meine Dienste trat und wir die alte “Stimme” unserer Zelle beseitigt haben.”
Mahalkita stieß einen langen Seufzer aus. “Gut”, sagte sie dann gedehnt. “Unter Billies. Süd-Queynos.”
Blutrabes schiefes Lächeln erreichte diesmal nicht ihre Augen. “Warum hast du den Elfen auf mich angesetzt?”
“Borden?” Die Arasai wirkte nur für einen Sekundenbruchteil entsetzt, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. “Ist er…?
Blutrabe drehte in einer Was-hast-du-erwartet?-Geste die Handflächen nach außen.
Mahalkita runzelte nachdenklich die Stirn. “Borden war einer von meinen, ja. Aber er handelte nicht auf meinen Befehl. Möglicherweise hätte er es bei mir auch versucht, wenn er bei dir Erfolg gehabt hätte.”
Die Brigantin nickte. “Ich glaube dir. Wenn jemand deine Zelle infiltriert, könnte er es bei mir genauso versuchen. Oder bei einem anderen Billy, der Geschäfte mit der “Hand” macht. Sieht so aus, als wollte jemand verhindern, dass wir Roehn Theers Palast erreichen.”
Mahalkita unterdrückte ein Schaudern. Sie blickte über die Reling. Die Hackklotz-Docks waren schon sehr nah. Sie könnte bereits die ersten Hafenarbeiter erkennen, die sich bereitmachten, die Galeasse in Empfang zu nehmen.
Sie blickte zum steilen Pfad auf, der hinauf in das Gebirge führte und zum Druidenring. Jenseits des Tores lag das Steinschlag-Bergland und dort, am Rande der Maroden Hochebene, befand sich der Palast, in dem die Billies den Göttertöter vermuteten. Offenbar befanden sie sich auf der richtigen Spur.
Möwen schrien im Wind.

Ende (für den Moment)
© by Blutrabe

Zwei Klingen Göttlichkeit I

August 29

Kapitel 1

“Eins woll’n wir singen,
Grünherz, Grünherz,
was ist mit den einsen?
Eins ist eins und war schon eins
und wird’s auch immer bleiben.”

Fröhlich sang die kleine Fee den Reim, lächelte das Gewächs vor ihr an und flatterte weiter. Ihre Stimme hallte glockenhell durch das unterirdische Gewölbe. Die Fee blickte auf zum künstlichen Deckenlicht und nickte. Es flackerte zwar leicht, aber es war gut so für ihre Schützlinge. Sie hielt ihre Gießkanne über die nächste Blüte.

“Zwei woll’n wir singen,
Grünherz, Grünherz,
was ist mit den zweien?
Zwei für den Tag und Nacht,
Tag und Nacht sind zweie,
eins ist eins und war schon eins
und wird’s auch immer bleiben.”

Sara liebte diesen Reim. Und sie wusste, dass auch ihre Blütlinge ihn liebten. So wie sie alles liebte was wuchs und gedieh. Die kleine Fee war eine Botanomantin, eine Pflanzenmagierin und die Beste ihrer Zunft. Einstmals in Faydwer hatte sie die größten Baumkonstruktionen zustande gebracht, die Norrath je gesehen hatte. Die Baumriesen, die nun Kelethin trugen, stammten aus ihrer Zucht. Aber das wusste Sara Grünherz nicht. Denn sie war vor langer Zeit schon fortgegangen.

“Drei woll’n wir singen,
Grünherz, Grünherz,
was ist mit den dreien?
Drei sind alle guten Dinge,
zwei für den Tag und Nacht,
Tag und Nacht sind zweie,

eins ist eins und war schon eins
und wird’s auch immer bleiben.”

Auch wenn Sara Grünherz schon sehr lange lebte, so war ihr Gemüt doch stets das eines Kindes geblieben. Staunend und unbedarft wie sie war, so begegnete sie auch ihren Schützlingen. Die Blütlinge waren ihre Freunde und ihre Spielgefährten. Sie war ihnen Mutter und Schwester zugleich. Schon damals, als der Erudit sie bat, sich um seine Pflanzenzucht zu kümmern, hier in dem Gewölbe am Grund des Meeres.

Sara hatte sich kaum vorstellen können, wie in so einer lichtlosen und abgeschiedenen Welt Pflanzen gedeihen konnten.
“Mit deiner Hilfe und deiner Kunst”, hatte Perah’Celsis, der Erudit gesagt. Seine Stimme war tief und voller Wärme. “Nur du kannst Leben bringen, wo keines wächst. Und ich kann es schützen und studieren.”

“Aber warum?” hatte Sara Grünherz, die Botanomantin, gefragt.
“Leben um des Lebens willen”, hatte Perah’Celsis gesagt. “Gemeinsam werden wir ganz Norrath begrünen und dann in tausend Blütenfarben leuchten lassen. Würde dir das gefallen? Vertraust du mir?”
Und die großen Augen der kleinen Fee hatten vor Begeisterung gestrahlt. Feierlich hatte sie genickt.

“Vier woll’n wir singen,
Grünherz, Grünherz,
was ist mit den vieren?
Vier sind die Jahreszeiten,
drei sind aller guten Dinge

zwei für den Tag und Nacht,
Tag und Nacht sind zweie,
eins ist eins und war schon eins
und wird’s auch immer bleiben.”

Mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen flatterte Sara Grünherz weiter zum nächsten Blütling.

***

“Was tut sie denn da?” fragte Afeo Fumigato grummelig in die Runde. Die Worte schwangen verhalten durch das Gewölbe.
“Sieht aus, als würde sie Blumen gießen”, antwortete Maachilie, die Druidin, in leisem Flüsterton, als fürchtete sie, den Zauber der Szenerie zu stören, falls sie lauter sprach.
Der Zwerg strich sich über seinen strohblonden Bart, kniff die Augen zusammen und beobachtete die geisterhafte Gestalt der Fee, die von Blüte zu Blüte flog und dabei mit klarer Stimme sang:

“Fünf woll’n wir singen,
Grünherz, Grünherz,
was ist mit den fünfen?
Fünf sind die Finger,
die Finger einer Hand sind fünf,

vier sind die Jahreszeiten,
drei sind aller guten Dinge
zwei für den Tag und Nacht,
Tag und Nacht sind zweie,
eins ist eins und war schon eins
und wird’s auch immer bleiben.”

Afeo unterdrückte eine Gänsehaut. Es gab wenig, was den zwergischen Haudegen aus der Ruhe brachte. Dafür hatte er bereits zu viel von der Welt gesehen. Doch dieser sphärische, kindliche Gesang rührte sein Herz auf eine Weise, die ihm gar nicht gefiel.

Der Zwerg war ein Veteran zahlloser Raubzüge. Das Grauen war ihm bereits in vielen Verkleidungen begegnet. Er hatte die tiefen Grüfte unter Sebilis gesehen und die flammenumtosten Gipfel der Drachenberge. Er hatte an Orten gekämpft, die andere nur aus Legenden kannten.

Er hatte sich den Leerebestien im Palast des Ewigen ebenso gestellt wie den Alptraumgestalten der Scherbe des Hasses. Und doch konnte er sich nicht erinnern, je ein Gebiet erkundet zu haben, das so eine hoffnungslose Verzweiflung ausstrahlte und in solch trostloser Agonie die Seele zermalmte, wie dieses vergessene Forschungslabor am Grunde eines Meeres, das mit den Resten eines ganzen Kontinents in der Einsamkeit der Himmel schwebte.

Bereits das erste Gewölbe, das sie in diesem Komplex betreten hatten, erwies sich als ein Kabinett des Schreckens. Afeo erschauderte, als er an die riesenhaften Abscheulichkeiten dachte, die die Reihen und Röhren jener Laborkammer wie stille Alptraumwächter durchstreift hatten.

Regelmäßig aufgestellte Säulen aus Licht, in deren Innerem schnelle Zeichenfolgen einer längst vergessenen Schrift flackerten, erhellten die Szenerie notdürftig.
Eine einzelne, hochgewachsene Geistergestalt wanderte von Säule zu Säule und studierte die Zeichenkolonnen mit geschäftsmäßger Aufmerksamkeit. Die blutigen Schleifspuren, welche die Mosaikmuster am Boden in unregelmäßigen Abständen unterbrachen, beachtete sie nicht.

Als die Billies den Saal betraten, hatten sich die Abscheulichkeiten in stummer Wut auf sie gestürzt, Golems, aus längst totem Fleisch und Knochenmasse gefertigt – aus ihren Augen sprach der Zorn zu lange gequälter Seelen. Sie starben – einer nach dem anderen – bis nur noch der Geist des Forschers übrig war. Und auch dieser hielt der geballten Macht von Billies Streitern nicht lange stand.

Später hatten sie aus Aufzeichnungen erfahren, dass es sich um Ernax Heridion gehandelt hatte, einen Gehilfen Perah’Celsis’, der die Forschungen seines Herren in ewiger Routine fortgesetzt hatte, ohne seinen eigenen Tod zu bemerken. Afeo schnaubte. Wie konnte man so blöd sein? Nun war der Kerl halt das zweite mal gestorben – und diesmal blieb er liegen!
Was genau Perah’Celsis vor langer Zeit in seinem Labor erforschen ließ, war den Billies nach wie vor unklar. Sie waren auf Spuren verschiedener Kreaturen gestoßen. Gräßlich mutierte Wesen schwammen in gläsernen Tanks und Röhren und schienen die Mitglieder des Raubzuges mit stummen, anklagenden Blicken zu verfolgen. Einige waren offensichtlich tot, verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit. Bei anderen war sich Afeo nicht so sicher gewesen.

Eindeutig lebendig jedoch waren die großen Raptor-Saurier, tödliche Riesenraubtiere eines längst vergessenen Zeitalters, mit rasiermesserscharfen Klauen und Zähnen, gehüllt in dampfende Giftwolken, die einem den Atem nahmen. Branwhyn und Khalandra hatten sich ihrer angenommen, die schwer gepanzerten Krieger. Und unter den wütenden Attacken der übrigen Billies wurden aus den wirbelnden Muskelmassen der Kreaturen schnell blutige Fleischmassen, die in die Totenstarre übergingen.

Weiter führte die Billies der Weg, immer tiefer in die stillen Hallen und Gänge des Labors. Sie erwehrten sich der Attacken mutierter Ungetüme, welche ziellos durch die Gewölbe und Flure streiften. Tumbe Fleischgolems, genäht aus den Leichenteilen von Ogern und Riesen und mit unheiligem Leben beseelt, stellten sich ihnen in den Weg, ebenso wie die ruhelosen Geister ehemaliger Wissenschaftler.

Oder ehemaliger Opfer? Afeo war sich diesbezüglich unschlüssig. Der Abenteurer zuckte die Achseln. Letztendlich war es auch egal. Sein Weinschlauch war seit Stunden leer und seine Laune war zunehmend schlechter geworden.

Im nächsten Komplex waren die Billies auf aggresive Pflanzengeister gestoßen. Auch ein großes, dreibeiniges Pflanzen-Elementarwesen war darunter, das sich als äußerst zäh erwiesen hatte. Als sie dessen Überreste untersuchte, hatte Morgoose die Schamanin, eine wunderschön gearbeitete Kettenhaube gefunden – diese war mit Goldstickereien verziehrt und wies eine hochgradig magische Aura auf – und hatte sich diese über ihr bleiches Teir’Dal-Haar gelegt.

Schließlich hatten die Billies ein großes Rondell erreicht, von dem mehrere Schlafräume abzweigten. Hier hatten vor Jahrhunderten die Forscher gelebt, geschlafen und ihre Freizeit verbracht. Auf einigen Tischen standen noch Speise-Utensilien, die Überbleibsel einer hastig abgebrochenen Mahlzeit. Reste achtlos über die Stuhllehnen geworfener Kleidung waren noch zu sehen, ebenso wie teilweise noch bezogene Federbetten. Unter einem ragte eine knochenbleiche Hand hervor. War der Erudit im Schlaf überrascht worden? Und wenn ja, wovon? Warum waren die anderen so überhastet aufgebrochen? Trümmer bedeckten Teile des mit prunkvollem Teppich ausgelegten Bodens. Und auch hier fanden sich wieder die allgegenwärtigen blutigen Schleifspuren.

Und an dieser Stelle vernahmen die Billies zum ersten mal den Gesang der Fee.

***

“Sechs woll’n wir singen,
Grünherz, Grünherz,
was ist mit den sechsen?
Sechs Tage arbeiten und danach werd’ ich ruh’n,
fünf sind die Finger,
die Finger einer Hand sind fünf,

vier sind die Jahreszeiten,
drei sind aller guten Dinge
zwei für den Tag und Nacht,
Tag und Nacht sind zweie,
eins ist eins und war schon eins
und wird’s auch immer bleiben.”

Seufzend hielt Sara inne. Morgen war der siebte Tag. Morgen würde sie sich faul im Licht der zweiten Sonne rekeln und den Anblick ihrer Blumen genießen. Sie würde mit den Käfern spielen und mit dem Moosling über die Wiese tollen. Der Moosling würde versuchen sie zu fangen und sie würde sich irgendwann fangen lassen. Und dann würde der Moosling sie auskitzeln und sie würde lachen und lachen bis sie keine Luft mehr bekam.

Beim Gedanken an den Moosling blickte die Fee sich um. Wo war der überhaupt? Sie hatte ihn heute noch gar nicht gesehen. Sonst stand er immer schon an ihrem Lager wenn sie erwachte und verlangte sein frisches klares Quellwasser. Ach, sie zuckte die Achseln. Wahrscheinlich hatte er sich mit den großen Eidechsen verquatscht.
Sara blickte in ihre Gieskanne. Oh, Tunare – das Wasser war schon wieder alle. Halb hopsend, halb flatternd machte sie sich auf den Weg zum Brunnen.

“Sieben woll’n wir singen,
Grünherz, Grünherz,
was ist mit den siebenen?
Sieben Tage hat die Woche,
sechs Tage arbeiten und danach werd’ ich ruh’n,

fünf sind die Finger,
die Finger einer Hand sind fünf,
vier sind die Jahreszeiten,
drei sind aller …”

Abrupt unterbrach die Fee ihren Gesang. Die Blüten auf der Blumenwiese – sie waren alle tot! Zerstückelt und zerhackt! Und dort lag der Moosling! Seine einstmals starken Beine zerschlagen und verdreht! Sara Grünherz schrie entsetzt auf. Wer tat ihren Kindern so etwas an? Der Erudit hatte gesagt, niemand würde sie stören und sie stünden alle unter seinem Schutz.

Was war hier geschehen? Wo war der große Mann? Und wer waren die dunklen Wesen, die dort standen?
Sara wusste nicht, wie ihr geschah. Ihre Welt war mit einem Schlag zerbrochen. Die dunklen Wesen gehörten nicht hierher. Mit einem Aufschrei, halb voll Schmerz und halb voll Zorn, warf sie sich ihnen entgegen.

***

Afeo schwante Übles. Bereits als er den Gesang das erste mal vernommen hatte, wüsste er, dass etwas nicht richtig war. Als sie dann den Feengeist sahen, befürchtete er, dass dieser ein besonderes Band zu den Pflanzengeistern besaß, die die Billies soeben erschlagen hatten.

Dann hielt die Fee inne und starrte die Raubzugstruppe an. Herschläge dehnten sich zu Ewigkeiten, während sich im Blick des Gespenstes Überraschung zu Entsetzen wandelte und schließlich in bittere Wut mündete. Maachilie schaute erschrocken zu Argden hinüber. Der Dunkelelf lächelte der Druidin beruhigend zu, zog jedoch in einer fließenden Bewegung seine Klingen.

Dann flatterte den Feengeist auf und stieß einen durchdringenden Schrei aus! Wie eine arkane Faust aus festem Klang krachte eine unsichtbare Urgewalt in die Reihen der Billies und wirbelte sie auseinander. Afeo wurde gegen eine Wand geschleudert. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen. Fluchend und keuchend rappelte er sich wieder auf und zog grimmig seine Schwerter.

“So so, der Kanarienvogel hat also Glanz auf dem Hammer”, hörte er Blutrabe knurren. Die Barbarin hatte ebenfalls ihre Säbel gezückt. In ihren Augen glomm die Kampfeslust.

Nein, dachte der Zwerg. Das war nicht richtig. Zu kämpfen war hier falsch.
“Heda, Fledermaus!” rief Khalandra. “Spiel mit mir!”
Die Fee warf sich wütend herum und hieb mit zu Klauen gekrümmten Fingernägeln auf die Schattenritterin ein.
Das ging alles zu schnell! Eisblitze und Giftwolken prasselten auf den Feengeist ein. Die Magiekundigen hatten das Feuer eröffnet, während die Heiler ihre Schutzzauber woben. Das Chaos der Schlacht hatte begonnen und ließ sich nicht mehr aufhalten.

Widerwillig beteiligte sich Afeo am Kampf. Seine wirbelnden Klingen spannten ein Netzwerk aus bläulichen Blitzen um winzigen den Körper des Gespenstes. Und doch schlug er nur halbherzig zu. Der Säbelrassler hatte keine Probleme gegen Riesen zu kämpfen, gegen Drachen oder Ungetüme. Und seine Goldgier behielt immer mal wieder die Oberhand über seinen Gerechtigkeitssinn. Doch was hier geschah, gefiel ihm ganz und gar nicht.

Die Fee stieß erneut einen gellenden Schrei aus, der die Billies gehörig durcheinander wirbelte. Doch diesmal waren die Mitglieder des Raubzuges vorbereitet, so dass die meisten sich schnell und ohne großartige Hilfe wieder aufrappeln und am Kampf teilnehmen konnten.

Der Geist jedoch begann, Khalandra zu ignorieren und wob einen unbekannten Zauber in Richtung Branwhyns. Für einen Augenblick schien es, als wolle der hühnenhafte Krieger sein Schwert fallen lassen.

“Bran!” schrie Khalandra.
Der Barbar blinzelte irritiert, schüttelte dann den Kopf und schlug der Fee seinen gepanzerten Ellenbogen mitten ins Gesicht. Im gleichen Moment hackten auch die Nahkämpfer bereits wieder auf sie ein. Argdens Klinge schnitt in ihren rechten Oberarm, während ihr der Griffkorb von Blutrabes Säbel gegen die Schläfe krachte.
Der Feengeist schwankte und begann aufs neue, wild zu gestikulieren. Dabei rief sie flehende Worte in einem uralten Fairlie-Dialekt.

“Ich habe nicht alles verstanden, aber ich glaube, sie ruft Hilfe herbei” schrie Maachilie.
Doch nichts weiter geschah, als das der Kampf mit neuer Heftigkeit entbrannte.

Afeo begriff als erster. “Argden, Rabe!” rief der Zwerg, “Wir müssen die Räume durchsuchen. Was auch immer diese Fee herbeiruft, darf den Kampfplatz nicht erreichen!”
Damit stürmte er in den ersten den angrenzenden Aufenthaltsräume. Die Angesprochenen verteilten sich auf die weiteren Abzweigungen und begannen, die dahinterliegenden Kammern zu durchsuchen.

“Ich pass auf sie auf”, rief Maachilie in Khalandras Richtung. Dann vollführte sie mehrere Zaubergesten, murmelte: “AE-Schutz für 30 Sekunden” und rannte hinter den Kundschaftern her.

Afeo war froh, den Kampfplatz verlassen zu können und trotzdem etwas sinnvolles zu tun. Er möchte es zwar nicht, auf die Fee einzuprügeln, aber eine Bedrohung von seinen Freunden und Gefährten abzuwenden, dazu war er jederzeit bereit.

Der Zwerg kniff die Augen zusammen und musterte den geröllübersäten Raum. Mehrere Betten waren nischenartig in die Wand eingelassen. Am gegenüberliegenden Ende hing ein halb abgerissenes Banner an der Wand – rot mit einem weißen Symbol. Nichts rührte sich in den Trümmern. Die Kammer lag so verlassen da, wie seit Jahrhunderten.
Hatte Maachilie sich geirrt? Oder war der Feenzauber nicht gelungen, so dass sie keine weiteren Gegner zu befürchten hatten?

“Hier ist so ein Geisterblumenkübel!” Das war Rabes Stimme. “Und der beißt!”

“Verflixt”, murmelte Afeo. “Das wäre auch zu schön gewesen.” Mit gezogenen Klingen stürmte der Säbelrassler los. Fast hätte er sich mit einer seiner langen Hua-Mein-Klinge noch in einem herabhängenden Trümmerstück verfangen. Der Zwerg verfluchte das Schicksal, das ihm immer noch keine vernünftigen Äxte für sein Handwerk beschert hatte.
Als Afeo die nächste Abzweigung erreichte, hieben Argden und Blutrabe bereits von zwei Seiten auf eine Geisterblüte ein, während Maachilie etwas abseits stand und mit Adhoc-Heilzaubern dafür sorgte, dass sich die Schäden, welche die wütenden Plasmaranken des Pflanzengeistes anrichteten, in Grenzen hielten.

Zuckend blieb die Pflanze schließlich liegen und im nächsten Moment flogen die vier Billies auch schon durch die Luft und prallten vor die gegenüberliegende Wand.
“Sie muss wohl wieder einen Schreizauber losgelassen haben”, stellte Maachilie fest. “Alle in Ordnung?”
Afeo brummte seine Zustimmung und sah sich um.

“Wir müssen zurück”, sagte der Zwerg. “Falls noch weitere Blüten auftauchen.”
Die anderen nickten und gemeinsam rannten sie zum zentralen Rondellplatz mit der Lichtplattform in der Mitte. Der Kampf gegen den Feengeist hatte sich inzwischen in einen der angrenzenden Räume verlagert. Und es sah nicht gut aus!

Khalandra war in die hintere Ecke zurückgedrängt worden und erwehrte sich, eingehüllt in eine giftiggrüne Wolke, der wütenden Attacken der Geisterfee. Doch auch deren Projektion war schwächer geworden und ihre Schläge kamen nicht mehr so schnell und kraftvoll wie zu Anfang.

Aber der Weg dorthin war versperrt. Zahlreiche Billies lagen reglos am Boden, zu Füßen eines gewaltigen Moosunholdes, der mit seinen mächtigen Geisterstampfern soeben Branwhyn von den Füßen hob und den Krieger donnernd in die nächste Wand trat, wo dieser regungslos liegenblieb.

Sofort sprang Darliyah, die Klagesängerin hinzu und stimmte die Elegie an der Pforte des Todes an.

Blutrabe schrie dem geisterhaften Pflanzenelementar eine wütende Herausforderung in ihrer barbarischen Muttersprache entgegen, während Argden, stumm wie ein Schatten, auf eines der herumstehenden Hochbetten und von dort leichtfüßig auf den Rücken des Phantomes sprang und seine Zwillingsklingen tief in den Leib des Ungetümes bohrte.

Der Moosunhold bäumte sich auf. Seine rasiermesserscharfe Plasmaklaue traf die Brigantin frontal und riss ihr Bauch und Oberschenkel auf. Blutend brach sie zusammen, während sich das Ungeheuer rücklings gegen die nächste Wand warf und den Assassinen von seinem Rücken schleuderte. Maachilie schrie auf und lenkte ihre Heilkräfte sofort auf den gefallenen Dunkelelfen.

Das Pflanzenphantom wandte sich indessen dem Pulk der verbliebenen Heiler zu. Mit erhobenem Kampfhammer, trat Ssizzel, die gepanzerte Sarnakpriesterin, ihm kampfbereit entgegen. Doch in diesem Moment erschauderte der Unhold und wandte sich um. Dort stand Branwhyn und funkelte den Moosling herausfordernd an.

Der Halasianer strahlte eine Zuversicht aus, die er eigentlich nicht empfand. Das Ablenkungsmanöver der Kundschafter hatte Darliyah zwar genügend Zeit verschafft, um ihn von der Schwelle des Todes zurückzuholen. Doch er fühlte sich noch ein wenig wackelig auf den Beinen. Und er war sich nicht sicher, ob die verbliebenen Billies den Moosunhold schnell genug besiegen konnten, bevor Khalandra den Attacken der Fee erlag. Beiden Gegnern war der Wächter sicher nicht mehr gewachsen. Branwhyn wagte es nicht, über die Schulter zu sehen, um zu erfahren, wie der Kampf dort stand. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Moosunhold, dessen säulenartiges Vorderbein soeben scheppernd gegen seinen Schild prallte. Ein taubes Gefühl breitete sich im linken Arm des Halasianers aus.
Da huschte ein Schatten an ihm vorbei.

***

Sara Grünherz war verzweifelt. Die Schattenwesen aus der anderen Welt waren stärker als sie erwartet hatte. Und sie waren so gemein. Einen von Saras beschworenen Blütlingen hatten sie getötet. Zerhackt wie einen alten Dornenstrauch!

Doch der andere war ihnen entkommen und hatte sich in einen neuen Moosling verrwandelt. Und diesem war es gelungen, viele der Schattenwesen einfach zu zertrampeln. Und Sara lachte vor Freude, denn ihre Kinder wurden gerächt.

Wenn alles vorbei war, würde sie dem Moosling gut zureden und ihn beruhigen müssen. Denn sie wollte, dass er auch in dieser Welt eine gute Seele bekam. Doch zunächst musste er die Schattenwesen töten. Anschließend konnten sie gemeinsam die grüne Welt neu aufbauen.

Ach, wenn die Schattenfrau vor ihr doch endlich sterben würde. Doch ihre Haut war so hart. Und sie ertrug giftigen Schwall um giftigen Schwall, den sie ihr entgegenhauchte. Auch spürte Sara, sie schwächer wurde.

Oh, Tunare! Nein, das durfte nicht sein! Wo war der Erudit? Sara war so müde. Doch sie musste durchhalten, um der Kinder willen!
Da, endlich hatte sie die schwarze Schattenfrau zu Boden geworfen. Sie würde ihr den Todesstoß versetzen und danach gemeinsam mit dem Moosling die übrigen besiegen. Was für ein gemeiner Tag!

***

Khalandra war am Ende ihrer Kräfte. Nur noch mühsam hob sie den Schild, um einen erneuten Krallenschlag der Geisterfee abzuwehren. Die Schattenritterin war mittlerweile zu schwach, um ihrer Umgebung noch Lebenskraft abzusaugen und Heilung erreichte sie nur noch spärlich, da sich die überlebenden Billies auf den Kampf gegen das Moosphantom konzentrierten.

Khalandra wich einem weiteren Hieb des Gespenstes aus und schlug ihrerseits nach dessen Beinen. Sie traf und aus dem Oberschenkel der Fee lösten sich Plasmabrocken und blieben zuckend liegen.

Die Halbelfe blinzelte. Das schweißnasse Haar klebte an ihrer Kopfhaut. Wieder traf sie eine Schallwelle und diesmal warf sie sie zu Boden. Beim Aufprall verlor Khalandra ihren Helm. Sie sah ihn für einen Moment über den Boden rollen und vor einem zertrümmerten Tischbein liegenbleiben.

Im nächsten Moment hockte die Fee auf ihrem Brustpanzer. Khalandra sah die Klauen an der weißen, zarten Hand blitzen und auf die ungeschützte Stelle am Hals der Schattenritterin zielen.

Plötzlich weiteten sich die Augen des Gespenstes. Der Feenmund öffnete sich zu einem stummen Schrei. Sie blickte entsetzt auf die Spitzen zweier Hua-Mein-Schwerter, die aus ihrer Brust ragten. Purpurfarbene Lichtbahnen umzuckten das Metall.
Afeos Gesicht war eine steinerne Maske.

***

Sara Grünherz war traurig. So gern hätte sie mit dem Moosling zusammen die grüne Welt wieder aufgebaut. So gerne hätte sie wieder zwischen den Blüten gespielt und gesungen. So gern hätte sie noch einmal die Sonne auf ihrer Haut gespürt und den Wind in ihrem Haar.

Zwei stählerne Blitze hatte der Schattenwandler in ihren Rücken gestoßen. Das war fies, wo sie doch schon so müde war.
Und traurig. Ein weiterer Vers des Liedes fiel ihr ein:

“Dreizehn woll’n wir singen,
Grünherz, Grünherz,
was ist mit der dreizehn?
Dreizehn für den schwarzen Tag,
den Tag, an dem ich … sterbe?”

Das helle, klare Plätschern des Gesangs verhallte.

***

Afeo Fumigato stand ein wenig abseits der feiernden Billies und starrte mit verschränkten Armen in den düsteren Korridor.
Ein Arm legte sich sanft auf seine Schulter.

“Geht es dir gut?” fragte Shimja leise. Die Bardin blickte den Zwerg mit besorgten Augen an.

Afeos Mine verfinsterte sich. Natürlich ging es ihm gut, dachte er sarkastisch. Während die übrigen Billies verzweifelt gegen das Moosphantom kämpften, hatte er einen Haken geschlagen, war an dem stampfenden Fuß des Elementars vorbeigerannt, hatte dem geschwächten Feengespenst den Todesstoß versetzt und nebenbei verhindert, dass Khalandra eine neue Halskette bekam – eine flüssige neue Halskette aus blutroten Steinen!

“Wie soll es mir gehen?” fauchte der Säbelrassler verbittert. “Ich hatte die Wahl, meine Freunde sterben zu lassen oder ein kleines Mädchen zu töten. Ich habe mich für meine Freunde entschieden und bin ein verdammter Held, nicht wahr? Da sollte es mir doch gut gehen”

Shimja fasste den Zwerg an beiden Schultern und blickte ihm fest in die Augen. “Das war kein kleines Mädchen”, sagte sie eindringlich. “Sondern der verwirrte und machtvolle Geist einer Feenzauberin, die schon seit Jahrhunderten tot sein müsste.”

Afeo schwieg. Natürlich war das auch ihm klar. Und dennoch…

“Ohne dein Eingreifen wären wir hier und heute gescheitert”, fuhr die Bardin fort. “Dadurch, dass du die Fee erledigt hast, konnten wir auch den Moosunhold besiegen und uns die Chance erhalten, vielleicht bis zu Perah’Celsis vorzustoßen. Du weisst, was davon abhängt!”

“Ja”, brummte Afeo verdrossen. “Aber das macht es nicht besser. Ich fühle mich, als hätte ich ein Kind ermordet. Und dieses Gefühl wird mich noch eine Weile begleiten. Trotz allem anderen.”

Der Blick des Säbelrasslers glitt an Shimja vorbei in das rötliche Dämmerlicht des verlassenen Korridors. “Und wenn Perah’Celsis irgendwo dort draußen ist, dann wird er dafür bezahlen. Das schwöre ich bei der Faust von Brell. Koste es, was es wolle!”

Shimja nickte. Sie konnte noch nicht ahnen, wie das Schicksal Afeo Fumigato den Getreuen beim Wort nehmen würde.

(Fortsetzung folgt)

© by Blutrabe

Zwei Klingen Göttlichkeit (Prolog)

August 29
“Und in jenem Jahr, etwa zu dem Zeitpunkt, als Hochfürst Lucan D’Lere unter geheimnisvollen Umständen verschwand, drangen Billies Streiter tief in den Palast des Ewigen vor und ihnen gelang, woran die Ethernauten einst gescheitert waren: die Bannung vom Avatar Anashti Suls.”

Chronik Norraths, aufgezeichnet von Thalyx Da’Shair, Akademie der Arkanen Wissenschaften, Freihafen

“Unbestätigten Hinweisen zufolge, fanden die Billies nach ihrem Sieg über Anashti Sul in deren Palast auch den Zugang zu einer Taschendimension mit dem Refugium Bristlebanes, des Gottes der Narretei. Dort hatte die Finstere den Avatar des Gottes gefangengesetzt und offenbar wiederholt dessen Gestalt angenommen, um durch ihn zahlreiche Fraktionen Norraths in ihrem Sinne zu manipulieren. Der genaue Wortlaut des Rätsels, mit dem Bristlebane sich bei seinen Befreiern bedankte, ehe er sich spurlos von der materiellen Ebene verabschiedete, ist – dank widersprüchlicher Augenzeugenberichte – nach wie vor strittig. Doch ich werde weiterforschen, denn die nachfolgenden Ereignisse sind seltsam, verworren und faszinierend zugleich…”

Handschriftlicher Forschungsbericht zu den Ereignissen im nördlichen Odus, Ihsane Salah-eddine zugeschrieben, Halle der Hochmoor-Klingen

Prolog

Die muskelbepackte Leere-Bestie bestand nur aus Klauen und Zähnen. Und doch starb sie so schnell, dass sie nie erfuhr, wer sie getötet und ihre Essenz geraubt hatte. Ich hatte zwischen den Felsen gelauert und war im geeigneten Moment auf ihren Rücken gesprungen. Ein mächtiger Hieb meiner Axt hatte genügt, um ihr Genick zu durchtrennen.

Der massige, gehörnte Kopf des Ungetüms war allerdings nicht volkommen vom Hals gehackt worden sondern baumelte ihm, von letzten Sehnen und Muskelsträngen gehalten, vor der Brust. Ich fluchte innerlich. Eine Blutfontöne schoss aus dem Halsstumpf und das Untier brach zusammen. Seine Essenz suchte sich auf magischem Wege seinen Weg direkt in die Phiole, die von meinem Gürtel hing. Elf. Ich setzte zwei Finger an die Lippen und pfiff nach Blauchen, meiner Raureifstute.

Mit einem freudigen Wiehern kam das Tier zwischen den Felsen hervorgetrappelt. Ich schwang mich in den Sattel und suchte nach meinem nächsten Opfer.
Noch eine weitere Essenz und ich hätte die Anforderung von Fyr’remd Lorak erfüllt. Die seltsame, geisterhafte Kreatur, das zu den Forschern von Quel’ule zu gehören schien, besaß Informationen, die mich hoffentlich endlich auf die Spur Lucans sowie eines rätselhaften Wesens namens Roehn Theer bringen würden.

Nur deshalb war ich von Quel’ule aus hier heraufgalloppiert. Der Geisterforscher benötigte zwölf Essenzen von Leerekreaturen, ehe er bereit war, seine Informationen mit mir zu teilen. Das alte Prinzip von Gefallen und Gegengefallen. Ich hatte es so satt!

Entsprechend übel war meine Laune gewesen, als ich hinauf zu den grasbewachsenen Ebenen von Erudin ritt, auf die alten Gärten der Stadt zu, einen der Teile Erudins, der die Explosion des Nexus und die Abtrennung des Odus beinahe unbeschadet überstanden hatte – und der nun leereverseucht war! Kein besserer Ort im Steinschlag-Bergland, um meine Opfer zu finden!

Ein theerianischer Schwertmeister patrouillierte direkt vor mir auf der Ostseite der Gärten. In vollem Gallopp sprengte ich auf ihn zu und brüllte ihm meine Herausforderung entgegen. Wie für seine Sorte typisch, schwebte der Schattenmensch im Lotussitz ein paar Fuß über dem Boden. Mochte Rallos wissen, wie die Bastarde das machten!

Der Theerianer musterte mich aus kalten Insektenaugen, sagte etwas ins seiner zirpenden, hässlichen Sprache. Dann zog er die flirrenden Zwillingsklingen, die er über seinem Rücken trug, und erwarte mich mit stoischer Ruhe.

Gegner, die mich nicht erst nehmen, machen mich nur umso wütender. Ich lenkte Blauchen mit den Knien, hatte Axt und Kurzschwert gezogen und donnerte heran wie eine Rachedämonin. Der Theerianer verlagerte seinen Schwerpunkt leicht nach vorn. Vermutlich wollte er im letzten Augenblick ausweichen und dann meiner Stute mit seinen rasiermesserscharfen Klingen die Beine durchtrennen. “Vergiss es, du Sohn eines leeregeknallten Ziegenarsches!” dachte ich. “Nicht mit Tante Blutrabe!”

Nur noch wenige Ellen trennten mich von den tödlich sirrenden Klingen des Theerianers, als ich Blauchen das Knie in die linke Flanke rammte. Mit portestierendem Wiehern wich die Stute nach rechts aus. Ihr frostiger Atem schlug mir ins Gesicht, als ich mich hinter ihren Hals duckte und im nächsten Augenblick mein Kurschwert schleuderte.

Die Wucht des Vorwärtsmoments trieb die Klinge bis zum Heft in den Bauch des völlig überraschten Theerianers und nagelte ihn an den Baum hinter sich. Ich lenkte meine Stute herum und kam neben dem Schattenmenschen zum Stehen, der mich aus brechenden Augen anstarrte.

“Schlechten Tag gehabt?” fragte ich mitfühlend, ehe ich ihm meinen Stiefel auf die Brust setzte und mein Schwert freizog. Röchelnd brach die Kreatur zusammen. Seine Essenz wanderte in meine Phiole. Zwölf.

Während ich noch meine Klinge an einem Stück Tuch reinigte und verdrossen in die Nachmittagssonne von Odus blinzelte, verfluchte ich wiederholt das Schicksal. Was hatten sich die drei Spinnerinnen am Fuße des Weltenbaums wohl gedacht, als sie mir vor ein paar Wochen den blödsinnigen Gedanken ins Hirn gesetzt hatten, zum Ulteranturm in den Gemeinlanden zu reisen? Lucan D’Lere, der Hochfürst, welcher in Freihafen die Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung garantierte, war verschwunden, bei einem Transporter-Unfall verschollen.

Seitdem patrouillierten verschiedene Fraktionen durch die Stadtviertel. In Nord-Freihafen, wo mein Haus steht, waren das die Thexianer – arrogante, hochnäsige Dunkelelfen, mit denen ich bereits mehr als einmal aneinander geraten war. Zwar würden sie sich hüten, eine Erzherzogin Freihafens und Freibeuterin meines Rufes offen anzugehen – soviel Arroganz sei erlaubt – aber ihre stetigen Sticheleien nervten! Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis mir im falschen Moment das Schwert ausrutschte. Geduld und Gleichmut gehören nicht zu meinen Tugenden.

Wohl deswegen hatte ich die Spur Lucans am Ulteranturm aufgenommen. Und nach zahlreichen Abenteuern hatten mich meine Nachforschungen hierher geführt, in die Hochlande des nördlichen Odus. Ein Name war in diesem Zusammenhang immer wieder gefallen: Roehn Theer. Doch niemand wusste etwas Genaueres – oder wollte darüber reden.

Schließlich war ich auf Fyr’remd Lorak gestoßen, ein rätselhaftes, geisterartiges Wesen, dass seine Zelte in Quel’ule aufgeschlagen hatte, jedoch nicht zu den erudianischen Forschern gehörte, sondern wohl eher sein eigenes Süppchen kochte. Ich konnte nicht sagen, ob die Eruditen ihn aus Gleichmut oder Desinteresse gewähren ließen. Vielleicht war er ihnen auf unerfindliche Art nützlich. Mir war es einerlei.

Ich schob mein Schwert in die Scheide zurück und macht mich auf den Rückweg zur Forschungsstation. Unterwegs wich ich einigen weiteren Leerebestien sowie zwei Leerewirbeln aus. Wahrlich, dieses Gebiet war verseucht!

Ich erreichte meinen geheimnisvollen Verbündeten am frühen Abend. Sein halbstofflicher Körper schwebte über dem Sandsteinboden des offenen Labors nahe der Flugplattform und vollführte in einer Art Trancezustand unverständliche Gesten.

“Ich grüße Euch, Lorak”, sprach ich ihn an. Seine krallenartigen Finger zuckten und er blinzelte wie jemand, der gerade aus tiefsinnigen Gedanken hochschreckt. Mir war es egal. Ich wollte Antworten.

“Ah, Blutrabe. Ihr seid zurück”. Fyr’remd Loraks Stimme glich einem weltfremden Säuseln. “Habt ihr, um was ich Euch gebeten habe?”
Ich zog die Phiole aus dem Gürtel und hielt sie ihm unter die Nase. “Zwölf Essenzen von Wesen der Leere, wie gewünscht”, erklärte ich. Das Geisterwesen streckte seine klauenartigen Hände nach dem Fläschchen aus.

“Möp”, sagte ich und zog meine Hand zurück, verbarg dabei die Phiole in der Faust. “Zuerst will ich Antworten!”
Fyr’remd Lorak rang die Hände. Dabei blickte er mich schräg unter seinem Spitzhut hervor an. “Eine Sache noch”, flüsterte er geheimnisvoll. “Dann kann ich Euch die Antworten geben, die Ihr sucht. Aber zunächst muss ich noch eine Sache wissen.”

“Vergesst es!” knurrte ich wütend. “Ich will meine Antworten jetzt. Oder ich schiebe Euch das Fläschchen hier mit der Klinge in Eure ätheralen Eingeweide. Ist das klar?”
“Ich muss sicher sein, dass meine Information richtig ist.” Das Säuseln des Geisterforschers klang nun eindringlicher. “Es steht mehr auf dem Spiel als Ihr glaubt. Ein einziger Fehler, sei er noch so winzig, könnte sich als fatal erweisen!”

Mein Blick wollte ihn schmelzen wie Nebel in der Morgensonne. “Was – wollt – Ihr?” presste ich durch zusammengebissene Zähne hervor.
Ein triumphierendes Glitzern trat in Loraks Augen. “Ein Mord wird geschehen”, flüsterte er. “Die Textpassagen, die ich sehen muss, befinden sich im Buch des schuldigen Primarchen.

Bringt mir sein Buch.”
“Wo?” Das war keine Frage, sondern ein Donnergrollen.
“In der Bibliothek von Erudin.”
“Und wer”, zog das Gewitter weiter herauf, “ist der schuldige Primarch?”

Lorak hatte sich schon wieder in seinen Trancezustand versetzt. Doch diesmal hielt er die Augen geschlossen und reagierte nicht auf mein Gefluche. “Bei den madenzerfressenen Arschfurunkeln von Rallos Zek!”
Ich ritt zur Bibliothek von Erudin.

***

Wahnsinn, war mein erster Gedanke, als ich den leicht abschüssigen Gang betrat. An diesem Ort regierte der Wahnsinn. Noch heute weiss ich nicht, ob es an dem geisterhaft flackernden Lichtern lag, welche die Rampe in unregelmäßigen, entnervenden Schüben erhellten und dem ganzen Komplex einen Anschein der Unwirklichkeit gaben. Oder an den wassertropfenbedeckten Wänden, von denen die rote Farbe vormaliger Freskenbemalung abblätterte und so den Betrachter daran erinnerten, wie alt dieses Labor sein musste. Oder an dem beklemmenden Gefühl, die erdrückende Last eines ganzen Ozeans über sich zu spüren.

Mit gezogenen Waffen tastete ich mich an der linken Wand des Ganges entlang. Etwa ein dutzend Schritte vor mir kauerte sich Xilana nieder. Die mächtige Sarnak hob ihren Echsenkopf und schien die stickige Luft mit ihrer Nase prüfen zu wollen.

Ich blickte zu Christobal hinüber, der sich schräg hinter mir an die rechte Wand drückte und nickte ihm kurz zu. Wie üblich verbarg der breitkrempige Hut des Gnomen einen Großteil seiner Gesichtszüge, doch ich bildete mir ein verschmitztes Zwinkern seinerseits ein.

Afeo, der ein halbes dutzend Schritte vor mir an der rechten Wand Position bezogen hatte, ballte kurz die linke Faust und winkte uns dann vorwärts. Direkt vor uns machte der Gang einen ersten Knick nach links. Ein dumpfes Dröhnen, ein Geräusch wie auf- und abschwellendes Wabern, drang zu uns herauf. Wir erstarrten.

Hinter uns warteten die übrigen Mitglieder des Raubzuges auf das Zeichen zum Vorrücken. Am Kopf der Rampe erkannte ich Khalandra, die Schattenritterin, die gleichzeitig als nominelle Anführerin dieser Expedition fungierte. Neben ihr stützte sich die massige Gestalt Branwhyns ruhig auf sein Schwert. Wie ich war er Halasianer.

Doch nach allem, was wir mittlerweile wussten, mochte der Weg zu Lucan uns durch mehr als eine Hölle führen und uns möglicherweise in eine Konfrontation epischen Ausmaßes zwingen.

Natürlich war Fyr’remd Loraks Auftrag, ihm ein bestimmtes Buch zu beschaffen, nicht sein letzter gewesen. Doch quid pro quo hatte auch ich mehr erfahren. Eine Art seltsame Partnerschaft hatte sich zwischen uns entwickelt. Ich fungierte als die Hand und reiste zu verschiedenen Stätten Norraths, während der geisterhafte Forscher das Auge bildete. Er wertete die Ergebnisse, die ich ihm brachte, wissenschaftlich aus und zog weitere Schlüsse. Wie die zahlreichen Steine eines Mosaiks, ergaben auch unsere Bruchstücke schließlich ein zusammenhängendes Bild, welches mich doch zu einem gewissen Grad beunruhigte, obwohl ich mich nicht unbedingt als zartbesaitet bezeichnen würde.

Unsere Nachforschungen hatten mich schließlich in die Wüste von Ro geführt. In einem längst vergessenen Tempel unter dem Sand war es mir, nach Loraks Anweisung, gelungen, ein Abbild Anashti Suls zu beschwören. Es war ein frühes Abbild der Göttin, vor ihrer Verbannung, strahlend und so atemberaubend schön, dass Männer allein schon für den Anblick töten würden. Nun ja, vielleicht auch einige Frauen.

Und doch sprach aus dieser Anashti die schreckliche Göttin der Leere, deren Avatar wir Billies vor nicht allzulanger Zeit von Norrath verbannt hatten. Was sie übrigens nicht vergessen hatte, und sie hätte mich allein dafür wohl schon auf der Stelle getötet, wenn ich nicht den Namen Roehn Theers genannt hätte.
Und dort erfuhr ich die ganze Wahrheit über den Schlächter der Götter!

Zu dieser Zeit beschloss ich, mein schreckliches Wissen mit den übrigen Billies zu teilen, denn Roehn Theer musste aufgehalten werden, soviel stand fest. Wenn es diesem grauenhaften Wesen gelang, seine Herrschaft über Norrath zu etablieren, würde nichts auf dieser gebeutelten Welt mehr so sein, wie es war!

Ich werde an anderer Stelle mehr darüber berichten, wenn die Entwicklung der Dinge hoffentlich in unserem Sinne fortgeschritten ist. Hier und jetzt sei nur gesagt, dass ich erneut Fyr’remd Lorak aufsuchte und ihm vollständigen Bericht erstattete. Vielleicht gab es tatsächlich eine Möglichkeit, dass Sterbliche ein Wesen besiegen konnten, gegen das die Götter machtlos waren.

Ein metaphysisches Band mochte uns dabei weiterhelfen. Nicht, dass ich damit wirklich etwas anfangen konnte, aber den Zauberern und Gelehrten unter den Billies war der Begriff vertraut. Und unsere kleine Billy-Puppe, die bei der Beratung wie immer auf Shimjas Schulter ritt, nickte zustimmend. Natürlich bestand immer noch die Möglichkeit, dass Lorak seine eigene Agenda verfolgte und uns Billies nur für seine Zwecke benutzte, aber wir hatten im Augenblick keine andere Wahl, als diesem rätselhaften Wesen zu vertrauen.

Das Band befand sich im Besitz eines erudianischen Forschers namens Perah’Celsis. Laut Lorak sollte er vor langer Zeit ein Forschungslabor betrieben haben unterhalb des Tiefseepavillons, eines Teils des alten Erudin, der weitgehend erhalten geblieben war. Und dessen unter der Oberfläche gelegenen Bereiche seit der Katastrophe vor Schrecknissen und Abscheulichkeiten der alten Zauberer von Erud nur so wimmelte!

Also waren wir kein Risiko eingegangen und mit einem kompletten Raubzug in das Labor des Perah’Celsis eingedrungen, dessen Zugang Lorak für uns ausfindig gemacht hatte.
Ein markerschütternder Schrei schreckte mich aus meinen Gedanken. Vor mir war Xilana um die Gangbiegung gehuscht, doch sie hatte nicht geschrien. Afeo, der von seiner Position in der gegenüberliegenden Ecke sowohl den Gang vor als auch hinter uns im Auge hatte, sog scharf die Luft ein. Dann nickte er mir zu.

Ich richtet mich auf und gab dem Raubzug das Signal, aufzuschließen. Ehe ich Xilana folgte.
Als ich um die Wegbiegung trat und in die vor uns liegende Halle blickte, hielt ich unwillkürlich den Atem an.

(Fortsetzung folgt)

© by Blutrabe

Glorreiche Halunken

August 29
Glorreiche Halunken

Klirrend schlugen die Klingen aufeinander.
Jeder der beiden Kontrahenden kämpfte mit zwei Waffen gleichzeitig, und so verschwamm deren Wirbeln für den Betrachter zu einem flirrenden Netz aus stählernen Bögen, zu einem tödlichen Kunstwerk sirrenden Stahls.
Die Luft in dem kleinen Schankraum war schwül und schwer. Dem teils bereits zerbrochenen Mobiliar im kühlen Paineel-Stil gelang es nur bedingt, die Hitze der Sonne des Odus zu mindern, die durch die halbgeschlossenen Blendläden der Taverne hereinfiel und die Szenerie in Scheiben aus grell-grauem Licht tauchte.
Funken stoben, als der kleinere der beiden Gegner einen weiteren wuchtigen Säbelhieb mit seiner Kristallaxt parierte und mit seinem linkshändig geführten Kurzschwert zu einer tiefgeschlagenen Riposte ansetzte.

Der Mann gehörte zum Volk der Gnome. Er war ganz in schwarzes, kettenbeschlagenes Leder gekleidet, eng anliegend, so dass die Rüstung seine Bewegungen nicht behinderte. Sein breitkrempiger schwarzer Hut verbarg einen Großteil seiner listigen Gesichtszüge, deren Erkennen durch eine ebenfalls schwarze Augenmaske noch zusätzlich erschwert wurde. Nichts davon schien ihn jedoch beim Kämpfen zu behindern, denn er führte seine beiden Waffen mit vollendetem Geschick und bewegte sich dabei mit tödlicher Präzision.

Seine Gegnerin hatte den Tiefschlag kommen sehen, sprang darüber hinweg, drehte sich halb um die eigene Achse und nutzte das Momentum, um einen herumliegenden Stuhl mit voller Wucht in Richtung des Gnomes zu treten. Keine dieser Aktionen bereitete ihr Schwierigkeiten, denn die Barbarin maß beinahe sieben Fuß. Sie hatte ihr störrisches, feuerrotes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Ihre braunen Augen blickten grimmig und der Schweiss auf ihrem sonnengebräunten Gesicht ließ den tätowierten Voxzahn auf ihrer linken Wange schimmern. Die Frau war in braunes, kettenverstärktes Leder gekleidet, welches nur ihre muskulösen Oberarme und ihre tätowierten Hände frei ließ. Sie griff ihre beiden Säbel fester.

Der Gnom wich dem heranfliegenden Stuhl mit einer behenden Tänzelbewegung zur Seite aus, sprang auf einen Tisch und trat nun seinerseits einen Weinkrug in Richtung der hochgewachsenen Barbarin, welche das Geschoss mit einer unwirschen Bewegung ihres Säbels beiseite fegte.

Die Augen des Gnomes blitzten und sein rechter Mundwinkel verzog sich zu einem Lächeln. “Du bist ein wesentlich leichteres Ziel als ich, liebe Freundin.”
“Wer ist hier leichter, Christobal?” knurrte die Halasianerin zurück. Ihre beiden Säbel sausten mit voller Wucht auf den Gnom hernieder, der sich im letzten Moment mit einem Rückwärtssalto vom Tisch herunter in Sicherheit brachte und federnd auf seinen Füßen landete. Der Tisch zerbrach krachend in zwei große und mehrere kleine Teile.
Sofort setzte die Barbarin nach, sie hatte jegliche Finesse zugunsten purer Kraft abgelegt und trieb den Gnom nun mit wütenden, sensenartigen Hieben zurück. “Woah, woah, woah, Rabe!” rief er. “Jetzt, finde ich, übertreibst du aber.”

Diese Riesensäbel, deren Klingen fast so lang waren wie er selbst, zu parieren, hätte ihm binnen kürzester Zeit taube Arme beschert, weswegen sich Christobal aufs Ausweichen verlegte. Doch auch seine gnomische Flinkheit konnte nicht verhindern, dass er mehr und mehr zurückgedrängt wurde.

Wie zornige Windmühlenflügel wirbelten Blutrabes Klingen um ihn herum, und plötzlich spürte er die steineren Theke in seinem Rücken. Der Gnom schluckte.
Blutrabes Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Sie hob die Säbel zum tödlichen Schlag. “Das war’s, mein Freund.”

In diesem Augenblick machte Christobal eine Rolle vorwärts, sprang auf die Füße und kam direkt vor der etwas vorgebeugt stehenden Piratin zum Stehen. Die Axt in seiner rechten Hand bremste einen Fingerbreit vor ihrem Unterleib, während die Spitze des Kurzschwertes seiner linken an seinem weit ausgestreckten Arm kurz vor Blutrabe Kehle ruhte. Die Augen des Gnomes blitzten hinter unter dem schwarzen Hut. “Stimmt, werte Freundin, das war’s.”

Blutrabe stand für einen Moment wie erstarrt. Dann ließ sie ihre Säbel klappernd zu Boden fallen. “Beim stinkenden Brusthaartoupet von Rallos Zek! Du hast es mal wieder geschafft”, fluchte sie resigniert sie und richtete den Blick götterergeben zum Himmel.

Christobal senkte seine Waffen und schob sie mit einer mühelosen Wirbelbewegung in die Halterungen an seinem Gürtel zurück. Dann sprang er auf einen Tisch und von dort aus weiter auf den Schanktresen hoch, wo er sich mit baumelnden Beinen niederließ, hinter die Theke langte und nach einem Weinkelch griff.

“Aber nur, weil du gegen Ende wieder wütend geworden bist”, entgegnete der Gnom. “Ansonsten hast du es mir diesmal schon sehr schwer gemacht. Ich habe dir schon öfter gesagt, du musst deine Attacken besser timen. Wenn dich der Kampfrausch packt, bist du berechenbar – und das ist deine Schwäche.”

Blutrabe nickte, griff ebenfalls hinter die Theke und holte einen einen halbgefüllten Weinkrug hervor. Daraus goß sie in Christobals ausgestreckten Kelch, ehe sie den Krug an die Lippen setzte und einen tiefen Zug nahm. “Geister von Halas! Das tat gut!”

Auch Christobal trank. Genüßlich ließ er sich den halbtrockenen Wein über die Zunge gleiten, ehe er anerkennend schnalzte. “Wer hätte gedacht, dass diese Eruditen einen dermaßen guten Rebensaft zu keltern verstehen?”
“Zu schade, dass sie kein Ale brauen können”, erwiderte Blutrabe.

Der Blick des Gnoms schweifte durch die leere, halbzerstörte Schänke. “Dartains Krug & Pfanne” lag am Rande von Paineel, dem Anlaufpunkt aller möglichen Abenteurer, die seit der Wiederentdeckung des Odus in Scharen auf den schwebenden, zerbrochenen Kontinent strömten. Hier hatten sich die beiden Briganten, welche zur Raubzugstruppe der Billies gehörten, eher zufällig getroffen und nach kurzer Absprache einen Plan gefasst, um in der vollen Taverne ungestört trinken zu können.

“Eigentlich wollte wir die Scharade mit den streitenden Abenteurern doch nur solange durchziehen, bis der Laden leer ist”, sagte Christobal, halb vorwurfsvoll. “Warum haben wir danach noch eine gute Viertelstunde weitergekämpft?
“Weil es Spass macht.” Blutrabe grinste breit. “Außerdem kämpfe ich gern mit dir. Ich lerne stets noch etwas dazu.”

“Du wirst mich nie schlagen, Barbarentrampel”, neckte sie Christobal.
“Mit dir wisch ich den Boden auf, Zwerg Mütze!”
Die beiden Schurken lachten und stießen ihre Trinkgefäße aneinander.
Nach einem weiteren durstigen Schluck fragte Blutrabe: “Hast du etwas von den anderen gehört? Plant Billy schon einen Raubzug nach Odus?”

“Keine Ahnung”, der Gnom zuckte die Achseln. “Eigentlich gehören wir beide ja zu der Vorhut, die geeignete Ziele auskunschaften soll. Soweit ich höre, verhandeln Silbhe und Khalandra derzeit parallel mit den Hochmoor-Klingen. Die Eruditen sollen ja nicht das Gefühl haben, wir führen eine Invasionsarmee nach Paineel.”
“Ich glaube eher, die Glatzen wollen sich ihren Anteil sichern”, erwiderte die Halasianerin abfällig. “Gold und Platin stinken auch auf Odus nicht.”

Christobal nickte beifällig, während die Piratin ihre Säbel wieder einsammelte. Für eine Weile sprachen sie in kameradschaftlichem Schweigen dem Wein zu. Schließlich fragte Blutrabe: “Was denks u? Wie lange ham wir noch, bissi Stadtwache eintrifft?” Ihre Aussprache war vom Wein bereits ein wenig schleppend.
Der Gnom leerte seinen Kelch. “Allsu lange schollten wir uns nimmer aufhalt’n”, erwiderte er, ebenfalls mit schwerer Zunge als zuvor.
Krachend flog in diesem Augenblick die Tür auf. Ein gutes Dutzend gepanzerter und schwer bewaffneter Eruditen quoll in die zerstörte Schänke.
“Verflucht!” knurrte Blutrabe. “Die schind hier schnellr as in Freihafn.”
“Der Wein is hier auch schtärker as in Freihafn”, ergänzte Christobal.
Die beiden Schurken zogen ihre Waffen.

***

Die Luft war schwer, feucht und stickig. Giftige Dämpfe waberten durch das Unterholz und der gesamte Toxxulia-Wald schien in ein düsteres, purpurnes Licht getaucht. Der Hort der Drachenkönigin erhob sich in Form einer gigantischen, von zahllosen Ranken überwucherten Blüte am Ende einer schmalen Landzunge am von Paineel aus jenseitigen Ende des Waldes. Zahlreiche Lindwürmer kreisten im fahlen Schein der Sonne. Von hier unten, am Eingang des Hortes, wirkten ihre mächtigen Gestalten wie behäbige dicke Käfer.

Blutrabe beschattete mit einer angelegten Hand ihre Augen und blickte zu dem gewaltigen Blütenkonstrukt auf. “Was hat uns doch gleich nochmal hierher verschlagen?” fragte sie.
“Dein Handel mit der Magistratsvorsteherin”, entgegnete Christobal und verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. “Wir sind erfahrene Abenteurer, Herrin”, äffte er die Halasianierin nach. “Sicher gibt es doch einen gefährlichen, gemeinnützigen Dienst, den wir der Stadt erweisen können, damit ihr unser kleines Missgeschick überseht, Herrin.” Seine Stimme kehrte zum Normalzustand zurück. “Das war eine deiner blöderen Ideen.”

Blutrabe zuckte die Achseln. “Ich hatte eher mit sowas gerechnet wie: ‘Geht da und da hin und erschlagt zwölf von denen und zehn von denen’. Wie konnte ich ahnen, dass sie etwas derartiges aus dem Hut zaubert wie: ‘Geht zum Rande des giftigen Waldes und erkundet den Hort der Drachenkönigin Toxxulia.’* Die Barbarin spuckte aus. “Ich wusste gar nicht, dass Eruditen sowas von verschlagen sind.”

“Na gut”, ertönte Silbhes Stimme hinter ihnen. “Ich will jetzt gar nicht wissen, wie ihr in das Schlamassel hier geraten seid. Erzählt mir einfach, was wir vor uns haben.”
Die Druidin war völlig lautlos aus dem Wald hinter ihnen getreten. Nun stand sie mit verschränkten Armen vor den beiden herumwirbelnden Briganten und musterte diese mit leicht genervtem, leicht gelangweilten Blick.

Christobal fing sich als erster. “Nun ja, wir sollten doch geeignete Raubzugsziele erkunden. Hier hätten wir eines.” Er vollführte eine theatralische Geste in Richtung des riesigen Blütenkonstruktes. “Den Hort der Drachenkönigin.”

“Von der habe ich in Paineel gehört”, nickte Silbhe. “Sie ist sehr alt, mächtig und gefährlich. Spielt mindestens in einer Liga mit Trakanaon, wenn nicht gar Zarrakon oder noch mächtiger. Das wird ein schweres Stück Arbeit.”
“Ach, nicht wirklich”, grinste Blutrabe breit. “Wir haben ein Abkommen mit der Magistratsmagierin Sherra. Sie ist mit einem von Toxxulias Schergen verbündet. Wir gehen rein und räumen das drachische Fußvolk beiseite. Sherra und dieser Droag…”
“Vuulan”, ergänzte Christobal.
“Danke, … Sherra und dieser Vuulan kümmern sich um Toxxulia und die Billies brauchen nur noch die Beute rauszuschleppen. Das wird leichter, als einem Kind den Schnuller zu klauen.”

Silbhe schürzte geringschätzig die Lippen. “Und der Gedanke, dass diese Sherra uns an irgendeiner Stelle übers Ohr hauen könnte, ist euch nicht gekommen?”

Christobal und Blutrabe blickten sich an. Dann nickten beide gleichzeitig. “Doch”, ergänzte der Gnom. “Aber aufgrund unglücklicher Umstände hatten wir wenig Verhandlungsspielraum.” Dabei warf er einen vorwurfsvollen Blick in Richtung der Halasianerin.

Silbhe seufzte. Sie zog mehrere blaue Stangen sowie ein ebenfalls blaues Stück Stoff mit einem goldenen Emblem darauf aus ihrem Quersack, setzte diese zu einem kurzen Mast samt Flagge zusammen und rammte die fertige Fahne vor sich in den Boden. Dann entnahm sie dem Quersack einen kleinen schimmernden Kristall und murmelte “Flagge steht” hinein.

Binnen weniger Minuten trafen durch den Zauber der Gildenflagge auch die übrigen Billies ein und versammelten sich am Eingang des Drachenhortes.
Khalandra die Schattenritterin trat vor. Das fahle, purpurne Licht des Toxxulia-Waldes warf seltsame Reflexe auf die grellblonden Haarsträhnen der Halbelfe. “Guten abend zusammen, wie ist der Plan?”

Als die beiden Briganten geendet hatten, schürzte sie die Lippen. “Und woher weiß diese Sherra, dass es Zeit für ihren großen Auftritt ist?”
Blutrabe zog einen handtellergroßen, glatten Stein aus ihrer Gürteltasche, den die umstehenden neugierig betrachteten. Glitzernde Lichteffekte umspielten die ansonsten makellose Oberfläche der kiesigen Gemme.

“Christobal und ich haben jeweils so einen Ruferstein bekommen.”, erläuterte die Halasianerin. “Wenn man diesen Stein in der Hand hält und dabei einige bestimmte Worte in Eruditisch sagt, erscheint Sherra”. Sie zuckte die Achseln. “Nun, zumindest hat sie das behauptet. Darauf verlassen würde ich mich nicht, aber wir haben kaum eine Wahl.”

“Welche Worte?” fragte Khalandra. Blutrabe war schlau genug, den Stein wieder wegzustecken, ehe sie die Worte murmelte.

“Ich sage es nur ungern, Rabe, aber dein Eruditisch klingt nach wie vor grausam”, warf Shimja ein. Die kleine Bardin war unbemerkt hinzugetreten. Billy ritt auf ihrer Schulter und fand das Ganze ungemein spannend.

Die Barbarin, die zwar viele norrathianische Sprachen problemlos verstand, sich im Schreiben und Sprechen aber immer etwas schwerer tat und dabei schon für einige turbulente Missverständnisse gesorgt hatte, streckte die Zunge heraus. “Dann nimm du ihn doch, Fräulein Sprachgenie!”

Shimja fischte den ihr zugeworfenen Ruferstein aus der Luft, schob ihn in den Gürtel und deutete eine leichte Verbeugung an. “Das bringt der Beruf so mit sich”, lächelte sie.

***

Haushofmeister Vuulan, seineszeichens untertänigster Diener ihrer hochwohl verehrungswürdigsten Göttlichkeit, Königin Toxxulia, war schlecht gelaunt.
Zwar galt Übellaunigkeit als eines der Markenzeichen seiner Rasse, ebenso wie die grünbraune, schuppige Haut, der drachenartige, gehörnte Kopf, die ledrigen Schwingen auf seinem Rücken oder die humanoide Körperform. Doch heute hatte sein Gemütszustand einen absoluten Tiefstand erreicht.

Er verabscheute die Huldigungszeremonien, die die Drachenkönigin von ihren Vasallen verlangte, auf das Tiefste. Als Vuulan noch unter Trakanon in der Garde von Veeshans Gipfel gedient hatte, war das anders gewesen. Ein drakonischer Krieger war nach seinen Taten beurteilt worden und nicht danach, wie weit er beim Bodenküssen die Schwanzspitze in die Höhe recken konnte.

Der Ring der Schuppen, jene uralte Drachenvereinigung, hatte einst über den ganzen Kontinent von Kunark geherrscht. Bis die Iksar und die Sarnak rebelliert hatten. Da hatte das große Zeitalter der Drachen seinen Zenith überschritten gehabt. Doch auch Jahrhunderte später, zu der Zeit, als der junge Vuulan in der Garde gedient hatte, verfügte Veeshans Gipfel noch über Macht und Einfluss.

Und dann waren die Schatzjäger gekommen! Angeführt von dieser winzigen Puppe waren sie in einer Nacht durch die mächtige Drachenfeste gestürmt und hatten die verbliebenen Anführer des Ringes der Reihe nach dahingemetzelt, schließlich sogar Trakanon selbst ausgetrickst und getötet. Geschah im recht, dachte der Haushofmeister. Der Herrscher war alt und selbstgefällig geworden.

Vuulan selbst hatte dem Fall von Veeshans Gipfel nur knapp entkommen können. Schwer verwundet hatte er sich durch die Wirbel des Nichts bis hierher zum Odus geschleppt, zu einem Ort, der gar nicht existieren dürfte. Toxxulia, die Drachenkönigin des giftigen Waldes, hatte ihn schließlich gefunden und vor den bereits kreisenden Lindwürmern gerettet. Sie hatte ihn sogar in ihren Hofstaat aufgenommen und zum Haushofmeister gemacht.

Beides waren Umstände, die ihm die ewige Feindschaft von Tuluun eingetragen hatte, der bis dahin erster Vasall Toxxulias gewesen war.
Vuulan warf einen angewiderten Blick auf den Lindwurmfürsten, der sich im Rhythmus der Litanei wiegte und die Drachenkönigin mit seinen endlosen Lobpreisungen gedachte.
Schleimscheisser! dachte der Droag. Tuluun war nichts weiter als ein Blender, grausam und dumm. Zugegeben, er besaß eine gewisse Bauernschläue und das Talent, sich einzuschmeicheln. Aber mehr auch nicht. Tuluun würde als erster fallen, wenn Vuulans Plan aufging!

Der Haushofmeister spührte Toxxulias Blick auf sich ruhen. Es war nun an ihm, seinen Teil zur Scharade beizutragen. Vuulan neigte den Kopf und legte die klauenbewehrte Rechte über sein Herz, ehe er die Huldigungslitanei von Skalos anstimmte. Sein Bass in der uralten Drachsprache erhob sich in den Gipfel des Blütengewölbes und hallte, magisch verstärkt, als vielstimmiger Chor von den Wänden wieder. Die Drachenkönigin nickte wohlwollend und wiegte versonnen ihren Kopf in der Melodie.

Aus den Augenwinkeln blickte Vuulan zu Toxxulias drittem Vasallen hinüber. Die gierige Fratze von Zaos war wie immer wutverzerrt. Vuulan bewunderte und hasste den Fürsten des Wyrmvolkes zu gleichen Teilen.

Der gewaltige, tonnenartige, vierbeinige Körper mit dem langen Schwanz bildete ein Inferno schierer, ungefesselte Kraft. Doch der Kopf auf dem ebensolangen Hals barg den Verstand eines ungehorsamen, wütenden Kindes.

Nützlich, aber letzten Endes unkontrollierbar, mutmaßte Haushofmeister Vuulan. Auch Zaos musste sterben, wenn der Plan des Droag funktionieren sollte.
Bald musste seine Verbündete aus Paineel eintreffen: Sherra, diese winzige, weichhäutige Zauberin von so gewaltiger Macht, die ihm ein Bündnis zum Sturz Toxxulias vorgeschlagen hatte. Der Kontakt war zunächst schwierig gewesen. Zwar hatten die eruditischen Unterhändler ihm gut geschmeckt, doch es hatte einige Zeit gedauert, bis Vuulan die Zauberin als gleichwertige Verbündete akzeptiert hatte.

Schließlich hatten sie gemeinsam den Plan geschmiedet, Toxxulia zu vernichten, um ihn, Vuulan den Gewaltigen, zum König aller Drachen des Odus und zum Verbündeten Paineels zu machen.

Sherra sollte eine Schatzsuchertruppe in den Hort schleusen. Diese sollten sich um Tuluun und Zaos kümmern und schließlich die Drachenkönigin selbst angreifen. Natürllich würden sie dabei sterben, seine Herrin jedoch hoffentlich so weit schwächen, dass sie der vereinten Macht Sherras und Vuulans erliegen würde. Der Droag schätzte Toxxulia um einiges stärker ein, als es Trakanon je gewesen war. Doch auch Vuulans Macht war gewachsen seit jenen Tagen!

Und diese Macht würde er in dem folgenden Kampf nicht vollständig einsetzen. Nach Toxxulias Fall würde Vuulan die geschwächte Sherra töten und dann alle Drachenabkömmlinge des Kontinents unter seinem Banner vereinen. Der Ring der Schuppen würde wieder auferstehen und er, Vuulan, würde über den Odus herrschen.
Am liebsten hätte der Droagfürst triumphierend aufgelacht. Doch das würde seine Pläne vorzeitig verraten. Toxxulia musste sich noch eine Weile in Sicherheit wiegen. Er blickte verstohlen zu seiner Herrin hinüber, während er die Litanei der Lobpreisung auf ihren Höhepunkt zusteuerte. Die tumbe Närrin!
Bald, bald…

***

In fiebriger Eile schob Christobal seine Klinge in den Annahmeschacht des gnomischen Reparatur-Roboters und warf den angezeigten Geldbetrag abgezählt in den dafür vorgesehenen Schlitz. Die nächsten Sekunden vergingen in quälender Langsamkeit, ehe eine leuchtende rote Lampe dem Gnom anzeigte, dass er die Waffe wieder hervorziehen konnte. Sie funkelte wie neu.

Der Kampf war kurz und heftig gewesen.
Als die Billies das Innere des Blütengwölbes betreten hatten, bot sich ihnen ein unerwartet friedvolles Bild. Auf den ersten Blick!
Der Boden des Gewölbes stieg sanft zu eine leichten Anhöhe empor und war von giftigem Gräser- und Wurzelgeflecht übersäät. Zur linken plätscherte ein kleiner Teich.
Oben auf der Anhöhe bildete die mächtige Gestalt eines riesigen Drachen den Mittelpunkt einer bizarren Anbetungszeremonie. Umgeben von sich ehrerbietig wiegenden Drachenabkömmlingen verschiedener Rassen, hob und senkte das uralte Ungeheuer genießerisch den gehörnten Kopf. Die Schuppen des Drachen schimmerten in kränklichem Gelb und starrten vor warzenartigem Bewuchs. Die Billies waren sich sicher gewesen: Das musste Toxxulia selbst sein, die Drachenkönigin des Odus!

Noch ehe Billys Streiter darüber beraten konnten, wie sie wohl an das mächtige Monster herankämen, ohne ihren ganzen Hofstaat gleich mit auf dem Hals zu haben, erstarb urplötzlich der Drachengesang.

Christobal hatte einen alarmierten Blick zur Anhöhe geworfen, von der aus Toxxulia bösartig zurückstarrte. Schließlich schnarrte sie etwas in der fauchenden Sprache der Drachen, welche der Gnom jedoch verstand. “Ungebetener Besuch bei meinem PRIVATEN Empfang? Hätte ich Bedarf an linkischen Schatzjägern, hätt ich Euch eine Einladung geschickt. Tuluun, beseitigt diesen Abschaum – sofort!”

Danach war alles sehr schnell gegangen. Mehrere Lindwürmer hatten sich aus der Anbeterschar gelöst und waren schwungvoll auf die Billies zugeflogen. Khalandra hatte den gefürchteten Todesmarsch seiner Zunft angestimmt und Toramor, der hünenhafte Wächter des Raubzuges, hatte dem größten der Lindwürmer seine Herausforderung entgegen geschrien. Ohne größere Mühen wurden die Bestien niedergestreckt.

Allein ihr Anführer erwies sich als etwas problematisch. Seine schuppige Haut hatte rußartige Dämpfe abgesondert. Drefaco, der Templer, hatte als erster geklagt, dass der beißende Ruß ihm die Sicht nahm. Shimja hatte am schnellsten reagiert, war zu dem kleinen Teich hinübergerannt, hatte einen Stoff-Fetzen hineingetaucht und diesen dem armen Kleriker direkt ins Gesicht gefeuert. Das kalte Wasser hatte genug des Rußes fortgewaschen, um Drefaco wieder sehen zu lassen. Im folgenden hatte sich die kleine Bardin einen Spass daraus gemacht, weitere Rußopfer auf ähnliche Weise zu behandeln.

Wie die übrigen Nahkämpfer auch, hatte Christobal inzwischen die zweite Unannehmlichkeit ihres Gegners entdeckt. Der ätzende Schweiß, den der Lindwurmfürst absonderte, hatte die Eigenschaft, auch die stärkste mit ihm in Berührung kommende Waffe zu beschädigen. Als die Bestie schließlich reglos in ihrem eigenen Blut lag, waren die meisten Nahkampfwaffen der Billy-Streiter unbrauchbar.

Cephir aus Neriak hatte den rettenden Einfall. Als sich abzeichnete, dass der Lindwurmfürst fallen würde, hatte er sich auf seinen schnellen Arasaischwingen aus dem Kampf zurückgezogen und in einer Nische den gnomischen Reparatur-Roboter aufgestellt, um den sich nun Scouts und Krieger drängten.

Immer wieder warf Christobal einen Blick über die Schulter. Als Veteran zahlloser Raubzüge wusste er, dass es nur eine Frage der Zeit sein konnte, ehe Toxxulia das Versagen ihres Vasallen bemerken und neue Kräfte in den Kampf schicken würde.

Einen Moment lang erwog der Brigant, den Ruferstein zu benutzen, um die Zauberin aus Paineel zur Verstärkung herbei zu rufen. Doch verwarf er den Gedanken schnell wieder. Die Anweisung der Eruditin war eindeutig gewesen. Erst, wenn nur noch der letzte Drachenvasall übrig war, durfte sie gerufen werden. Sonst würde alles umsonst sein.
“Sie kommen!” Der Ruf pflanzte sich durch die Reihen der Billies fort. “Bereitmachen!”

***

Die Laune des Haushofmeisters Vuulan besserte sich von Minute zu Minute. Am liebsten hätte er triumphierend aufgeschrien. Aus den Augenwinkeln hatte der Droagfürst den Tod seines Widersachers beobachtet. Lindwurmfürst Tuluun war erledigt.

Vuulan warf einen Blick über seine linke Schulter und sah direkt in das wutverzerrte Gesicht von Zaos. Der Droag hätte auflachen können, doch mit eiserner Selbstbeherrschung hielt er sich zurück. Er zwinkerte dem mächtigen Wyrm vergnügt zu. Du bist der nächste, Wandertonne!

Im selben Augenblick erklang Toxxulias ärgerliche Stimme: “Tuluun, dieser Versager! Zaos, vernichtet diese Weichhäute! Enttäuscht Ihr mich nicht auch noch!”
“Wie Ihr befehlt Herrin”, schnarrte der Wyrmfürst, nicht ohne Vuulan noch mit einem giftigen Blick zu bedenken.
Voller Inbrunst setzte der Droag seinen Gesang fort.

***

Toramor hastete mit gezogenem Schwert zurück auf seine Position. Mit vorgehaltenem Schild erwartete der halasianische Hühne den Ansturm der Wyrmbestien, während sich der übrige Raubzug ein wenig abseits aufstellte, um den Angreifern anschließend in die Flanke zu fallen.

Toramor von Halas war weder ein ängstlicher Mann, noch durfte man ihn zu den Zauderern zählen. Doch als der Boden unter seinen Füßen unter den donnernden Füßen der heranstürmenden Wyrme bebte und zitterte, ihr Galopp als dumpf hämmerndes Krachen von den Wänden des Blütengewölbes widerhallte, da bildeten sich kleine Schweißperlen auf seinem, von einem schmalen Haarschopf in der Mitte abgesehen, kahlenrasierten Schädel.

In diesem Moment brach Khalandra neben ihm seitlich aus der Formation aus. Mit stoischer Ruhe taxierte die Halbelfe die Gegner und pickte sich gezielt die schwächeren Wyrmlinge aus dem Gefolge des Bestienfürsten heraus. Die Schattenritterin stimmte ihren gefürcheten Todesmarsch an und die Wyrmlige stürmten in ihre Richtung.
Toramor biss die Zähne zusammen. Der Wyrmfürst donnerte wie ein rasendes Geschoss auf ihn zu. “Ach verdammt”, dachte der Barbar. “Rallos hasst Schwächlinge!”
Wut packte den Krieger. Zwar hatte er dem Berserkertum einst abgeschworen, doch in der Hitze des Kampfes war der Zorn ihm nach wie vor willkommener Begleiter und Kampfgefährte. Er hob beide Arme, schwert- und schildbewehrt, zum Himmel und schrie dem Wyrmfürsten seine Herausforderung entgegen. “Du furzverseuchter, schleimverkrusteter, nichtsnutziger Sohn einer Eidechse! Komme her und Ich werde dich zertreten wie einen Wurm!”

Zaos die Donnerechse kam mit einem krachenden Stampfen zum Stehen. Sein Schwanz fegte herum und fuhr wie eine Sturmsense durch die Reihen der bereits mit seiner Brut kämpfenden Billies. Diese gingen, wie von einem fliegenden Baumstamm gefällt, reihenweise zu Boden. Mancher Knochen knackte und brach, andere spuckten Blut.
Zaos’ Kopf fuhr auf Toramor herunter, dem es mühsam gelang, diesen mit seinem Schild zur Seite zu blocken. Sein Arm klingelte von der Wucht des Schädelschlages.
Inzwischen traten die Nekromanten und Klagesänger in Aktion, entrissen Gefallenen um Gefallenen den dunklen Klauen des Todes, während die übrigen Billies die verbliebene Wyrmbrut mit Zauber und Klinge niederkämpften.

Doch auch Zaos steigerte sich in einen zornigen Rausch. Immer wieder fuhr sein mächtiger Schwanz durch die Reihen der Weichhäute, während er versuchte, den lästigen Sterblichen dort vor sich, der ihn unablässig zu schmähen und zu beschimpfen wagte, zwischen seinen mannslangen Reißzähnen zu zermalmen.

Der Wyrmfürst spürte die Todesqualen seiner Brut und in seinen Zorn mischten sich Trauer und Verzweiflung – und schließlich Hass. Hass weniger auf die Sterblichen, die ihm diese Unannehmlichkeiten einbrachten, sondern vielmehr Hass auf diesen verfluchten Emporkömmling Vuulan. Diesen Droagflüchtling, der aus dem Nichts gekommen und sich binnen kürzester Zeit in das Herz seiner geliebten Herrin geschleimt hatte. Zaos wusste genau, dass Vuulan nichts Gutes im Schilde führte, doch die Herrin hörte nicht auf seine Warnungen. Anders als früher schlug sie seine gutgemeinten Ratschläge in den Wind.

Und jeder Augenblick, den dieser Kampf dauerte, jeder seiner Brut, der fiel, machte Vuulan nur stärker. Zaos vermeinte, den verfluchten Droag bis hierher lachen zu hören
Verfluchte Weichhäute! Sein Schwanz schlug in die eine, dann in die andere Richtung und fuhr schließlich wie ein Schmiedehammer auf die lästigen Störenfriede herab. Ha! Diesmal hatte er sie fast alle erwischt!

Und nun zu dir, du Schreihals. Der Wyrmfürst fixierte Toramor. Bleib stehen!
Toramor wich zurück. Die schiere, unbändige Wucht von Zaos’ Kopfattacken zwang ihn dazu. Er spürte die unnachgiebige Membran des Blütengwölbes in seinem Rücken. Im nächsten Moment fiel ein gewaltiger Schatten auf den Halasianer. Reflexartig konnte Toramor seinen Schild noch schützend vor sich ziehen, ehe die Vorderpfote des Ungetüms wie eine Ramme auf ihn herniederfuhr und den Krieger wie ein zertretenes Insekt in den Boden stampfte.

Schild und Rüstung hatten den Halasianer davor bewahrt, sofort zerquetscht zu werden, doch nun war er hilflos unter der tonnenschweren Pfote des Wyrms eingeklemmt, welcher den Druck langsam und genüßlich erhöhte. Toramors Sicht verschwamm und der Atem wurde ihm knapp. Er spürte, wie seine Rippen knackten.

Shimja hatte sich mit einem Hechtsprung vor dem zuschlagenden Schwanz des Wyrmfürsten in Sicherheit gebracht. Nun kauerte sie im Schutze eines Membranvorsprungs und beäugte verzweifelt die Szene vor sich. Klein-Billy hockte neben ihr und zitterte.

“Das geht den Bach runter”, murmelte die Bardin. Mehr als die Hälfte des Raubzuges lag am Boden und rührte sich nicht. Toramor lag irgendwo unter der Vorderpfote des Ungetüms und wurde vermutlich gerade zu Tode gequetscht. Fieberhaft überlegte Shimja, was sie tun konnte. Da fiel ihr der Ruferstein ein, den sie von Blutrabe erhalten hatte. Das war es! Sie musste Verstärkung herbeirufen. Die Worte der Brigantin fielen ihr wieder ein: “Wir dürfen Sherra erst rufen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Wenn nur doch die Drachenkönigin und der Droag übrig sind, sonst war alles umsonst.”

“Schnickschnack!” dachte die kleine Sängerin. “Wenn irgendwann der richtige Zeitpunkt dafür ist, dann jetzt!”
Sie sprach die magischen Worte.

***

Sherra schrieb die letzten Zeilen ihres Berichts fertig, dann legte sie den Federkiel beiseite und lehnte sich in ihrem bequemen Stuhl zurück. Mit zwei Fingern massierte sich die Eruditin kurz die Augenlider und seufzte zufrieden.

Es hätte besser nicht laufen können. Seit Jahren arbeitete die Zauberin an der Vertreibung und Vernichtung Toxxulias, der Drachenkönigin vom giftigen Wald. Sie schwächte ihre Vasallen, schickte Expeditionen aus und heuerte seit neuestem auch Abenteurer an, die im Odus nach vergessenen Schätzen jagten. Zwar hatte es den einen oder anderen Erfolg gegeben. Es war ihr sogar gelungen, eine Allianz mit einem einflussreichen Droagfürsten zu schließen. Doch ihrem eigentlichen Ziel war Sherra nicht viel näher gekommen. Die alte Drachin war schlau und mit allen Wassern gewaschen.

Doch als Sherras Spione ihr berichtet hatten, dass die beiden festgenommenen Trunkenbolde zur berüchtigten Raubzugsbande der Billies gehörten, reifte in der Zauberin ein Plan. Sie zog einige Hebel und ließ ihre Beziehungen spielen, bis die beiden ungleichen Abenteurer vor ihr standen und sie in der Lage war, diese so unter Druck zu setzen, dass sie zustimmen mussten, mit ihrer gesamten Schatzsuchertruppe in bei Toxxulia einzudringen und ihre Vasallen zu erledigen. Optimalerweise würden die Billies dabei soviele Verluste erleiden, dass sich die Überlebenden ohne Probleme beseitigen lassen würden, wenn Toxxulia erst einmal tot im Staub lag, so dass es keine Zeugen gab.

Vuulan, der Droagfürst, sollte zusammen mit ihr loschlagen. Danach würde sie ihm zwar zunächst die Herrschaft über die Drachen des Waldes zugestehen müssen, doch die Drachengemeinschaft selbst würde über Jahre hinaus dermaßen geschwächt sein, dass es ein leichtes wäre, den arroganten und selbstverliebten Droag bald darauf verschwinden zu lassen.

Sherra gestattete sich ein Lächeln. Ihr Einfluss würde bald dem El’Arads gleichen.
Ein intervallartiges Summen unterbrach ihre Gedanken von Ruhm und Glorie. Die Zauberin blickte auf einen purpurn leuchtenden Kristall, der direkt neben ihrem Tintenfass stand.
“Der Ruferstein wird benutzt”, stutzte sie verwundert. “Jetzt schon?”.
Die Eruditin erhob sich und sprach die Worte des Teleportationszaubers. Ihr schwante übles.

***

Blutrabe spuckte Dreck aus und fluchte unterdrückt. Als der Schwanz des Wyrmfürsten in die Reihen der Billies fuhr, hatte sie sich reflexartig flach auf den Boden geworfen. Zwar hatte sie dabei etwas Dreck gefressen, doch den Einschlag ansonsten relativ unbeschadet überstanden. Im Gegensatz zu vielen anderen, dachte sie mit einem trockenen Blick in die Runde.
Die Barbarin hob ihre Waffen und wollte soeben wieder auf den Wyrm einstürmen, als sie entsetzt gewahr wurde, dass dieser gerade im Begriff war, Toramor unter einer riesigen Pfote zu zermanschen. Khalandra tanzte vor dem Ungeheuer auf und ab und sorgte mit schnellen Schwerthieben dafür, dass Zaos nicht dazu kam, vollends zuzutreten. Währenddessen pumpten Wedi, Tiskentyl und Anvaris all ihre Heilkräfte in Toramor, um Schlimmeres zu verhindern.
“Bei der ekelhaften, stinkenden Kniebehaarung von Rallos Zek!”

Mit einem götterlästerlichen Fluch auf den Lippen warf sich Blutrabe mit voller Wucht gegen das Kniegelenk des Wyrms und versuchte, die Pfote des Ungetüms beiseite zu drücken. “Ufff!” Es war, als wäre sie gegen einen hundertjährigen Eichenstamm gesprungen.

Xilana, die Sarnak-Assassine, hatte sich ebenfalls aufgerappelt und erkannt, worauf die Brigantin hinauswollte. Ssizzel, die schwer gepanzerte Klerikerin schloss sich ebenfalls an. Beide Sarnak überragten die muskulöse Barbarin noch um Haupteslänge, und zu dritt gelang es ihnen, Zaos’ Bein ein wenig beiseite zu schieben. Toramors blau angelaufenes Gesicht kam zum Vorschein. Doch es reichte noch nicht.

Weitere Billies strömten herbei. Blutrabe erkannte auf die schnelle Drefaco, Yupuma und selbst die kleine Fee Moodijil. Sie alle stemmten sich gegen das Bein des Wyrmfürsten und schoben es Zentimeter für mühevollen Zentimeter, um ihren Mitstreiter zu retten.

Shimja starrte indessen den Ruferstein an, als wolle sie ihn hypnotisieren. “Komm schon, blöder Stein”, herrschte sie ihn an. “Nun mach schon was! Mach was, verdammt!”
Wütend schleuderte sie den Ruferstein in den Dreck und wollte sich gerade ebenfalls den mit aller Kraft schiebenden Gefährten anschließen, als übergangslos aus dem Nichts eine hochgewachsene Eruditin in weißen Forscherroben neben ihr stand und die Bardin mit arrogantem Blick musterte.

Shimja machte einen erschrockenen Hüpfer zur Seite. Das musste dann wohl Sherra sein.
Die Zauberin erfasste die Situation mit einem Blick.
“Ihr habt mich zu früh gerufen”, donnerte sie. “Was soll das? Ihr unterschätzt die Gerissenheit dieser Drachin. Nun hat sie mich bestimmt bereits bemerkt.”
“Und wenn schon”, knurrte Shimja. “Wir haben hier Probleme, wie Ihr seht.”

“Ich kann euch noch helfen”, fuhr Sherra fort. “Doch es ist unwahrscheinlich, dass Toxxulia töricht genug sein wird, sich mit meiner Magie zu messen – egal, was Ihr unternehmt. Wenn ich spüre, dass sie schwach genug ist, werde ich zurückkehren, um das Ritual zu beenden. Doch das erscheint mir nun sehr unwahrscheinlich.”

Noch ehe Shimja etwas darauf erwidern konnte, hallte die Stimme der Drachenkönigin durch das Blütengewölbe: “Euer lächerlicher Plan, mich zu ersetzen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.” Dann wandte sie sich an den Droag, der vor ihr stand. “Vuulan”, fuhr sie fort, “Beseitigt diese Insekten! Ich kehre zurück, wenn sie vernichtet sind und werde mich dann selbst um diese lächerliche, unwürdige Magierin Sherra kümmern.”

Mit diesen Worten breitete Toxxulia ihr ledrigen Schwingen aus und erbob sich in die Lüfte. Mit rauschenden Flügeln verließ sie das Blütengewölbe durch eine breite Öffnung in der Mitte des Gebildes.

“Was soll das?” fragte Shimja an Sherra gewandt. “Welches Ritual? Und was….”
Doch die Eruditin war bereits wieder verschwunden.

Shimja warf einen Blick auf den riesigen Drachenkrieger, Vuulan oder wie er hieß. Dieser neigte unterwürfig den Kopf vor seiner davonflatternden Gebieterin, doch sobald Toxxulia die Höhle verlassen hatte, richtete er sich zu voller Größe auf und verschränkte die Arme vor der muskulösen Brust. Huldvoll nickte er Zaos zu, ein triumphierendes Blitzen in den Augen.
Die donnernde Rede der Drachkönigin hatte den Wyrmfürst verunsichert, ihr Verschwinden stürzte ihn schließlich in schiere Verzweiflung. Er hatte begriffen, dass Vuulan sich Zeit lassen würde mit seinem Eingreifen und er hasste den Droag dafür.

Mit einem letzten verzweifelten Schub hatten die Billies schließlich Zaos’ Pfote anheben und vorwärts schieben können.
Toramor war benommen und fühlte sich, als wäre eine Horde Wollmammuts über ihn hinweggetrampelt. Dennoch nutzte er den Augenblick der Freiheit, um sich reflexartig zur Seite zu rollen und schwer atmend wieder auf die Füße zu kommen.

Der Schmerz entfachte nun seinen Trotz. Der Krieger fühlte, wie ihm die Heilzauber seiner Gefährten neue Kraft gaben. Er fasste sein Schwert fester, hob herausfordernd den Schild. “RAAALLLOSS!”

Der Schrei des barbarischen Hünen hallte wie ein Donnerschlag durch das Gewölbe. Grenzenlose Wut erfasste ihn und – wie zu seinen Berserkertagen – begann ein roter Schleier, sich über seine Sicht zu legen. Die Zeit selbst schien langsamer zu fließen.

Der hornige Echsenkopf des Wyrmfürsten fuhr herum, elendig langsam, so schien es Toramor, als bewege sich der Wyrm unter Wasser.
Toramor schwang sein Schwert in einem gewaltigen Halbkreis und schlug eine klaffende Wunde in die Brust des Ungetüms. Fleischfetzen und dunkelrotes Blut spritzte in großen, fetten, schwebenden Tropfen davon. Zaos, der Wyrmfürst, brüllte voller Schmerz auf, als wolle er der Herrin seine Pain entgegenschreien und sie so zur Rückkehr bewegen.
Eine Ewigkeit schien dieser Schrei zu dauern. Inzwischen waren auch die übrigen Billies dank der Kunst der umsichtigen Nekromanten und Klagesänger wieder auf die Beine gekommen und erneuerten ebenfalls ihre Attacken.

Panik erfasste den verzweifelten Zaos, als blutige Klingen ihm Wunde um Wunde beibrachten und Welle auf Welle von Gift und Feuer auf ihn einbrandeten. Um sich schlagend ging das Monstrum mit einem dumpfen Krachen zu Boden.

Mit übermenschlicher Kraft schlug Toramor den noch einmal zustoßenden Kopf des Wyrm mit seinem Schild beseite. Der Schildriemen riss und klappernd fiel der Schild zu Boden. Toramor beachtete ihn nicht. Er fasste sein Schwert mit beiden Händen und führte es in mächtigem Bogen über den Kopf. Dann ließ er es herabsausen. Mit laut vernehmlichem Knacken zerbarsten die Halsschuppen des Ungeheuers und im nächsten Augenblick durchtrennte ihm der Barbar die Halsschlageader. Die hervorstoßende Fontäne besudelte den Krieger von oben bis unten mit tiefrotem Drachenblut.

Toramor war es egal. Er hörte auch nicht die Jubelschreie des übrigen Raubzuges. Noch immer dehnte sich für ihn die Zeit.
“RAAALLLOSS!” Mit einem mächtigen Satz sprang der Halasianer auf den Knochenkamm am Hals des Wyrms. Zaos musterte ihn, auf der Seite liegend, mit einem leeren, gelben Auge. Toramor wechselte den Griff an seinem Schwert, so dass er die Klinge nun wie einen tödlichen Dorn senkrecht nach unten hielt. Dann stieß er sie mit aller Macht in das Auge der Bestie. Gallertmasse spritzte auf und ein letzter Schauder durchfuhr das Ungetüm.
Dann lief auch für Toramor die Zeit wieder mit normaler Geschwindigkeit ab.
Wyrmfürst Zaos war tot.

***

Haushofmeister Vuulan wusste nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. Tuulun tot – und nun auch Zaos. Seine Rivalen waren beseitigt. Mit verschränkten Armen hatte der Droag den Fall des Wyrmfürsten verfolgt. Die Schatzsucher hatten ihn zerteilt wie ein geschlachtetes Schwein. Sehr amüsant!

Und er, Vuulan, hatte es tatenlos geschehen lassen. Nur gut, dass Toxxulia ihn nicht gesehen hatte dabei. Und gleichzeitig zu dumm, dass sie nicht mehr hier war!
Eigentlich sollten Zaos und die Schatzsucher sich gegenseitig töten, während er mit Sherra der Drachenkönigin den garaus machen wollte. Doch die dummen Weichhäute hatten die Erzmagierin zu früh gerufen, und Toxxulia hatte den taktischen Rückzug angetreten.

Vuulan schnaubte verächtlich. Nun stand er hier, und anstatt Herr aller Drachen des Odus zu sein, war er nun seiner besten Gelegenheit beraubt und hatte eine Horde räuberischer Insekten am Hals. Dafür würden sie bezahlen! Er wollte ja nach allem, was geschehen war, vor seiner Königin nicht als ungehorsam oder inkompetent dastehen. Nur so konnte er sie in Sicherheit wiegen und seine Ränke weiterverfolgen.
Haushofmeister Vuulan sprach den Zauber, der seine Brut herbeirufen würde. Dann gab er der Drakota-Leibwache den Befehl zum Angriff.

***

Toramor hatte zog gerade seinen frisch wiederhergestellten Schild aus dem gnomischen Reparatur-Roboter, als er Khalandras Ruf vernahm: “Es ist noch nicht vorbei. Sie kommen!”
Die Halbelfe musterte die heranflatternden Drachenabkömmlinge mit erfahrenem Auge. “Schritt zurück, Billies”, sagte sie ruhig. “Direkt in der Einflugschneise stehen macht böse Aua!”
Toramor nahm seine leicht erhöhte Position am Kopfende des gefallenen Wyrms wieder ein und hob den Schild. “Du die Kleinen, ich den Dicken!” rief er der Schattenritterin zu. Diese tat mit einem kurzen Nicken ihre Zustimmung kund und bezog Aufstellung zu Toramors Linken.

Dann waren sie heran.
“Der Ring der Schuppen wird wieder auferstehen!” brüllte Vuulan und führte einen ersten Hieb gegen Toramor, den dieser jedoch mühelos mit seinem Schild parierte.
Die “Kleinen”, wie der Halasianer die heranfliegenden Drakota genannt hatte, maßen von Kopf bis Schwanz immerhin noch gute zehn Fuß und sahen wie die Miniaturausgaben größerer Drachen aus. Ihre dunklen Schuppen warfen gespenstische Reflexe und ihr schrilles Kreischen ließ einem das Blut in den Adern gefrieren.

Die Mitglieder des Raubzuges hatten allerdings Erfahrung mit diesen Kreaturen. Der Kampf war kurz und heftig und bald lagen die Drakota in ihrem Blut.
Toramor indessen kämpfte beharrlich gegen den mächtigen Droag. Die Schwerthiebe Vuulans kamen schnell und gnadenlos. Zwei Tatsachen hielten den halasianischen Krieger am Leben: seine in jahrelangen Kämpfen gestählten Reflexe und die unermüdliche Zauberkraft seiner Heiler.

Doch nun erhielt er Verstärkung. Nach dem Fall der Drakota konnten auch die übrigen Billies ihre Kampfkraft auf Toxxulias Herold konzentrieren. Scharenweise prasselten Hiebe und Zauberattacken in den Rücken des Droag. Dieser schwankte und fauchte. Zwar konnte er die vorwitzigen Nahkämpfer mit Schwanz- und Flügelschlägen ein wenig auf Distanz halten, diese jedoch ließen sich, angetrieben von den nimmermüden Schlachtgesängen ihrer Barden, nicht wirklich abschütteln und griffen hartnäckig immer wieder an. Währenddessen musste der Droag seine Hauptattacken auf Toramor konzentrieren, welcher mit ständigen Schmähungen und schmerzhaften Schwerthieben Vuulans gesamte Aufmerksamkeit verlangte.

“Verdammt!” dachte der Droag. “Die sind zäher als ich dachte.” Wieder sandte er seine Gedanken nach seiner Brut aus. Dringlicher diesmal.
Es war, als wären sie aus dem Boden gewachsen. Urplötzlich tauchten zwei weitere Drachenkrieger mitten zwischen den Billies auf. Mehrere Zauberer und Heiler gingen unter ihren brutalen Hieben sofort zu Boden. Ohne zu zögern, sprang Khalandra herbei. Blitzschnell zuckte ihr Schwert zwischen den beiden Droags hin und her. Blut spritzte in hohen Fontänen und mit zornigen Aufschreien stürzten sich die Drachenkrieger auf die höhnisch lachende Halbelfe. Ihre Augen blitzten, während sie die Droags mit spöttischer Geste aufforderte, näher zu treten.

Beinahe simultan bohrten Afeo und Christobal ihre Klingen von hinten in die ungeschützten Kniekehlen eines abgelenkten Droags. Dieser schrie schmerzerfüllt auf und sackte nach vorne. Im nächsten Moment segelte sein abgetrennter Kopf in hohem Bogen durch die Luft. Grinsend schwenkte Blutrabe ihre blutverschmierte Knochenaxt. Die Piratin gratulierte sich zu dem Entschluss, in Erwartung zu bekämpfender Drachen die üblichen Säbel gegen ihre wesentlich wuchtigeren Waffen, Knochenaxt und Sichelschwert, eingetauscht zu haben. Die drei Scouts schlugen kurz in Anerkennung ihrer erfolgreichen Teamarbeit ihr Klingen gegeneinander, ehe sie sich wieder Vuulan zuwandten. Währenddessen starb der zweite Kämpfer der Droagbrut im massiven magischen Trommelfeuer der Zauberer des Raubzuges.

Vuulan empfand den Tod seiner Geschöpfe mit einer gewissen Verärgerung. Diesen verfluchten Weichhäuten musste doch beizukommen sein. Während er seine Attacken mit unverminderter Intensität fortsetzte, rief er weitere Droagkrieger herbei, wieder und wieder.

Doch die Billies waren diesmal auf der Hut und die Kreaturen starben ebenso schnell wie ihre Vorgänger. Dennoch machte sich im Raubzug eine zunehmende Erschöpfung bemerkbar. Vuulan hingegen schien diese Kampfesweise ewig durchhalten zu können.

“Wo kommen die immer so schnell her?” Christobal löste sich aus dem Kampf gegen den Droagfürsten und sprang auf eine erhöhte Wurzelranke. Fieberhaft blickte er sich um. “Auf Dauer halten wir das nicht aus”, dachte der Gnom. “Über kurz oder lang zermürbt uns der Droag mit dieser Taktik. Wir können dabei nur verlieren. Schlauer Teufel.”

Erneut tauchten zwei Droag aus dem Nichts auf. Nein! Nicht aus dem Nichts! Für einen kurzen Augenblick sah Christobal ein schwaches, bläuliches Lichtband, das die Draks mit einem Paar riesiger Eier in einer nahen Mulde verband. Dann war der Schimmer auch schon wieder verschwunden. Der Brigant schnippte mit den Fingern. Natürlich! Die Eier! Von diesen Gelegen gab es mehrere – über das ganz Gewölbe verteilt. Christobal sah sich kurz um, welcher Billy ihm am nächsten war.

“Cephir!” rief er dem Arasaisänger zu. “Komm mit!”
Der grüngeflügelte Barde schmetterte ein letztes Crescendo in Richtung des Droagfürsten und schloss sich Christobal mit sirrenden Schwingen an.

“Es sind die Eier”, erklärte der Gnom hastig, während sie auf ein weiteres Gelege in der Nähe zuhasteten. “Sie hängen mit den Droag zusammen.”
Cephir nickte und schleuderte einen gellenden Schrei auf das erste Ei. Die Schale knackte und wies mehrere Risse auf, brach aber nicht. Christobal setzte mit einerm Klingenwirbel nach. Da brach das erste Ei. Faulig-süßlicher Geruch stieg daraus hevor. Grüner Schleim tropfte auf den Boden und schließlich rutschte ein ekelhafter schwarzer Klumpen hinterher, der die annähernd humanoide Form eines Droag aufwies.

“Bingo!” nuschelte Cephir hinter vorgehaltener Hand. Schnell zerschlugen die beiden auch das andere Ei. Es wies einen ähnlichen Inhalt auf.
So kämpften sich Gnom und Arasai von Gelege zu Gelege. Und tatsächlich ließ der Strom der herbeibeschworenen Droags nach, und verschaffte den Billies die eine oder andere Atempause und auch die Gelegenheit, sich intensiver mit Vuulan zu beschäftigen. Doch der Strom der Drachenkrieger riss nie völlig ab.
Als Christobal und Cephir auf ihrer Suche nach Eiergelegen das Gewölbe einmal komplett umrundet hatten, erreichten sie wieder die Mulde, bei der sie angefangen hatten.
Der Gnom keuchte entsetzt auf. “Das kann nicht sein!”

Cephir rieb sich die großen grünen Augen und blinzelte ungläubig. Dann fasste sich der Sänger. “Ich fürchte doch, mein Freund.”
Christobal stampfte mit dem Fuß auf und begann, wie von Sinnen auf eines der Eier einzuprügeln, welches krachend zerbarst und seinen ekelhaften Inhalt freigab.
Indessen stieg Cephir auf seinen filigranen Schwingen einige Spannen hoch auf, um den Blick besser über die nächsten Gelege schweifen zu lassen. Ihm schwante übles – und er sollte recht behalten.

“Hier ist finstere Drachenmagie am Werk”, bemerkte Cephir, als er sich neben dem Gnom wieder zu Boden sinken ließ. “Die nächsten Gelege sind auch wieder ganz.”
Christobal warf einen mutlosen Blick zum wogenden Kampfgetümmel hinüber. Ein weiterer Schwanzschlag Vuulans fegte durch die Reihen seiner Angreifer. Der Gnom beobachtete, wie Afeo und Donnerwetter zurückgeschleudert wurden, fluchend wieder auf die Beine kamen und sich erneut in den Kampf stürzten. Ihre Bewegungen wirkten müde.

Eine weitere Gruppe Drachenkrieger erschien wie aus dem Erdboden gewachsen. Der Kopf des Gnomen ruckte hoch. Aus den Augenwinkeln hatte er etwas bemerkt. Im selben Moment, als die Droags erschienen waren, hatte Christobal wieder diesen schwachen blauen Lichtstrahl, den er schon einmal gesehen hatte, bemerkt. Er führte von den Droag zu einem der Gelege… und von und von dort zum Hinterkopf Vuulans. Der Brigant kniff die Augen zusammen. Genau an die Stelle zwischen Schädel und Halswirbelsäule. Plötzlich hatte Christobal eine Idee. “Cephir!”, rief er. “Leihst du mir deinen Mantel?”

***

“Aber sonst hast du keine Schmerzen?” fragte Blutrabe, als ihr Christobal mit zwei Sätzen seinen Plan erläutert hatte. Die Piratin zuckte müde die Achseln. “Na, meinetwegen.”
Sie standen etwas abseits vom Kampfgeschehen. Christobal war zum Raubzug zurückgerannt und hatte Silbhe kurz zugerufen: “Ich habe eine Idee! Ich brauche Donner und Rabe. Vertrau mir!”

Die Druidin hatte nur kurz die Achseln gezuckt und war ansonsten damit beschäftigt, zu ihrer Heilleistung den einen oder anderen Kettenblitz auf den Gegner beizusteuern.
Donnerwetter und Cephir stießen zu ihnen. “Cephir haddes mir erklärt”, rümpfte der Troll die Nase. “Aber glauben kannichs ned.”

Der Arasai hatte inzwischen seinen Umhang abgelegt und die Schlaufe der einen Befestigung um Donnerwetters Handgelenk geschlungen. Blutrabe ergriff die zweite Schlaufe und begann, den Umhang wie eine Schraube zu drehen. Der Umhang verdrehte sich umeinander, strammer und strammer. Hassgewebe aus Neriak gilt nicht umsonst als unglaublich dehnbar, so dass der Stoff immer mehr Spannung aufbaute und die Muskulatur der beiden Briganten sich vor Anstrengung verhärtete.

“Weiter!” feuerte Christobal sie an. Er hatte seinen Hut abgelegt und durch eine lederne Kappe ersetzt, die er nun mit einem Riemen unter seinem Kinn schloss. Danach zog er sich die mit der Kappe verbundene Schutzbrille über die Augen und ergriff sein Kurzschwert mit beiden Händen.

Blutrabe und Donnerwetter ließen sich nun jeweils auf ein Knie nieder, den gespannten Umhang auf Bodenhöhe zwischen sich. Ihre Halsmuskeln traten deutlich hervor. Beide beobachteten Vuulans Rücken.

Christobal trat nun auf den wie eine Stahlwinde gespannten Umhang und ging in die Hocke. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Aufmerksam fixierte der Gnom den bewussten Punkt am Hinterkopf des Droagfürsten. Wo war das blaue Leuchtband? Es musste kommen, lange wurden seine beiden Gefährten den Mantel nicht mehr auf Spannung halten können. Da! Zwei neue Droag im Raubzug! Und das Leuchtband!

Jetzt!” schrie Christobal.

Sekundenbruchteile dehnten sich zu Ewigkeiten. Nahezu gleichzeitig stießen sich Donnerwetter und Blutrabe vom Boden ab und rissen im selben Augenblick die Arme, die die Mantelschlaufen hielten, aufwärts und nach vorn. Christobal segelte in hohem Bogen durch die Luft. Wie von einem Katapult abgeschossen, raste der Gnom auf Vuulans Nacken zu.
Er hatte nur einen Versuch, das wusste der Brigant. Wenn er sein Ziel verfehlte, würde er als blutiger Matschfleck enden. Christobal hob beide Hände nach vorn über den Kopf, das Schwert wie einen riesigen Insektenstachel vor sich haltend. Der Nacken des Droag kam rasend schnell näher. Im letzten Augenblick nahm Christobal den Kopf auf die Brust. Später schwor er Stein und Bein, dass er die Augen nicht geschlossen hatte.

Das Schwert des Gnomen durchstieß die Halswirbelsäule des Droagfürsten mit einem klatschenden Schmatzen. Der Aufprall riss Christobal die Waffe aus der Hand, während dieser sich mehrfach überschlug und gegen die Blütenmembran des Gewölbes prallte. Vuulan fiel wie vom Blitz getroffen. Als er auf den Boden krachte, starrte seine Augen bereits gebrochen ins Leere.

Taumelnd kam Christobal auf die Füße und versuchte, sich durch das Sternengeflirre um seinen gebeutelten Schädel zu orientieren, als ihm auch schon die die ersten Hände auf die Schulter klopften. Die Jubelschreie der Billies hallten durch das leere Gewölbe und übertönten das kranke Knacken aufplatzender Eierschalen.

***

Sherra die Zauberin war glänzender Laune. Zwar war ihre Erzfeindin Toxxulia den Schatzsuchern entkommen, doch hatten die Abenteurer unter ihrem Hofstaat gut gewütet und die Drachenkönigin sehr schwer geschwächt. Vuulan dürfte sie zum Dank dafür anschließend zu Hackfleisch verarbeitet haben, was ihr, Sherra, den Aufwand ersparte, diese Möchtegernhelden für ihr verpatztes Husarenstück auch noch bezahlen zu müssen.

Die Magierin zuckte die Achseln. Ihr Plan war zumindest zum Teil aufgegangen und sie freute sich bereits darauf, neue Ränke gegen Toxxulia schmieden zu können.
Normalerweise war der nüchternen Eruditin eher selten zum Feiern zumute. Doch heute abend hatte sie sich mit ein paar Kollegen von der Akademie getroffen, um auf ihren neuesten Erfolg anzustoßen. Natürlich hatte sie ihr eigenes Engagement in dieser Angelegenheit bescheiden aber deutlich zum Ausdruck gebracht, so dass sie das Lob und den Neid ihrer Kollegen um so mehr genießen konnte. Und sie hatte dem Wein mehr zugesprochen, als es üblicherweise ihre Art war.

Sherra kicherte leise vor sich hin, als sie in die schmale Gasse einbog, welche zu ihrem Appartement führte. Gutgelaunt grüßte sie den einzigen Passanten, der ihr entgegenkam. Hm, niemand, den sie kannte. Die Zauberin runzelte kurz die Stirn und sah sich um. Niemand da. Sie zuckte die Achseln.

Und wenn schon. Wird wohl in sein Haus verschwunden sein. Fremde verirrten sich nicht in diesen Teil Paineels. Dieses Viertel war den höheren Würdenträgern der Stadt vorbehalten. Die Zugänge wurden von den Soldaten der Hochmoorklingen bewacht.

Plötzlich legte sich ein muskulöser Arm wie ein Schraubstock um Sherras Oberkörper und druckte ihre Arme fest gegen sie. Die Zauberin wurde herumgewirbelt und frontal gegen die Hofmauer ihres Anwesens gedrückt. Sie wollte schreien, eine Zauberformel der Abwehr sprechen, doch im selben Augenblick spürte sie das kühle Metall einer gezackten Klinge an ihrer Kehle. Sherra erstarrte.

“Trunkenheit am Zauberbuch?” fragte eine kehlige Frauenstimme dicht an ihrem Ohr. Sie klang gedämpft, wie durch ein Tuch gesprochen. “Das kann fatal sein.” Die Zauberin stand stocksteif da. Eiswasser schien durch ihre Adern zu rinnen. Ihre Angreiferin musste zum Volk der Oger, Trolle oder Halasianer gehören, um sie mit solcher Kraft festzuhalten, schoss es ihr durch den Kopf.

“Hör gut zu, denn ich sage es nur einmal”, fuhr die Unbekannte fort. “Du machst auch nur einen Laut, einen Mucks, eine Bewegung, die mir nicht gefällt. Wenn auch nur deine Fingerspitze zuckt oder deine Wimper schlägt, wirst du erfahren, warum man diesen Dreiklingendolch hier auch den ‘Gurgelschlitzer’ nennt. Ist das klar?”

Sherra rührte sich nicht. Furchtlos würde sie jedem Drachen gegenübertreten, aber dieser hinterhältige Angriff und der Dolch an ihrer Kehle hatte sie aus der Fassung gebracht. Sie wusste nicht, ob es an der unverfrorenen Dreistigkeit ihrer Angreiferin lag oder an dem leichten Schmerz, mit der das Messer die Haut an ihrer Kehle ritzte. Irgendetwas an der Stimme der Frau kam ihr bekannt vor.

“Deinem Schweigen entnehme ich, dass du ein schlaues Mädchen bist.” Ein spöttisches Wohlwollen lag in den Worten ihrer Angreiferin, ehe sie fortfuhr: “Und nun sperr die Lauschlappen auf, Glatze! Ich bin Blutrabe, Erzherzogin in Freihafen, auch die Rote Korsarin genannt. Und dazu noch ein dutzend weiterer Titel, mit denen du dir den Arsch abwischen kannst. Meine Verbindungen reichen weit. Es gibt nur wenige auf Norrath, die meinten, mich und meine Freunde verarschen zu können und noch weniger konnten hinterher damit prahlen. Offensichtlich gehörst du zu den ersteren, aber garantiert nicht zu den letzteren.”

Sherra verstand. Und war entsetzt. Diese Brigantin hier gehörte zu den Schatzsuchern, die sie auf Toxxulia angesetzt hatte. Sie musste irgendwie überlebt haben. Gab es noch weitere Überlebende? Der Schaden für den Ruf der Zauberin als Intrigantin wäre irreparabel.

Blutrabe sprach weiter: “Ich habe deine nette Wohngegend hier besucht, um dich darauf hinzuweisen, dass ich dir jederzeit die Hammelbeine langziehen kann. Eigentlich sollte ich dich für deinen Verrat einen Kopf kürzer machen, aber wer wäscht anschließend meinen Umhang? Außerdem kannst du mir vielleicht noch nützlich sein. Solange ich dieser Meinung bin, gestatte ich dir, weiterzuleben. Sollte ich meine Meinung ändern, zum Beispiel, weil du mal wieder versuchst, im allgemeinen einen Billy zu verarschen oder mich im besonderen…”

Die Brigantin beende den Satz mit einer leichten Drehung ihres Handgelenkes. Und diesmal spürte die Zauberin, wie ein Blutstropfen ihre Kehle hinunterrann.
“Du darfs jetzt einmal kurz nicken, zum Zeichen, dass du mich verstanden hast”, sprach Blutrabe weiter.

Sherra gehorchte zögernd. Den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken, vermied sie sorgsam, um die Klinge der Piratin nicht noch näher an ihre Kehle heranzulassen.
“Gut.” Ein zufriedenes Lächeln stahl sich in Blutrabes Stimme. “Dann entschuldige bitte die Kopfschmerzen.”

“Kopfschmer…?” entfuhr es der Zauberin. Sie spürte, wie die Barbarin sie losließ. Im nächsten Moment packte eine brutale Hand ihren Hinterkopf und stieß diesen wuchtig nach vorn. Für einen Sekundenbruchteil sah Sherra die Hofmauer rasend schnell näherkommen, hörte ein Knacken. Der Schmerz ging in Schwärze über.
Christobal trat aus den Schatten am Ende der Gasse. Er trug wieder sein schwarzes Gewand mit der Maske und dem breitkrempigen Hut. “Niemand hat euch gesehen”, berichtete der Gnom. “Bist du jetzt fertig mit deinem Mummenschanz?”

Blutrabe schlug die Kapuze zurück. Unter den Falten ihres Umhangs schimmerte kurz das silbrige Emblem einer Hand mit einem stilisierten Auge im fahlen Mondlicht.
Die Piratin grinste. “Lass uns was trinken…”

(Ende – aber nur für den Moment)

© by Blutrabe

Die Schliche des Herrn Miragul V

August 29

Shimja guckt unglücklich in das Bücherregal… leider ist dieser Teil unauffindbar.

Sie hat schon alles abgesucht… aber dieser Teil ist einfach nicht zu finden, aber sie kann sich auch nicht daran erinnern den Teil schon einmal in der Hand gehabt zu haben.

Und auch wenn ihr Gedächtnis manchmal auch wie ein Sieb ist, an Bücher und Geschichten erinnert sie sich immer

Möglich ist es ja, so etwas ist ja auch schon anderen Personen passiert  …. soll es bei Miraguls Geschichte vielleicht so wie bei dem Herren Schubert gelaufen sein….

Sie überlegt, das sie weiter suchen wird, aber besonders zuversichtlich ist sie nicht, das sich diese Geschichte noch anfinden wird.

Sie rückt die Bücher ein bisserl zusammen damit die Lücke nicht so auffällt, lässt aber ein bisserl Platz, falls noch ein Wunder geschieht

Die Schliche des Herrn Miragul IV

August 29

4. Kapitel
in welchem alte Legenden in neuem Licht erscheinen …

“Dann machten sie sich auf den Weg. Zu jener Zeit besaß Haladan nur wenige Rüstungsteile und seine einzige Waffe war ein Kurzschwert. Beim Wasserfall nahm er Abschied von Stoßzahn, seinem treuen Gefährten. ‘Hierhin kannst du mir nicht folgen, mein Freund.’ sprach er. ‘Die nun folgende Tat muss ich allein tun.’”
Der alte Mann hielt einen Augenblick in seiner Erzählung inne, um sich die rauhe Kehle mit einem Schluck Ale zu benetzen. Dann fuhr er mit seiner sonoren Stimme fort: “Er sprang den Wasserfall hinab und tauchte in den tiefen See. Ganz tief musste Haladan tauchen, und das Schwimmen war schwierig wegen der starken Strömungen. Mit all seiner Kraft stemmte er sich gegen die Wassermassen und kam schließlich hinter dem Wasserfall bei einem runenbemalten Felsen wieder an Land. Er blickte in eine große Höhle.”
Die Kinder und Halbwüchsigen des Dorfes saßen in einem Halbkreis um den alten Geschichtenerzähler, den man hier nur Yurij den Skalden nannte. Einst war Yurij ein starker Krieger und großer Jäger gewesen. Doch seit einem Jagdunfall, bei dem ein wilder Eber seine Hauer in den Oberschenkel des Mannes gerammt hatte, hinkte er. In der darauffolgenden Zeit der Bettlägerigkeit hatte Yurij sein zweites Talent entdeckt: Geschichten erzählen. Als er wieder laufen konnte, zog er von Dorf zu Dorf und erzählte die Sagen von Haladan Mondläufer. Dafür erhielt er nach dem halasianischen Brauch des Gastrechts eine Mahlzeit und einen Schlauch Ale und ein Lager für die Nacht. Nicht das schlechteste Leben für einen, der im Kampf nichts mehr taugte.

Und die Kinder liebten Yurij. Gebannt lauschten sie seinen Erzählungen über die alten Helden von Halas. Sie saßen mit ihm in der Sicherheit des Gemeinschaftshauses, während draußen die Winterstürme heulten und das Land in einen weißen Alptraum verwandelten. Sie saßen dort in der kuscheligen Wärme ihrer Eisbärenfelle und in die Überwürfe ihrer Großkilts gehüllt. Ihre Wangen glühten und ihre Augen strahlten im Schein des Herdfeuers und der Fackeln, die in schmiedeeisernen Halterungen an den Wänden befestigt waren.
In lebhaften Worten schilderte Yurij der Skalde den heldenhaften Kampf, den der junge Haladan Mondläufer gegen die riesenhafte Felsenhexe von Skagafjord führte. Seine Stimme hob sich, als er die furchtlose Rede Haladans im Angesicht der Riesin wiedergab und mit verstellter krächzend-hoher Stimme, in kryptischen Stabreimen voll abgrundtiefer Bosheit, rezitierte er die Antwort der Hexe, ehe sie versuchte, ihn mit ihrem Zauberspeer zu durchbohren. Die Erzählung des Skalden wurde lebhafter. Der Kampf zwischen den ungleichen Gegnern wogte hin und her. Nur Haladans Geistesgegenwart rettete ihn mehrfach vor dem Tod.

Die kleineren Kinder drückten sich ängstlich an ihre Geschwister und kauten gebannt auf ihren Handknöcheln, so eindringlich waren die Worte des Skalden. Einige der Jünglinge waren aufgesprungen und standen und lauschten mit geballten Fäusten, während Yurij die höhnischen Worte der Hexe sprach, als sie Haladan endlich zu Boden gerungen hatte und nun mit erhobenem Zauberspeer über ihm stand, um ihm die Waffe in die Kehle zu stoßen.

Lauter Jubel hallte durch das Langhaus, als schließlich Stoßzahn, Haladans treuer Mammutgefährte, durch einen zuvor verborgenen Höhleneingang brach und mit einem lauten Trompeten die verräterische Riesenzauberin auf einen seiner gewaltigen Hauer spießte. Und sie klatschten und lachten, als die Helden im Triumph nach Skagafjord zurückkehrten, den abgetrennten Kopf der Hexe als Siegeszeichen auf den Mammuthauer gespießt.

Zufrieden lehnte sich Yurij zurück und trank einen tiefen Schluck Ale. Einige Kinder bestürmten ihn, gleich noch eine weitere Geschichte zu erzählen. Andere waren aufgesprungen und jagten und balgten sich. Die einen erklärten sich zu Haladans und Stoßzähnen und stürmten auf die anderen ein, die widerwillig den Teil der Hexe übernahmen, als sie begannen, die Sage nachzuspielen und auf ihre kindereigene Art neu zu erfinden.

Zwei feuerhaarige Mädchen saßen, an eine geschnitzte Säule gelehnt, etwas abseits und sahen dem Treiben zu. Sie mochten wohl Schwestern sein, denn sie waren einander sowohl an Größe und Körperbau, als auch in ihren Gesichtern recht ähnlich. Beide trugen bereits Gesichtstätowierungen, was sie als mindestens zwölf Sommer alt auswies. Die eine, anscheindend die ältere, war jedoch von heller, rosafarbender Haut, während die jüngere eine tiefe Sonnenbräune aufwies, die man in Halas erhielt, wenn man sich viel zur Mitsommerzeit auf den Planken der kleinen wendigen Fischerboote aufhielt.

“Wenn Stoßzahn nicht einen Weg nach unten gefunden und die blöde Hexe auf die Hörner genommen hätte, wäre es das gewesen”, grummelte die jüngere Schwester und schnippte missmutig einen Kiesel zum Herdfeuer.

Die ältere lächelte weise. “Manchmal braucht man einen Freund, auf den Verlass ist”, erwiderte sie.

Die jüngere runzelte die Stirn. Ihr Blick ging weiter starr in die Flammen. “Freund? Jemand anders macht die Arbeit und erntet dafür weder Ruhm noch Reichtum. Sieht so Freundschaft aus, Yelsa?”

“Darum geht es doch gar nicht.” Yelsaveta schüttelte den Kopf und der Feuerschein warf tanzende Reflexe auf ihr kupferrotes Haar. “Die zwei haben eine Aufgabe übernommen und sie zuende geführt. Und die Leute von Skagafjord haben sie dafür gerühmt und gefeiert.”

“Ein paar Pfund Fisch für eine Heldentat. Ich bin begeistert”, entgegnete die jüngere mit übertrieben aufgesetztem Enthusiasmus. Ihre lockige Haarmähne wurde nur mühsam von einem dunklen Stirnband zurückgehalten und mehrere rote Strähnen fielen ihr ins Gesicht.

“Ich hätte sowas bestenfalls für eine mit Gold gefüllte Schatulle getan”, fuhr sie hitzig fort. “Wenn sich die Essigschlucker aus Skagafjord das nicht leisten können, dann sollen sie mit ihrer Hexe glücklich werden.”

Yelsaveta musterte ihre Schwester mit eindringlichem Blick. Sie führten eine solche Diskussion nicht zum ersten mal. Doch immer wieder schaffte es die Jüngere, sie damit wütend zu machen. “Haladan tat, was zum Wohle von Skagafjord getan werden musste. Reichtum ist vergänglich, doch der Nachruhm währt ewig und ist der Weg zur Unsterblichkeit!”
Die Jüngere lachte frech auf. “Ha! Drauf geschissen! Von Ruhm und Ehre wirst du nicht satt! Ich hätte der Hexe eine Falle gestellt und sie in ihren eigenen Speer rennen lassen. Aber nicht die Alte mit meinem Rumgehüpfe solange hingehalten, bis mir ein wandelnder Bettvorleger den Arsch rettet! Danach wäre ich ins Dorf gegangen und hätte meinen Lohn gefordert. Und hätte ihn entweder erhalten oder ich hätte das flohverseuchte Kuhkaff niedergebrannt.”

Bei den letzten Worten war das Mädchen aufgesprungen und funkelte nun angriffslustig ihre Schwester an, die sich ebenfalls erhoben hatte und ihre Wut nur mühsam in Zaum hielt. Flammen schienen um ihre Faust zu züngeln.

Schlagartig war es sehr still geworden im Langhaus. Nur das Heulen des unablässig wütenden Sturmes war von draussen zu hören. Die Jüngere entspannte sich und brachte ein schiefes Lächeln zustande. “Nichts passiert”, sagte sie fröhlich in die Runde. “Alles in Ordnung. Wir… äh… wissen jetzt, wer von uns beiden das nächste Ale holte. Nicht wahr Yelsa?”

Yelsavetas Blick sprühte immer noch vor Wildheit.
“Ich dann?” fragte das jüngere Mädchen und deutete mit dem Daumen auf sich.

Die ältere nickte grimmig und nahm ihren Platz auf dem Fell wieder ein. Auch die übrige Geräuschkulisse normalisierte sich, als das Interesse der Umstehenden nachließ.
Später, als die beiden wieder einträchtig nebeneinander saßen und einer weiteren Saga von Haladan Mondläufer lauschten, raunte Yelsa zu ihrer Schwester hinüber: “Ich werde nie begreifen, wie du so …”, sie suchte nach einem passenden Wort, fand aber keines, “… so denken kannst.”

Das jüngere Mädchen antwortete nicht. Sie schien völlig in die Erzählung vertieft.

Yelsaveta wusste es besser. “Wenn ich so ruhmreich kämpfen würde wie Haladan”, fuhr sie im Flüsterton fort, “ich wäre die glücklichste Frau von Halas. Du dagegen wirst immer nur wie ein blutbefleckter Rabe über den Schlachtfeldern kreisen.”

Die jüngere sagte weiterhin kein Wort.
Doch ihr Mundwinkel verzog sich zu einem Lächeln. Blutiger Rabe der Schlachtfelder? Ja, der Gedanke gefiel ihr.

***

“Warum stinkt es hier eigentlich so nach ‘nasser Hund’?” murmelte Ceiling Rats in die frostklare Stille hinein. Ihre feine Nase verzog sich angewidert.
“Stimmt aber, ich hab mich auch schon gewundert”, bestätigte Nimro Nimrades.
Die beiden Rattonga hatte das zentrale Podest in der Eingangshalle von Miraguls Planarer Scherbe erklommen, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. In einer Ecke in der Nähe des Eingangs lagen die Leichname Kervis Pendelairs und seiner Gehilfen. Nach ihrem Sieg hatten sich die Billies der gegenüberliegenden Tür zugewandt. Zwei weitere thulianische Todesritter hatten dort Wache gehalten. Die Betonung lag auf “hatten”.

“Das gefällt mir nicht”, sagte Ceiling an Nimro gewandt. Der Nekromant zuckte die Achseln. Obwohl auch er über den für seine Rasse typischen, feinen Geruchssinn verfügte, war er durch den süßlich-fauligen Gestank seiner untoten Schergen abgehärtet, was unangenehme Düfte betraf. “Wer weiss, was der alte Miragul da wieder Übles zusammengekocht hat?” versetzte er. “Vielleicht hat er Thulianer mit Schlittenhunden gekreuzt, hehehe…”

Inzwischen hatten Solidar, Cathul, Ssizzel und Silbhe sowie einige Scouts die fragliche Tür erreicht. Sie bestand aus dunkelblauem Material, wie alles hier. Schwer zu sagen, ob sie aus Marmor oder einem anderen Stein bestand. Alle Türen und Wände an diesem unheimlichen Ort waren mit Raureif und Eiskristallen überzogen, die dem Material ein verwirrendes Glitzern und Funkeln verliehen und jede weitere Bestimmung erschwerten. Auch an dieser Tür prangte eine große Tafel:

Studienraum II

Haladan Mondläufer, Held von Halas
und Stoßzahn

Füttern verboten

Warnung vor dem Hund

Ein lauter halasianischer Fluch hallte durch das stille Gewölbe, als Blutrabe das Schild erblickte. “Bei Rallos’ gepanzerten Eiern! Ausgerechnet Haladan! Das kann doch nicht wahr sein!”
“Der Name sagt dir was?” fragte Silbhe unbeeindruckt.
Die Brigantin konnte ihren Zorn nur mühsam zügeln. “Ein Blender der schlimmsten Sorte. Wir Halasianer langweilen unsere Kinder mit seinen Geschichten, bis sie einschlafen”, sagte sie verächtlich.
“Wieso ein Blender?” begehrte Solidar auf. Auch er war Halasianer und mit den alten Sagen aufgewachsen. Der Paladin fuhr fort: “Haladan Mondläufer war ein ruhmreicher Held. Seine Taten sind legendär. Jeder Krieger sollte ihm nacheifern.”
Blutrabe hob eine Augenbraue. “Kennst du meine Schwester? Wenn nicht, solltet ihr euch kennenlernen. Ihr redet den gleichen Unsinn.”

Ssizzel hielt eine gepanzerte Klaue dazwischen, ehe die beiden aufeinander losgehen konnten. “Was ist denn nun mit diesem Haladan?” fragte die Sarnak. “Können wir ihn vielleicht auf unsere Seite ziehen?”
“Reine Zeitverschwendung”, knurrte Blutrabe und stieß mit einem herzhaften Tritt die Tür auf. Ein mächtiger weißer Schatten sprang auf die Brigantin zu und warf sie zu Boden. Die Augen des riesigen Höhlenwolfes glommen in kaltem Feuer und seine fingerlangen Reißzähne schnappten nach ihrer Kehle.

Solidar reagierte als erster und rammte dem Wolf seinen Schild in die Flanke. Der Wolf stieß ein heiseres Bellen aus und wandte sich dem Paladin zu. Weitere Wölfe, keinen Deut kleiner als die erste Bestie, quollen aus der Öffnung und fielen über den Raubzug her. Plötzlich schienen sie von überall her zu kommen, aus den Wänden und aus dem Boden zu wachsen. Mehr als ein dutzend dieser Winterwölfe sprangen zwischen den Billies umher und schnappten nach allem, was sich bewegte.

Von ihrem erhöhten Platz aus, versuchte Ceiling in dem allgemeinen Chaos den Überblick zu behalten. Sie lenkte einen der Wölfe, der gerade im Begriff war, Shimja von der Seite anzufallen, mit einem verwirrenden Farbspiel vor dessen Augen ab. Der Wolf schüttelte irritiert den Kopf und versuchte, nach den Lichtfunken zu schnappen. Genug Zeit für Shimja, sich mit einem Hechtsprung hinter die Bestie zu retten und einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens zu legen.

Lindar, der Bogenschütze, hatte sich inzwischen mit einem gewaltigen Satz auf die Empore vor einem zuschnappenden Wolfskiefer in Sicherheit gebracht und sandte nun, neben Nimro und Ceiling stehend, Pfeil auf Pfeil in die Wolfsleiber.

Ein Wolf sprang direkt auf Ceiling zu. Kläffend und geifernd legte er die Vorderläufe auf den eisigen Rand des Podestes und schnappte nach der kleinen Rattonga. Diese wich nicht einen Schritt zurück. Sie begegnete dem kalten Feuer der Bestienaugen mit ihrem eigenen bohrenden Blick und überwand den Willen des Wolfes mit der Kraft ihrer eigenen Gedanken. Wie von Geisterhand gesteuert, wandte das Tier den Kopf, dorthin, wo Solidar mit dem Rücken zu einer Eissäule stand und gegen mehrere Wölfe gleichzeitig kämpfte. Mit wütendem Knurren sprang das Tier auf den Paladin los.

Ceiling wischte sich eine imaginäre Schweissperle von der Stirn. Auf ähnliche Weise versuchte die Erzwingerin nun, weitere Wölfe in Richtung der gepanzerten Krieger zu schicken.
Lindars geübter Waldläuferblick hatte inzwischen die beiden Alphatiere des Rudels ausgemacht. Er zog zwei spezielle Pfeile, die er am morgen als Signalpfeile präpariert hatte, aus seinem Köcher. Mit geübter Bewegung nockte er den ersten Pfeil auf die Sehne. Spannen und Zielen war eins. Das Geschoss zog eine rötliche Rauchwolke hinter sich her und fuhr dem von seiner Position aus linken Alpha in die Flanke, wo es qualmend stecken blieb.

Mit einem gellenden Pfiff erlangte der Waldläufer Solidars Aufmerksamkeit und deutete anschließend mit dem Kopf auf den markierten Wolf. Der Paladin begriff sofort und bemühte sich, das Alphatier auf sich zu ziehen. Wieder konzentrierte Ceiling die befehlende Macht ihres Geistes. Der Wolf raffte die Lefzen und stellte die Ohren steil nach vorn. Mit einem zornigen Bellen und einem gewaltigen Satz sprang der – selbst im Vergleich mit seinen Artgenossen gewaltige – Höhlenwolf direkt auf den halasianischen Krieger los.

Als nächstes wiederholten der Waldläufer und die Erzwingerin die Prozedur mit der Alpha-Wölfin, nur hetzten sie diese auf Blutsoldat. Der Iksar-Schattenritter hatte sich vor der gegenüberliegenden Säule platziert und kämpfte von dort gegen die Riesenbestien. Seine neue Gegnerin nahm er mit der ihm eigenen stoischen Ruhe zur Kenntnis. Je mehr Angreifer, desto besser, war seine Devise.

Wie Lindar richtig vermutet hatte, schloss sich der Rest des Rudels den Attacken ihrer Leittiere an. Nachdem die beiden gepanzerten Krieger nun sämtliche Wölfe auf sich vereint hatten und die Heiler erfolgreich verhinderten, dass auch nur einer von beiden fiel, kam wieder Ordnung in die Reihen der Billies. Klagesänger und Nekromanten riefen die Gefallenen ins Leben zurück, während sich die übrigen Scouts und Magieverwender daran machten, die Anzahl der Wölfe geordnet zu dezimieren.

Schließlich fiel die letzte Winterbestie und hauchte mit einem kläglichen Jaulen ihr Leben aus. Der Boden war glitschig vor dampfendem Blut, welches aber bereits stellenweise auf dem eisigen Boden zu gefrieren begann. In die nachfolgende Stille mischte sich das nur ruhiger werdende Atmen der Raubzugsteilnehmer und das gelegentliche Tropfen von Wasser auf Eis.

***

“Und diesmal ein wenig geordneter”, hallte Silbhes lakonischer Kommentar durch die Ruhe nach dem Kampf. Die Waldelfe hatte ihre Stimme keinen Deut gehoben und war doch klar und deutlich zu verstehen. Ihr vorwurfsvoller Blick galt Blutrabe, die sich ihrerseits nicht entscheiden konnte, ob sie zornig zurückstarren oder doch eher betreten die Spitzen ihrer Stiefel mustern sollte.

Solidar und Blutsoldat nickten einander zu, hoben ihre Schilde und traten nebeneinander durch das Portal. Sie sicherten nach beiden Seiten, während Cathul die Mitte übernahm. Sie blickten in ein mächtiges Höhlengewölbe, dessen Wände, von tausend winzigen Eiskristallen erhellt, frostig glitzerten und funkelten. Leichter Schneefall rieselte auf die Billies herab, die nun, mangels einer weiteren unmittelbaren Bedrohung, nach und nach in die Höhle sickerten.

Das Gewölbe selbst möchte einen Durchmesser von mehr als hundert Klafter haben. Der Boden war mit einer dicken Schneeschicht überzogen wie Zuckerguss auf einer Frostfall-Torte, jedoch von zahlreichen Wolfspfoten aufgewühlt. Die steilen Eiswände ragten bis zu fünfzig Fuß in die Höhe. Die Höhlendecke schien hinter einer Art schimmerndem Nebel zu verschwinden wie er von einer winterlichen See her aufsteigen mochte.

In der Mitte der Höhle erhob sich ein gewaltiger Aufwurf aus Schnee-, Eis- und Erdbrocken. Als die ersten Billies diesen erklommen, bot sich ihnen ein grauenerregender Anblick. Der Aufwurf bildete den Rand eines Kraters. Als hätte eine Faust in den Schnee geschlagen und das so entstandene Loch sich sofort mit Wasser gefüllt, das augenblicklich zu massivem Eis erstarrt war, spannte sich eine frostklare, massive Kuppel im Inneren des Kraters und verschloss diesen. Im Inneren der Wasserkuppel waren humanoide Gestalten eingeschlossen, festgefroren wie Fliegen in Bernstein. Auf ihren fernen Gesichtern war noch der Ausdruck des Entsetzens zu erkennen, Grimassen des Grauens, entstanden, als die Wesen begriffen hatten, dass ihr nächste Atemzug ihr letzter sein würde.

“Ist das Haladan?” Nimros Stimme hallte durch das betretene Schweigen. Mittlerweile hatten alle Billies die Eiskuppel erklommen und starrten mit gemischten Gefühlen auf die Ausgeburten der Tragödie zu ihren Füßen. Alle Augen folgten nun der ausgestreckten Hand des Nekromanten, die auf zwei unbekannte Gestalten vor der gegenüberligenden Höhlenwand wies.

Bei der größeren Gestalt handelte es sich um ein massiges, mit dichtem Zottelfell bedecktes Mammut, mit mächtigen, geschwungenen Stoßzähnen und mehr als fünfzehn Fuß Schulterhöhe. Das Mammut schnaubte fröhlich, während die andere Gestalt ihm mit ihrer gepanzerten Hand auf den Rüssel klopfte und dabei freundlich auf das Ungetüm einsprach. Die Teilnehmer des Raubzuges schien dabei keiner von ihnen zu bemerken.

Das Gegenüber des Mammuts hatte den typischen Körperbau eines Halasianers: breitschultrig und muskulös. Der Mann war von der Halsberge abwärts bis zu den Füßen in eine graublaue, straff sitzende Lamellenrüstung gehüllt. Über seinem Rücken hing ein mächtiger Anderthalbhänder. Ein schwarzer, borstiger Mohawk zierte den ansonsten kahlgeschorenen Schädel des Mannes. Sein Gesicht war grobknochig, strahlte aber zugleich die gelassene Souveränität eines geborenen Anführers aus. Die tiefliegenden, eisgrauen Augen blickten freundlich auf seinen Mammutgefährten.

Ungewöhnlich war die Größe des Unbekannten. Der normale Halasianer maß in der Regel zwischen sechs und siebeneinhalb Fuß. Dieser Mann dort an der Höhlenwand überragte jeden Vertreter seines Volkes allerdings um gute zwei bis drei Haupteslängen.

“Ja”, knurrte Blutrabe. “Allen Beschreibungen nach ist das Haladan. Und der Flohzirkus daneben wird dann wohl sein treuer Gefährte Stoßzahn sein.” So wie die Brigantin die Worte “treuer Gefährte” aussprach, musste sich dabei um einen äußerst widerwärtigen Hautausschlag handeln. Sie zog ihre schweren Knochenäxte aus dem Gürtel. “Zeit, der Memme mal zu zeigen wo der Hammer hängt.”

Solidars ausgetrecktes Schwert blockierte Blutrabes Weg. “Ruhig”, sagte der Paladin. “Vielleicht kann man ja mit ihm reden.” Doch in seine Augen war dabei ein seltsamer Glanz getreten. Er schob Hildegard zurück in die Scheide und trat entschlossen vor. Cathul folgte ihm, behielt dabei seine Axt jedoch in der Hand. Blutsoldat zuckte die Achseln, warf einen “Na meinetwegen”-Blick in die Runde und folgte den anderen beiden Kriegern gemessenen Schrittes. Hätte sein Beinpanzer Taschen gehabt, er hätte jetzt sicherlich die Hände darin vergraben gehabt.

Solidar hatte inzwischen Haladan erreicht. Wenige Schritte vor dem halasianischen Helden blieb er stehen und schlug sich scheppernd die gepanzerte Faust in soldatischem Gruß vor den Brustpanzer. “Heil euch, Haladan Mondläufer!” rief der Paladin mit lauter, klarer Stimme. “Solidar vom Clan Il’Uvatar grüßt den Helden von Halas! Ich bin stolz darauf, euch zu begegnen!”

Der Mann, der Haladan Mondläufer sein musste, würdigte den Streiter von Marr keines Blickes. Als hätte er ihn nicht gehört, redete er weiterhin mit leiser Stimme auf das Mammut ein, welches mit einem leisen Trompeten antwortete.

Cathul hatte sich zu Solidars Rechten aufgebaut und beäugte die legendären Gestalten misstrauisch, während Blutsoldat zur Linken des Paladins stehen geblieben war und die Arme vor der Brust verschränkte.

Solidar trat indessen zwei weitere Schritte vor. “Haladan?” Noch zwei Schritte. “Haladan?” fragte er wieder. Ein letzter Schritt brachte den Streiter Marrs direkt zwischen den Mondläufer und Stoßzahn. In diesem Augenblick blitzte ein Erkennen in den Augen des Riesen auf. Seine Augen huschten von Solidar hinüber zu den übrigen Billies.

“Plünderer!” schrie Haladan Mondläufer, zog in einer fließenden Bewegung sein Schwert über die rechte Schulter und hieb in einem beidhändigen Schwung ansatzlos auf Solidar ein. Dieser bekam gerade noch rechtzeitig seinen Schild nach oben, um den donnernden Schlag abzufangen. Schwert und Schild trafen mit einem heftigen Krachen aufeinander. Rasch zog der Paladin Hildegard aus der Scheide und sprang zwischen Krieger und Mammut hindurch, so dass er die Höhlenwand im Rücken hatte.

“Stoßzahn! Auf sie!” schrie Haladan. Mit einem ohrenbetäubenden Trompeten trampelte das Mammut die Kraterwand zu den Billies hinauf.
“Heda! Bettvorleger!” Blutsoldat stimmte den gefürchteten Todesmarsch seiner Zunft an, und tatsächlich hielt das Mammut für einen Augenblick inne, ehe es den Aufwurf wieder hinunter rannte, diesmal auf den Schattenritter zu, der das Tier mit der unerschütterlichen Ruhe eines queynosianischen Beamten erwartete. Im letzten Moment trat der Iksar einen Schritt zur Seite, lenkte einen zuschlagenden Stoßzahn mit seinem Schild ab und hieb dem vorbeistürmenden Mammut sein Schwert über die Flanke.
Doch kein Blut spritzte, nicht einmal ein Fellbüschel hatte das Tier durch den Hieb verloren. Blutsoldat musterte sein Schwert kurz, als hätte er vergessen, es am morgen zu schleifen und stieß einen Seufzer aus. Na, das mochte ja heiter werden.

Indessen parierte Solidar weiter die Hiebe von Haladan Mondläufer. “Haladan, Jarl”, stieß er dabei zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sein Schildarm fühlte sich bereits verdächtig taub an. “Wir sind nicht Euer Feind. Verdammt, besinnt euch doch! Ich will nicht gegen euch kämpfen, ich will nur reden.”

“Schweigt, Plünderer!” erwiderte Haladan. “Ihr und Euresgleichen werdet Lord Miragul nicht berauben. Dafür sorgt Haladan Mondläufer.”

“Von wegen mit ihm reden! Held von Halas? Bei Rallos’ furzzerfurchter Rosette, es wird Zeit, dass der Kerl endgültig die Maulwürfe begrüßt!” Mit diesen Worten war Blutrabe über den Kraterrand gesprungen und mit erhobenen Knochenäxten auf den Helden von Halas zugesprungen. Die übrigen Scouts rannten ebenfalls los und auch die Fernkämpfer begannen, Haladan mit einem Hagel aus Geschossen und geballter Magie einzudecken.

Lediglich Shimja sah sich suchend um. Was, wenn dieser Haladan wirklich unfair spielte und weitere von diesen Schneebestien zur Hilfe rief. Die Bardin begann hektisch in ihrer Handtasche zu kramen. Klein-Billy klatschte vor Aufregung in die Hände. Schließlich zog Shimja das Utensil heraus, das sie gesucht hatte. Billy musterte das etwa ziegelsteingroßen Gerät, welches mit allerlei Drähten und Röhren versehen war, und die kleine, daran befestigte Messingplatte, auf der “Gnomische Schneebestienfalle, Patent Nr. 1549/VII-20c, Nippel durch die Lasche ziehen und kräftig kurbeln, bis die Schose auf ist. – Keine Garantie” zu lesen stand.

Shimja biss sich vor Anspannung auf die Unterlippe, während sie mehrfach an einem kleinen Nippel zog, bis eine ebenso winzige Kurbel zum Vorschein kam. Sie drehte mehrfach die Kurbel, hatte diese plötzlich in der Hand, fluchte unterdrückt, schlug die flache Hand gegen die Seitenwand des Geräts, das unerwartet aufklappte und unheildrohend zu summen begann. Schnell legte Shimja das Gerät in den Schnee und wandte sich wieder dem Kampf zu.

Die Attacken der Billies hatten Haladan offenbar geschwächt. Seine Schläge auf Solidar kamen jetzt langsamer, jedoch auch gezielter. Die übrigen Nahkämpfer, angeführt von Cathul, hackten und stachen auf den Helden von Halas ein. Das gestaltete sich schwieriger als erwartet, denn die offenbar verzauberte Rüstung des Mondläufers schleuderte jeden Angreifer, der ihn von der Flanke oder aus dem Rücken traf, mehrere Klafter weit zurück, als würde sie dem hinterhältigen Angreifer einen mächtigen Tritt versetzen.

Blutsoldat beschäftigte indessen das Mammut so gut es ging. Immer wieder rannte Stoßzahn mit lautem Trompeten auf den Schattenritter zu, dem es jedoch stets im letzten Augenblick gelang, dem Untier aus dem Weg zu tänzeln und ein bis zwei Schwerthiebe zu verpassen. Das Mammut hätte längst aus dutzenden von Wunden bluten müssen, wies jedoch nicht einen Kratzer auf.

Haladan geriet mehr und mehr in Bedrängnis. Plötzlich stieß er ein lautes Wolfsgeheul aus, das hohl und klagend durch das Gewölbe hallte. “Herbei!”, rief er. “Eilt herbei, ihr edlen Bestien der Tundra und vernichtet dieses Geschmeiß!”

Scheinbar aus dem Nichts materialisierte ein neuer Winterwolf. Doch ehe sich die Bestie auf den Raubzug stürzen konnte, wurde sie von einem unsichtbaren Sog erfasst, der sie genau auf die von Shimja aufgestellte, gnomische Apparatur zu zog und mit einem hörbaren “Plopp” wieder verschwinden ließ. Eine weitere Schneebestie erschien, die das gleiche Schicksal ereilte.

Shimja stieß Silbhe den Ellbogen gegen die Seite. “Gut, ne?” grinste sie. Billy klatschte in seine kleinen Puppenhände.

Auch Haladan hatte bemerkt, dass seine Herbeirufung gescheitert war. Für einen kurzen Augenblick stellte er jegliche Angriffe ein und reckte die rechte Faust gen Himmel. Dabei murmelte einige Worte in einer uralten, unbekannten Sprache. Ein blaues Wabern sprang knisternd von Stoßzahn auf Haladan über. Er schien zu wachsen und plötzlich von einer Aura der Unbesiegbarkeit umgeben zu sein. Der Held des Nordens rief: “Leih mir für einen Moment deinen Schild, mein treuer Gefährte. Und nun zerschmettere diese Plünderer!”
Unter ohrenbetäubendem Lärm sprang das Mammut los und stürmte erneut den Hügel hinauf, wo sich die Heiler und Fernkämpfer des Raubzuges postiert hatten. Blutsoldat hieb nach der Flanke des davondonnernden Mammuts – und diesmal spritzte Blut…

Dominatrixx’ scharfen Elfenaugen waren die erste Verwundung Stoßzahns nicht entgangen. Sofort sandte sie ihre Elementardominaz der anstürmenden Bestie entgegen und rief: “Lasst ab von Haladan! Das Mammut ist verwundbar!”

In die brennende Wut des Berserkers gehüllt, sprang Cathul dem Riesenmammut in den Weg und versuchte, dessen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Von hinten rannte Blutsoldat herbei und auch die übrigen Streiter Billy’s konzentrierten ihre Attacken nun auf Stoßzahn.

Blutrabe wusste nicht mehr, wann sie das letzte mal solch einen Zorn im Bauch gehabt hatte. Der Hass auf Haladan und seine Legende müsste sich unbemerkt und über die Jahre in ihr aufgestaut haben. Und nun fand er ein Ventil. Die Brigantin war sich nicht sicher, wen und was sie mehr verachtete: Haladan und sein selbstgefälliges Gehabe oder Stoßzahn und dessen hündische Ergebenheit. Als würden sich die angestauten Wassermassen eines Dammes plötzlich Bahn brechen, so genoss Blutrabe jede klaffende Wunde, die ihre Äxte in den Leib des verhassten Tieres schlugen, jeden Blutschwall, jedes schmerzerfüllte Trompeten.

Den konzentrierten Angriffen der Billies konnte Stoßzahn nicht lange standhalten. Sein Schreien klang nun eher jämmerlich, Mit rollenden Augen und vor Schmerzen halb wahnsinnig, brach das Mammut vor seinen Peinigern aus und stürmte noch einmal mit gesenktem Kopf den Hügel hoch. Wie eine Sturmsense drohte das Monster in den Pulk der Heiler und Magier zu fahren. Da sprang Ceiling vor. Die kleine Rattonga streckte die Arme aus, wackelte auf Ohrenhöhe mit ihren Händen und streckte dem wütenden Mammut die Zunge heraus.
Das Unglaubliche geschah. Stoßzahn bremste ab, als hätte er vor sich urplötzlich ein zischendes Nest giftiger Riesenvipern entdeckt, und kam schlitternd zum stehen. Panikerfüllt drehte es seine gewaltige Masse herum und rannte erneut auf Blutsoldat zu, der das Untier angemessen in Empfang nahm.

Oben auf dem Eisvorsprung verschränkte Ceiling zufrieden die Arme vor der Brust und nickte lächelnd. Dominatrixx blickte sie ungläubig an. “Man sagt, Elefanten hätten Angst vor Mäusen. Haben Mammuts also Angst vor ….?” Die Elfe ließ die Frage unausgesprochen im Raum stehen.

Ceiling kicherte. “Nun ja, ich habe dem Vieh nebenbei ein Bild von Blutsoldat und zerhackten kleinen Mammutkindern in den Kopf gesetzt, aber das muss ich ja nicht jedem auf die Nase binden”, erklärte die Erzwingerin mit spitzbübischem Zwinkern.

Auch Haladan war nicht entgangen, dass sein treuer Gefährte an der Schwelle des Todes stand. Er trat einen Schritt von Solidar, mit dem er bis eben unverändert gefochten hatte, zurück und rammte sein Schwert vor sich in den Schnee. Mit weithin durch das Gewölbe hallender Stimme rief er: “Genug! Ich werde nicht zulassen, dass mein geliebter Stoßzahn unter euch Schatzsuchern zu leiden hat. Ich mache euch ein Angebot. Stellt die Feindseligkeiten ein und wir lassen euch passieren!”

Die Billies senkten erwartungsvoll die Waffen. Lediglich Blutrabe fuhr auf. “Was? Du feiger Hund …” Mit erhobenen Äxten wollte sie sich auf Haladan stürzen, doch Cathul und Afeo hielten sie an den Armen zurück.

Der Mondläufer nickte zustimmend. Stoßzahn war an seine Seite getrottet und hielt sich nur noch mühsam auf dem Beinen. Sein zottiges Fell war rot vor Blut und rohen Fleischfetzen. Trostsuchend rieb das mächtige Tier seinen Rüssel an Haladans Schulter.

“Gut”, fuhr der Held von Halas fort. “Ich gewähre euch sogar Zugang zu dem, was ich eigentlich beschützen soll. Kein weiteres Blut soll hier mehr vergossen werden.” Im nächsten Moment hüllten sich Haladan Mondläufer und sein treuer Gefährte Stoßzahn, die Legenden von Halas, in eine blauweiße Lichtwolke und verschwanden, als wären ihr Hiersein nur ein Traum gewesen, den die ersten Strahlen der Morgensonne vertreiben.

Mit einem zornerfüllten Aufschrei riss sich Blutrabe los und schleuderte wütend eine ihrer Äxte an die Stelle, an der sich das Ziel ihres Hasses gerade noch befunden hatte. “Ich kriege dich, Haladan Wurstläufer!” schrie sie. “Wir sehen uns wieder und dann reiße ich dir deinen verfluchten, selbstgefälligen Schädel runter scheiße dir in den Hals!” Hohl hallte ihr Fluch von den stillen Wänden wider.

Aus der Vorhalle, jenseits von Haladans Gewölbe, war das Einsetzen eines dumpfen Rumpelns zu vernehmen. Es wurde kälter…

(Fortsetzung folgt)

© by Blutrabe

Die Schliche des Herrn Miragul III

August 29

3. Kapitel
… in dem die Ruhe eines Studierzimmers empfindlich gestört wird….

Eine eisige Atmosphäre herrschte in dem kalten und dunklen Verlies, das Billys Streiter nach den Hinweisen der Bardin Shimja am Eingang zu den Eislabyrinthen von Miragul gefunden hatten.

Selbst die mitgebrachten Fackeln konnten nur kleine Teile der Eingangshalle schwach erhellen, die die wackeren Streiter als erstes betreten hatten. Schwere, klirrende Schritte waren in der Dunkelheit zu hören, „Leise“ mahnte Solidar, der aufrechte Paladin, als sich die Schritte näherten.

Geschmeidig huschten Billys Streiter in die schützende Dunkelheit einer Ecke der großen Halle und lauschten gebannt, wie die Schritte sich allmählich entfernten.
Nachdem Sie einige Zeit gelauscht hatten, begannen auch Ihre Augen sich an das schwache Licht zu gewöhnen, und immer mehr Details des Verlieses schälten sich aus der fast vollkommenen Dunkelheit.

Shimjas Gedanken schweiften ab zu dem Abend, als Silbhe ihr den großen und schweren Folianten „Norrath – das finstere Zeitalter – Teil II“ aus dem obersten Regal gewuchtet hatte. Der staubige und uralte Band enthielt viele heute bereits meißt vergessene Informationen über die Geschichte Norraths.

Und nachdem Shimja die Skizze als Eingang zu Miraguls Geheimlabyrinth identifiziert hatte, konnte es nicht schaden, einige zusätzliche Informationen einzuholen.
Bereits nach kurzer Zeit wurde Shimja in dem staubigen Buch fündig, tatsächlich hatte der längst vergangene Chronist auch einige Berichte über das Wirken und Würgen von Herrn Miragul für die Nachwelt festgehalten.

Und nun stand sie mit den Streitern von Billy in der ehemaligen Empfangshalle von Herrn Miragul.

Hier also hatte Miragul seine finstersten und geheimsten Versuche angestellt, hier, in diesem Verlies, das schon seit vielen Jahren von keinem Abenteurer mehr betreten worden war. Das Buch berichtete weiter, das die drei bekannten Eislabyrinthe zu ebener Erde offensichtlich auch zu dem Zweck angelegt worden waren, um allzu Neugierige zu täuschen und vor allem, um das Konzil zu täuschen, welches Nekromantie als Ketzerei verurteilte und die Anhänger dieser Praktiken unbarmherzig verfolgte.

Vor diesem Hintergrund war es sicher ein sehr schlauer Zug des feinen Herrn Miragul, neben seinen drei Eislabyrinthen, die einigen Eingeweihten wohl bekannt waren, ein weiteres, verborgenes und von düsteren Geheimnissen umwobenes unterirdisches Labyrinth zu erschaffen, in dem er ungestört seinen grausamen und die Grenzen zwischen Leben und Tod überschreitenden Experimenten nachgehen konnte.

Heutzutage sind es hauptsächlich die Nekromanten, die auch viele Jahre nach dem Verschwinden von Miragul von seinen Erkenntnissen profitieren, doch ist das heutige Wissen nur ein Teil der Kenntnisse, welche Miragul zu seiner Zeit und mit seinen Experimenten erschloß.
Vieles, an dem Miragul arbeitete, liegt heute unter dem Schleier des Vergessens und derDunkelheit, die sich nach seinem Verschwinden über die dunklen Künste der Nekromantie und anderen geheimen arkanen Wissens breitete.

Ein Schleier, der auch weite Teile des Abgangs von Herrn Miragul umfaßt, und nur wenige alte und gelehrte Großmeister der arkanen Künste hüten heute noch das Wissen um das gespenstische Ende diesesbegnadeten Forschers im Bereich der magischen Künste.

Beim Lesen des alten Buches war Shimja damals ein kalter Schauer über den Rücken gekrochen. Dieser Herr Miragul und seine Experimente waren sicherlich nicht ungefährlich. Ein Blick in „Norrath´s Magic Who´s who “ offenbarte weitere Details, die eher dazu angetan waren, Fragen aufzuwerfen als zu beantworten:

Zitat: „Zwar hielt sich seit sehr langer Zeit die Kunde, das Herr Miragul am Ende eines langen und von Forschungen geprägten Lebens verstorben war, doch genauso hielt sich in den innersten Zirkeln der Hüter des arkanen Wissens das Gerücht, das der Tod des der Welt bekannten Herrn Miragul nicht ein Leben beendet, sondern ein finsteres, unheimliches und grausames unsterbliches Wesen erschaffen habe, das in den Tiefen einen vergessenen Verlieses noch heute sein Unwesen treibt. Ein unsterbliches Wesen geschaffen
aus der Essenz der finstersten Nekromantie, mit Zaubern, die schon lange vergessen sind und mit gewaltigen Kräften.“

Es gehört sicher nicht viel Phantasie dazu sich auszumalen, wo dieses Wesen, dessen Existenz unmittelbar mit Miragul zusammenhängt, sein Unwesen treibt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit im hintersten und furchterregendsten abgelegenen Teil des Labyrinths, welches Billys Streiter gerade betreten hatten.

Und so legte sich ein Schatten der Furcht auf die Herzen der Streiter, und ein beklemmendes Gefühl einer unheimlichen Präsenz breitete sich wie ein erstickender schwerer Vorhang aus.

Nur in Valiniera, der Nekromantin mit dem Hähnchen™ glühte heiß der Wunsch, die Geheimnisse von Miragul, des wohl bedeutendsten Nekromanten aller Zeiten zu ergründen und vielleicht einige seiner Geheimnisse zu entschlüsseln.

Wenn Gedanken an Untote und Nekromantie Furcht in den Herzen einzelner erzeugen konnte, so sicher nicht in Solidar, dem Paladin. Kraft seines Glaubens fürchtete er weder Untote noch Nekromanten und Ihre Geschöpfe und nachdem er die schweren Schritte eine Weile verfolgt hatte, flüsterte er eine Warnung zu den versammelten Streitern. „Es sind Wachen im angrenzenden Raum. Wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir nicht die gesamte Wachmannschaft auf einmal am Hals haben wollen.“

Auf einen Wink Solidars verschmolz Kayn, der geübte Assassine mit den Schatten der Dunkelheit und glitt zu der weit ausladenden Öffnung des anderen Raumes, um die Lage zu erkunden. Sein Bericht brachte einige interessante Informationen zutage: zahlreiche Wachen drehten Ihre Runde in einer großen Halle, von der zwei Gänge nach rechts und links abzweigten. Der Raum wurde in der Mitte von einem großen Podest dominiert und an der gegenüberliegenden Wand war schemenhaft eine Treppe zu erkennen, die weiter ins Dunkel hinauf führte.

Zwei Wachen hatten direkt hinter den Ausläufern des Durchbruchs Stellung bezogen und hier erkannte Solidar die Möglichkeit, mit der Infiltration des Komplexes zu beginnen. Solidar schlich an die linke Seite des Durchgangs und kratzte mit dem Knauf seines Schwertes leise an der Wand entlang.

Langsam wandte sich der Posten um und kam langsam näher geschlendert, um dem ungewohnten Geräusch nachzugehen. Sobald er in die Nähe des Durchgangs kam, packte Solidar den überraschten Wachtposten, zerrte ihn durch den Durchgang und rammte ihm die gepanzerte Faust in die Magengrube. Zischend entwich die Luft aus den Lungen des Wachtpostens, so daß er nicht um Hilfe rufen konnte. Einen Moment später hatte der Wachtposten jedoch ganz andere Sorgen denn nun entlud sich ein magisches Feuerwerk von gespenstischer  Intensität. Blitze, Flammen und rauchende Gifte blendeten und verletzten den Wachposten, der wild um sich schlug.

Doch Billys Streiter waren in vielen Schlachten kampferprobt und so erschlugen Sie den Wachposten. Weitere Wachposten folgten dem Schicksal Ihres Kameraden und nach einer Serie von Kämpfen türmten sich die Leichen in der Eingangshalle und  färbten den Boden mit Ihrem Blut. Der Weg in die große Halle war frei.

Und so bewegte sich der Schlachtzug in die große Halle. Ssizzel erkannte mit seinen scharfen Augen, das die Gänge, die Kayn entdeckt hatte, von wuchtigen Türen verschlossen waren. Was zuerst wie Statuen ausgesehen hatte, waren weitere Wächter, die die verschlossenen Türen bewachten. Dieser Umstand erregte das Interesse von Blutrabe. Die Brigantin war
fest davon überzeugt, daß die Räumlichkeiten hinter den verschlossenen und bewachten Türen reiche Schätze bargen. Wozu sonst sollte man Räume derart absichern, wenn es nichts dahinter gab, was diesen Aufwand wert war. Erregtes Gemurmel begleitete die Überlegungen, welchen der beiden Gänge man als erstes versuchen sollte.

Schließlich zückte Ssizzel eine prächtig geprägte Golddublone und warf Sie in die Luft. „Kopf, wir gehen nach rechts, Zahl, wie versuchen es links“ sagte Sssizzel und die glitzernde Münze beschrieb einen Bogen in der Luft und landete mit einem metallischen Klirren auf dem polierten Boden. Flugs war Blutrabe zur Stelle und rief „Zahl, nach links also!“

Solidar hob den Bogen und schoß einen schwarz gefiederten Pfeil in Richtung des Wachtpostens, der an der linken Tür Stellung bezogen hatte. Mit einem wütenden Aufschrei stürmte der Wachtposten auf Solidar zu und ein hitziges Scharmützel begann. „Links ist nicht übel“ dachte Blutrabe mit einem schwachen Grinsen und ließ im Eifer des Gefechtes unauffällig die Golddublone in einer der zahlreichen Taschen Ihrer Robe verschwinden.

Auch dieser Wachtposten wurde mit oft geübter Präzision niedergemetzelt, geplündert und bei seinen bereits verblichenen Kollegen abgelegt. Die Tür war nun unbewacht und die Neugier (und nicht nur diese Gier) von Billys Streitern fand einen vorläufigen Höhepunkt.

Djinn, der über die Gabe verfügte, seinen eigenen Tod vorzutäuschen verließ kurz die Schlachtreihen und glitt geschmeidig zur Tür. Eine gravierte Marmortafel am Eingang erregte sein

Interesse: Studienraum I
Hüter: Kervis Pendelair
- Absolute Ruhe -

Er öffnete die Tür nur einen winzigen Spalt und spähte ins Innere. Offensichtlich war dieser Raum einstmals eines der Studierzimmer von Miragul gewesen, denn zahlreiche magisch animierte Bücher schwebten in der Luft. Kervis Pendelair, der oberste Hüter dieses Studienraumes, las in einigen alten verstaubte Folianten. Seine Leibwache, bestehend aus einigen  Fürsten der Ebenenlauerer, standen herum und langweilten sich offensichtlich schrecklich.

Djinn schluckte. Ebenenlauerer gehören zu den gefährlichsten Kreaturen in Norrath und allein Ihr Anblick läßt sie wie aus einer anderen Welt erscheinen. Die Tentakel in Ihrem Gesicht sind in ständiger Bewegung über grausam aussehenden, fast hypnotisch wirkenden Augen. Ihre massige Gestalt ist dazu angetan auch tapfere Krieger einzuschüchtern und Ihre Wut und Kraft im Kampf ist weithin bekannt. Allein das grausige Geräusch, wenn die Knochenplatten Ihrer natürlichen Rüstung übereinander schaben, konnte eisige Schauer erzeugen, die munter den Rücken hinauf und hinunter liefen. Hier hatten Billy´s Streiter einige harte Brocken vor sich…

Djinn und Solidar besprachen sich kurz mit Shimja. Djinns Beobachtungen deckten sich ziemlich gut mit den Erkenntnissen, die die kleine Bardin aus dem Studium der alten,  verstaubten Bücher gewonnen hatte.

„Wenn wir da reingehen, haben wir die ganze Bande am Hals“ sagte Solidar und polierte gedankenverloren den Knauf seines Schwertes. „Wir brauchen einen Plan.“ „Moment“ rief Shimja, die zierliche Bardin, und begann hektisch in Ihrer magischen Handtasche zu wühlen. Nach einem Lippenstift, einer Haarbürste, einer Harfe, einer Laute, einer Teekanne nebst Stöfchen und einem zerlesenen Exemplar des „Bestiarium Norrathium“ förderte die Bardin einige merkwürdige Gegenstände ans Tageslicht. „Geistfalle? Hm, nein. Biestfalle? Auch eher nicht. Ah, hier ist es ja!“ sagte Shimja und förderte einen kleinen jedoch hübsch gearbeiteten Zauberstab ans Tageslicht, mit dem man seine Gestalt verändern konnte. Es mußte ja ein Zusammenhang zu den merkwürdigen Bitten und Geschenken von Aubrin, dem Gnom bestehen, der Shimja vor einiger Zeit überredet hatte, für ihn einige Erkundigungen und Besorgungen zu erledigen.

Flugs wurde ein erfolgversprechender Plan geschmiedet. Solidar verkleidete sich mit Hilfe des Zauberstabes in die Gestalt eines Ebenenlauerers. Gruni fragte nach einiger Zeit trocken, ob Solidar die Verkleidung schon angelegt hätte. Solidar grinste und lockte ein Mitglied der Leibwache von Kervis Pendelair aus dem Raum hinaus. Spätestens jedoch als Solidar zum ersten Schwertstreich ansetzte, flog der Schwindel auf. Jedoch hatte sich die Tür bereits geschlossen und nur eines der magischen Bücher eilte dem Leibwächter zur Hilfe. Nun bestätigte sich wieder, daß Wissen Macht ist, denn das Buch war über den jähen Angriff von Billys Streitern so erzürnt, daß es wiederholt das gesamte Alphabet in schweren Bleilettern auf die Streiter warf. „Autsch“ schrie Dominatrixx und flugs eilte Marli zu Hilfe und schmierte geschwind eine Heilsalbe auf die Beulen und Platzwunden der Elementalistin.

Nachdem die Überraschung über diesen hinterhältigen Angriff des Buches verflogen war, holten die Streiter zum Gegenangriff aus. Mit gezielten Feuerschlägen der Magier wurde das Buch abgefackelt, und parallel hieben und stachen die Scouts auf den überraschten Leibwächter ein. Nachdem das Buch seinen Weg in die ewige Bibliothek gefunden hatte, konnte auch der Leibwächter nicht allein der Übermacht stand halten und verstarb mit einem letzten Röcheln.

Nachdem dieser Plan so hervorragend funktioniert hatte, lockte Solidar einen Leibwächter nach dem anderen aus dem Zimmer, in dem Kervis Pendelair in seine Studien vertieft war. Nachdem alle Leibwächter beseitigt waren, wischte sich Solidar den Schweiß von der Stirn. Das Abenteuer begann allmählich anstrengend zu werden. Im Laufe der einzelnen Kämpfe waren etliche Streiter bewußtlos geschlagen worden und die Rüstungen und Roben waren von zahlreichen Beulen und Rissen gezeichnet. Eine kurze Pause wurde genutzt um die gröbsten Schäden notdürftig auszubessern. Nachdem die wichtigsten Reparaturen durchgeführt waren, senkte sich Stille über die Eingangshalle, in der Billys Streiter ein kurzes Lager aufgeschlagen hatten. Nun stand nur noch Kervis Pendelair im Weg, um endlich die vermuteten Schätze des Raumes plündern zu können.

„Vorsicht“ mahnte Solidar, „wir wissen nicht, was dieser Kervis Pendelair für Tricks drauf hat.“ „Der kann nix“ frotzelten einige Streiter, die die Pause zu einem kleinen Umtrunk genutzt hatten, um die Stimmung zu heben.

Gelassen schritt Solidar mit gezogenem Schwert auf die Tür zu, öffnete diese und beschimpfte Kervis als stinkenden Wurzelzwerg. Kervis fuhr irritiert von seinen Studien auf. „Wer wagt es…“ stieß er hervor. In diesem Moment lies Solidar einen Pfeil von der Sehne schnellen. Der gut gezielte Pfeil durchbohrte den rechten Arm von Kervis, was ihn sichtlich verärgerte.

Wutschnaubend rief er seine letzten verbliebenen Helfer und startete einen frontalen Gegenangriff.  Elegant tänzelte Solidar zurück zu der Auffangposition am Ende des Ganges an der Einmündung zur Halle. Die Fernkämpfer hatten in sicherer Entfernung einen Schildwall gebildet und deckten die Helfer von Kervis Pendelair mit einem mörderischen Trommelfeuer ein. Das stoppte den Gegenangriff an der Gangeinmündung und von der Seite schlichen die getarnten Scouts heran und griffen die Helfer von der Flanke an. Stahl prallte auf Stahl, Funken sprühten und ein brenzliger Geruch nach verbranntem Fleisch lag in der Luft. Mit einem Wutschrei lies Blutrabe Ihr Schwert niedersausen und spaltete den Kopf des letzten verbliebenen Helfers. Gurgelnd sank er zu einem seltsam verkrümmten Haufen zusammen. Doch Kervis Pendelair leistete weiter erbitterten Widerstand.

Für Minuten wogte die Schlacht hin und her und nur dem unermüdlichen Wirken der Priester und Klagesänger war es zu verdanken, daß Billys Streiter nicht zurückgedrängt wurden. Nun woben die Barden mit letzter Kraft einen Schutzschirm, der selbst heftigen Angriffen eine Weile widerstehen würde. Mit neu erwachtem Kampfgeist hieben Billys Streiter auf Kervis Pendelair ein, der eine so koordinierte Gegenaktion nicht mehr erwartet hatte. Blitze zuckten durch die Halle und tauchten die Schlacht in gespenstisches Licht. Aus vielen Wunden blutend zog sich Kervis ein Stück zurück, genau in die Arme der Scouts. Ein Hieb von Kayn durchtrennte eine Kniesehne und Kervis strauchelte auf die Knie. Blutrabe öffnete mit einem gezielten Hieb die Schlagader von Kervis und das Blut schoß pulsierend aus der häßlichen Wunde. Kalter Stahl durchbohrte Kervis Pendelairs zuckenden Leib.

Seine letzten Worte gingen in einem bluterstickten Gurgeln unter und blieben unverständlich. Dann brachen seine Augen.

Ächzend zog Solidar sein Schwert aus dem erkaltenden Leib des Toten und säuberte es sorgfältig an dessen zerrissener Robe. Nachdenklich betrachtete er das Schlachtfeld. Es war ein harter Kampf gewesen und der Schluß lag nahe, das diese erste Herausforderung in diesen dunklen und eisigen Hallen auf noch deutlich anspruchsvollere Gegner hinwies, die sicher tiefer in diesem Labyrinth zu finden waren. „Ein Krieger wächst mit seinen Aufgaben“ sinnierte er, während Blutrabe bereits dabei war, das gut gesicherte Schloß einer prachtvollen Eisentruhe zu untersuchen, um etwaige Fallen zu entschärfen. Während die Mitglieder des Raubzuges aufmerksam Blutrabes Bemühungen verfolgten, begab sich Solidar in den nach rechts führenden Gang. Aufmerksam untersuchte er den Gang.

Ein strenger Geruch lag in der Luft, wie von wilden Tieren…..

(Fortsetzung folgt)
(c) Domi

Die Schliche des Herrn Miragul II

August 29

2. Kapitel
in welchem von winterlichen Begegnungen berichtet wird …

Leichter Schneefall hatte eingesetzt. Die sanft herabrieselnden Flocken gaben der weißen Winterlandschaft etwas Beruhigendes und tauchten den lichten Tannenwald zu meine Linken in eine schon fast unnatürlich Stille.
Ich hielt meine Rauhreifstute an und blickte über die verschneite Ebene zu meiner Rechten, atmete tief durch. Immerfrost – wenn ich dieses Land bereiste, fühlte ich mich meiner verlorenen Heimat Halas am nächsten. Ich liebte die Weite und die Einsamkeit, die Kälte und die schlichte Kargheit. Mit jedem Atemzug hatte ich das Gefühl, als würde mich die unsichtbare Kraft des Landes mit neuer Stärke erfüllen und zugleich mit einem seltsamen Gefühl zufriedener Melancholie.
“Das ist doch Blödsinn, Rabe!”, hatte Nyran gesagt, der beim Zirkel der Unsichtbaren Hand als mein Stellvertreter fungierte. Seitdem er auch seine Liebe zur Seefahrt entdeckt hatte, begleitete er mich gelegentlich auf Kaperfahrt und kommandierte die “Tanzender Yeti”, wenn ich gerade nicht an Bord war. “Ganz Freihafen ist in Aufruhr seit der Zerstörung der Zitadelle und du verschwindest im Schnee? Das ist doch Thule-Scheiße, Euer Durchlaucht, und abgesehen davon überhaupt nicht deine Art!”
“Wenn ich deine Meinung wissen will, Nyran”, hatte ich zurückgeknurrt, “dann prügel ich sie aus dir raus!”
Nun ja, er hatte geschluckt und sich ruhig verhalten. Das Klügste, was er in diesem Moment tun konnte. Was wusste meine Nummer Zwei denn wirklich von den jüngsten Ereignissen? Es war schon seltsam gewesen, die eingestürzte Zitadelle zu betrachten und während man noch durch die Trümmer ritt, in der Ferne die fröhliche Musik der Frostfall-Musikanten zu hören. In Nord-Freihafen, meiner eigenen Wohnstatt, patrouillierten seit Lucans Verschwinden die Thexianer unter dem Kommando von Tayil N’Velex. Die meisten überlebenden lukanischen Ritter hatten sich ihr angeschlossen. Ich bezweifelte, dass das für Freihafen wirklich das Beste war.
Aber im Gegensatz zu Nyran wusste ich auch, dass Lucan bei einem Teleporter-Unfall verschollen war. Zusammen mit einer Lukanerin namens Tallen Yevix war es mir gelungen, der Spur des Hochfürsten zu folgen. Leider hatten wir diese kurz vor dem Ziel verloren. In den Trümmern der Zitadelle hatten wir schließlich Seelenfeuer gefunden, das Schwert von D’Lere. Dummerweise konnte sich Tallen damit aus dem Staub machen, bevor ich es mir selbst unter den Nagel reißen konnte. Sieh’ es ein, Rabe, diese Aktion hast du vergeigt!
“Ich muss nachdenken, Nyran”, hatte ich versöhnlich zu meiner Nummer Zwei gesagt, der nach wie vor steif in meiner Kabine an Bord der “Tanzender Yeti” verharrte. “Und dazu brauche ich ein wenig Ruhe von dem ganzen Trubel. Du setzt mich an der Eisschollen-Bucht im Norden ab und eine Woche später gabelt ihr mich an den Docks im Süden wieder auf. Inzwischen könnt ihr ein paar Küstendörfer überfallen, damit keine Langeweile aufkommt. Und bis dahin weiss ich auch, was wir als nächstes tun werden.”
Meine Raureifstute schnaubte und scharrte mit dem Vorderhuf. Mangels einer besseren Idee hatte ich sie Blauchen getauft. Natürlich, Blauchen war hier völlig in ihrem Element und wollte rennen. Ich ließ ihr die Zügel lang und schnalze mit der Zunge. Das Tier rannte los. Sicheren Fußes rannte das Raureif-Einhorn über das weite Schelf. Wie ein Sturmwind fegten wir über die eisige Ebene, an einer Mammut-Herde vorbei, über Gletscherspalten hinweg auf die fernen Berge zu, die wie im Fluge näher zu kommen schienen. Ich hielt mir instinktiv meinen pelzbesetzten Helm auf dem Kopf fest und genoß das Gefühl grenzenloser Freiheit, dass mich mit der wohltuenden Wucht eines kalten Wasserfalles einhüllte und die trüben Gedanken hinwegfegte wie ein Regenguss die stickige Luft über der Wüste von Ro.
Ich lachte aus vollem Hals, als wir auf den Wollspinnenpass zu galoppierten. Ohne auch nur einen Deut langsamer zu werden, rannte Blauchen direkt auf die massive Felswand zu und traf zielsicher den Höhlenspalt, der ins Innere des Berges führte. Ich ritt immer noch auf der Welle des Hochgefühls. Die schmatzenden Geräusche, die entstanden, wenn die mahlenden Hufe der Raureifstute wieder einen pelzigen Spinnenkörper zermalmten, hörte ich gar nicht. Erst, als ich in der Ferne den hellen Spalt erblickte, der das gegenüberliegende Ende des Passes anzeigte, zog ich die Zügel wieder an und brachte Blauchen schließlich am Rande des dahinterliegenden Talkessels zum Stehen. Die Stute stand in nebeligem Dampf und schnaubte fröhlich. Grinsend tätschelte ich ihren Hals.
Der Schnee fiel jetzt dichter und verbarg das vor mir liegende bewaldete Tal hinter weißen Schleiern. Nun, ich war nicht unbedingt traurig darüber. Vor mir lag Taubfuß-Gebiet und die ungeschlachten Troglodyten waren nicht unbedingt für ihre anheimelnde Gastfreundschaft bekannt. Langsam lenkte ich Blauchen den sich windenden Pfad hinab in den Schutz des Tannenwaldes. Ein paar Meilen weiter südlich befand sich ein Außenposten der Schneejäger-Gilde, wo ich die Nacht zu verbringen hoffte.
Als ich den Wald erreichte, war mir, als tauche ich in eine geheimnisvolle Welt der Stille ein. Der Schnee glitzerte auf den Tannen und das trübe Licht warf zaubergleiche Reflexe kristallenen Lichts. Nur das Knirschen von Blauchens Hufen im Schnee war zu hören. Die Monotonie aus fallendem Schnee und knirschender Stille machte mich ein wenig schläfrig.
Ein scharfes Knacken ließ mich ruckartig hochfahren. Plötzlich hellwach, blickte ich mich um. Nichts. Wahrscheinlich nur ein unter der Schneelast geborstener Ast.
Da, wieder! Ein Rauschen und Stampfen, als würde etwas Großes und Schweres durchs Unterholz brechen. Taubfüße? Nein, Taubfüße besaßen meines Wissens keine glühenden Augen. Und genau ein solches Paar bewegte sich oberhalb eines riesigen Schattens rasend schnell durch das trübe Zwielicht auf mich zu.

+++

Im nächsten Augenblick stieg Blauchen auf die Hinterhand. Eine gewaltige, donnernde Faust schoss aus dem Nebel und traf die Raureifstute hart am Kopf. Wie ein gefällter Baum krachte das Tier zu Boden und ich rollte in den Schnee. Fluchend kam ich auf die Beine und zog meine Säbel. Gut, die schweren Knochenäxte wären jetzt sicher die passendere Bewaffnung gewesen, doch die hingen noch an Blauchens Sattelknauf und machten sich samt Blauchen soeben vom Acker.
Der mächtige Schatten stürmte brüllend heran. Jetzt konnte ich auch etwas erkennen. Die Gestalt überragte meine sieben Fuß um gut fünf weitere. Sie bewegte sich auf merkwürdig gekrümmten Beinen, die in zottigen Hufen endeten. Der Oberkörper ähnelte dem eines gut trainierten, fellbedeckten Ogers. Der Kopf erinnerte an einen breitgehörnten Ochsenschädel.
Ich fluchte. Die Minotauren des Frosthorn-Clans lebten eigentlich weiter westlich auf dem Splittereis-Schelf. Dieses Exemplar hier war jedoch wesentlich größer und gefährlicher als seine Artgenossen. Seine Augen schienen zu brennen, während er mit wütenden Schlägen versuchte, meinen armen halasiansichen Schädel zu Brei zu zermanschen.
Mühsam wich ich mehreren Schlägen aus, duckte mich unter einem zustoßenden Horn hindurch und rammte dem Biest meinen Säbel in die Flanke. Ich spürte, wie die Klinge an seinen Rippen abglitt, ohne nennenswerten Schaden zu verursachen. Im nächsten Moment drückte mir ein weiterer Schlag des Ungetüms die Luft aus den Lungen und warf mich zu Boden. Keuchend rollte ich mich zur Seite und entging um Haaresbreite seinem Huf, der genau dort in den Schnee stampfte, wo sich soeben noch mein Gesicht befunden hatte.
Mit rasselndem Atem kam ich wieder auf die Füße. Sterne tanzten vor meinen Augen. Im nächsten Augenblick erklang lautes Geschrei hinter der Minotauren-Bestie. Während ich noch die Bedeuteung der Worte zu enträtseln versuchte, ragte bereits ein langer Pfeilschaft aus der Schulter des Ungetüms. Der Kopf des Minotauren fuhr herum, gerade noch rechtzeitig, um eine dunkel gerüstete Gestalt auf sich zulaufen zu sehen.
Das Ungetüm reckte dem Neuankömmling drohend die Faust entgegen, als dieser auch schon mit vorgehaltenem Schild und erhobener Axt direkt in das Monstrum krachte und dieses ins Wanken brachte.
Ich griff meinen verbliebenen Säbel mit beiden Händen, stieß mich an einer Baumwurzel ab und sprang die Bestie mit vorgehaltener Klinge an. Diesmal durchdrang der Stahl die massive Wand aus Fell und Muskeln und bohrte sich tief in den Körper des Minotauren. Der schrie schmerzerfüllt auf, und aus seinen brennenden Augen schienen Stichflammen zu schießen.
Ich zog die Klinge heraus und hackte sie der Bestie durch die Kniekehle. Das Monster knickte ein und im nächsten Augenblick flog ihr Kopf in hohem Bogen durch die Luft, von einen gewaltigen Axthieb meines unbekannten Verbündeten von den Schultern getrennt.
Statt Blut schoss jedoch eine wabernde Stichflamme aus dem Halsstumpf unseres Gegners, als dessen Körper auch schon in einer blitzartigen Glutwolke zu Asche verging.
Ich betrachtete meinen unbekannten Helfer genauer. Die hochgewachsene Gestalt in der geschwärzten Plattenrüstung kam mir bekannt vor. Als sie den Helm abnahm, hatte ich Gewissheit. “Ich grüße dich, Blutrabe”, sagte Cathul grinsend und deute mit dem Kopf auf den kokelnden Aschehaufen des Minotauers. “Freund von dir?”
“Autogrammjäger”, grinste ich zurück. “Schön dich zu sehen, Cath.”
PATSCH! – “‘Tschuldigung!”
Der Schneeball, der mich im nächsten Augenblick am Hinterkopf traf, zeigte mir, dass der Berserker offenbar nicht allein unterwegs war.
Ich wandte mich um und legte vorwurfsvoll den Kopf schräg.
Gruni Malich saß gemütlich im Schneidersitz auf einem flammenden fliegenden Lavasturm-Teppich. Die Hitze schien dem Zwerg nichts auszumachen, hielt aber den Humpen gewürzten Glühweins, den der Zauberer in der Linken hielt auf angenehme Temperatur. Über seiner erhobenen Rechten bildete sich bereits ein neuer neuer Schneeball.
“Sind noch weitere Billies in der Gegend?”
Heftiges Genicke.

+++

Blauchen knabberte eine Viertelmeile entfernt friedlich an einer Baumrinde. Der Schlag des Minotauren hatte die Raureifstute anscheinend mehr erschreckt als ihr wirklich Schaden zugefügt. So konnte ich sie mit etwas beruhigendem Zureden problemlos wieder einsammeln.
“Shimja hat eine alte Schriftrolle entziffert”, erklärte Gruni, als wir gemeinsam durch den verschneiten Tannenwald ostwärts zogen. “Dass nicht weit von hier Fragmente von Miraguls Phylakterion existieren, ist ja ein offenes Geheimnis. Wahrscheinlich ist der Minotaur aus einem dieser Fragmente entwischt.”
“Ein Frosthorn war das jedenfalls nicht”, stimmte ich zu.
“Aye”, Cathuls Stimme klang dumpf unter seinem geschlossenen Visier. “Jedenfalls meint Shimja, dass es tiefer im Eis noch einen weiteren Zugang geben soll. Dort soll anscheinend Miragul selbst nach wie vor seine unheiligen Experimente veranstalten.”
“Nicht ganz, mein barbarischer Bruder”, warf Gruni ein. “Aber Spuren seiner Existenz sollen dort wohl vorhanden sein und danach trachten, sich selbst wieder zusammenzusetzen, unterstützt von zahlreichen Schatten aus der Vergangenheit und Gegenwart, die mit ihm im Zustand geistiger, seelischer oder körperlicher Versklavung mit ihm eingeschlossen sind.”
“Na sicher”, nickte ich und beschloss, mich an Cathuls Version zu halten. Damit konnte ich etwas anfangen.
“Und darauf hin hat Silbhe alle zusammengerufen und eine Expedition gestartet?” fragte ich.
“Sowas in der Art”, nahm Gruni den Faden wieder auf. “Das Tal nahe dem Zugang zum Phylakterion gibt einen gute Ort für eine Frostfallfeier ab, so dass eine Menge Leute dorthin gekommen sind. Das ist die offizielle Version. Inoffiziell planen wir dabei im Hintergrund unseren Vorstoß zu Miragul.” In einem verschwörerischen Flüstern fügte er hinzu: “Die Konkurrenz schläft nämlich nicht.”
“Und mir hat keiner bescheid gesagt, weil…?”
“Du schon aufgebrochen warst”, ergänzte Cathul meinen angefangenen Satz. “Wir hatten vermutet, du jagst hinter Lucan her – und mochte Marr wissen, wo du steckst. Dass wir dich hier getroffen haben, war eher Zufall, weil Gruni unbedingt Zutaten für seinen berühmten Eisbitter-Likör sammeln wollte und mich das Rezept interessierte. Sonst wären wir kaum in speziell dieser Gegend hier unterwegs gewesen.”
Na, da hatte ich ja noch einmal Glück gehabt. Was auch immer das wert sein mochte.
Während wir uns, munter plaudernd, auf das Lager zubewegten, trafen wir auf eine weitere Gruppe Billies. Lindar der Bogenschütze war zusammen mit den Druiden Wedi und Alini aufgebrochen, um frisches Wildbret für die Festtafel zu erlegen. Sie befanden sich in Begleitung der Schamanen Tiruba, Tiskentyl und Morgoose, die sich natürlich die Gelegenheit, ihre Wölfe einmal wieder richtig auf die Jagd zu schicken, nicht entgehen lassen wollten. Zählte man die Beutetiere, welche sie über die Rücken ihrer Reittiere gebunden hatten und blickte man in ihre fröhlichen Gesichter, begriff man schnell, dass der Gruppe das Jagdglück hold gewesen war.
“Können, Rabe, sonst gar nichts”, grinste Lindar auf meine entsprechende Bemerkung und erntete dafür einen Schneeball von Gruni, dem der Waldelf allerdings behende auswich und anschließend dem Zwerg eine übermütige Nase drehte. Der zweite Schneeball saß.
Lediglich Tiskentyl wollte sich dem allgemeinen Gelächter nicht anschließen. Der Dunkelelf fror erbärmlich, was daran liegen mochte, dass ihm seine wollene Hose in großen Fetzen um die Beine schlotterte und er sie mühsam im Bund zusammen- und oben halten musste.
Ich zog die Augenbrauen hoch. “Schon wieder?”
“Frag nicht!” grummelte Tisk.
Es dämmerte bereits, als wir von einem waldigen Hügel herab den ersten Blick auf das Lager werfen konnten. Mir blieb die Spucke weg. In einer windgeschützten Talsenke hatten die Billies eine Art Fort aus Eis errichtet. Mächtige Schneeblöcke waren zu Mauern aus purem Frost verdichtet und aufgetürmt worden. Apofis der Hexer hatte zusammen mit Gruni (wie dieser nicht ohne Stolz anmerkte) und den Elementalisten Dominatrixx und Saamu eine wahre Sysiphus-Arbeit verrichtet, die sich sehen lassen konnte. Lediglich an zwei Seiten hatten die Zauberer Durchgänge offen gelassenn und diese mit einzeln versetzten Wänden schwer zugänglich gemacht, so dass eventuelle Angreifer in engem Zickzack laufen mussten, ehe sie ins Lager gelangen konnten.
Allerlei dickwandige, buntbemalte Zelte reihten sich im Inneren wir Perlen an einer unsichtbaren Kette um einen großen, zentralen Platz, auf dem mehrere helle Feuer brannten und um die herum emsiges Treiben herrschte. Der Geruch von Frostfallgebäck und leckerem Braten lag in der Luft, dass einem das Wasser im Mund zusammen lief. Ich schloss die Augen und sog den verführerischern Duft tief ein.
Das Prunkstück des Lagers erhob sich jedoch in der Mitte: eine gewaltige Tanne, die mit vielerlei bunten Lichtern geschmückt war und auf deren Spitze eine gewaltiger Stern in allen Regenbogenfarben strahlte. Hier hatte Kokia, die kleine Gnomen-Illusionisten ihr großes Meisterwerk geschaffen, wurde ich von Gruni informiert, zusammen mit dem gutgemeinten Rat, meinen offenen Mund doch besser wieder zu schließen.
Wir legten das letzte Stück Wegs ins Tal zurück. Am Tor grüßte uns Kayn, der oben auf einer der Labyrinthwände kauerte und in die zunehmende Dunkelheit spähte.
“Na,” frotzelte Cathul, “haben sie dir den Wachdienst aufs Auge gedrückt?”
Die Augen des Assassinen glommen wie glühende Kohlen in der Dämmerung. “Nein”, flüsterte er. “Den habe ich selbst übernommen. Diese Aufgabe ist zu wichtig, um sie euch Barbaren zu überlassen.”
“Wer bewacht dann das andere Tor?” fragte ich spitz. “Dein Bruder?”
Die Andeutung eines Lächelns spielte um die Lippen des Meuchlers. “Nein, das bewacht Djinn. Wer sonst?”
Ich zuckte die Achseln. Natürlich. Wer sonst?
Ein ungewohnt heimeliges Gefühl überkam mich, als wir ins Lager einritten. Überall um uns herum herrschten geschäftiges Treiben und ausgelassene Heiterkeit. Einige Billies veranstalteten gerade eine Schneeballschlacht, der sich Gruni sofort freudestrahlend anschloss. Wir übrigen bahnten uns unseren Weg durch die Zeltreihen. bis wir bei den Grillfeuern ankamen.
Nun erkannte ich, dass es sich um niedere Feuerelementare handelte, die, kaum beschworen, sofort in große gusseiserne Schalen gebunden worden waren. Abgesehen davon, dass sie eine anheimelnde Wärme verbreiteten, gaben sie auch noch hervorragende Herdfeuer ab. Auf den Feuern brutzelte bereits knuspriges Wildbret, das – auf lange Stangen gespießt – von zwei untoten Rittern geduldig gedreht wurden. Nimro und Solari, die Herren der untoten Grillmeister, standen daneben und unterhielten sich angeregt.
Valiniera und das Hähnchen gingen inzwischen Marli beim Plätzchenbacken zur Hand. Ein weiteres Feuerelement war mit einem aufgeschichteter Steinhaufen zu einem effektiven Backofen kombiniert worden, aus dem es bereits verführerisch nach Muffins duftete. Donnerwetter, unser trollischer Brigant und Meisterkoch nahm die Jagdgesellschaft in Empfang. Ich begrüßte den alten Kämpen besonders herzlich, doch die Verpflichtung seiner Kochkunst gegenüber ließ uns wenig Zeit, unser Wiedersehen zu feiern. Vielleicht lag es aber auch an Huschel, der kleinen Halblingsköchin, die auf der anderen Seite des Feuers einen Kochlöffel schwang, der, halb so groß wie sie selbst, Donner wieder an die Arbeit rief.
Nicht weit entfernt, nahe der Getränkefässer, sah ich Grogk, Afeo, Christobal und Mithsirion beim Kartenspiel – große Humpen mit dampfendem Gewürzwein neben sich. Auch wenn es mir in den Fingern juckte, ich spielte ich nicht mit, doch nutzte ich die Gelegenheit, mit dem Berserker, der die Billies gern mit seinen handwerklichen Fähigkeiten unterstützte, über ein paar Bestellungen zu reden.
Auf einer zusammengezimmerten Empore probten unsere Barden für ihren späteren Auftritt und eine Zeitlang sah ich Shimja amüsiert zu, wie sie verzweifelt versuchte, den vielen Klagesängern die heitere Note von Frostfall-Liedern zu vermitteln. Ssizzel und Silbhe gesellten sich dazu und brachten einen Humpen Glühwein für meine durstige Kehle mit. Dankbar trank ich und wir unterhielten uns eine Weile über die Ereignisse auf Norrath und unser baldiges Vorhaben, gegen Miragul zu ziehen. Natürlich gab es auch düstere Prognosen, mit denen wir später Recht behalten sollten. Doch das war Schnee von morgen, wie wir Halasianer sagen.
Nichts, wirklich gar nichts, sollte die heutige Feierstimmung trüben. Es war ein phantastischer Abend, unwirklich und traumgeboren zugleich. Wir feierten und scherzten, aßen, tranken, lachten und sangen – selten rund, doch dafür umso lauter. Geschichten wurden erzählt und alle jubelten Ailea zu, die diesen Wettbewerb zur Überraschung einiger für sich entscheiden konnte. Es wurden gutmütige Streiche gespielt, kleine Geschenke ausgetauscht und auch die eine oder andere große Rede geschwungen.
Und wirklich alle waren da. Alle Billies waren gekommen, sowie viele ihrer Angehörigen – wie Heilondras, Kyrinus, Michirure oder Mahalkita – und auch einige Ehemalige, die den Billies immer noch verbunden waren, wie Schnabbeline oder Bomba waren dort. Zu viele, um sie hier alle aufzuzählen und gleichzeitig der Wertschätzung zu versichern, die sie verdient haben.
Die Zeit verging wie im Flug, als die Billies Frostfall feierten. Nebenbei lernte ich, dass es ein schlechter Plan war, mit Heilern um die Wette zu trinken, die sich aufs Giftkurieren verstanden. Irgendwann stand ich, um wieder ein wenig klar im Kopf zu werden, auf einem der Eisblöcke, ließ mir den eisigen Wind ins Gesicht wehen. Dabei blickte ich versonnen auf den fernen rötlichen Streifen hinter den verschneiten Gipfeln, der die heraufziehende Morgendämmerung ankündigte.
“Na, Rabe”, erklang plötzlich eine Stimme neben mir. Shimja stand dort. Auf der Schulter der Bardin ritt die kleine Billy-Puppe und wippte fröhlich zum Takt der fernen Musik. “Wie fühlst du dich?”
Gute Frage. Ich dachte einen Augenblick lang nach.
Zum ersten mal seit fünf Jahren, seit ich damals meinen Fuß auf den Strand vom Außenposten des Hochfürsten gesetzt und meinen Weg als Piratin, Diebin und Söldnerin eingeschlagen hatte, fühlte ich mich hier wieder in einer Gemeinschaft geborgen. Natürlich hatte ich auch anderswo Kameradschaft gefunden und die Ehre, die es unter Dieben gab. Aber wenn ich mit den Billies loszog, dann war das so eine Art Familienausflug. Ja, das war es. Ich wusste die Antwort.
“Wie fühlst du dich, Rabe?” fragte Shimja noch einmal.
Ich lächelte.
“Daheim.”

(Fortsetzung folgt)

© by Blutrabe

:0806: Im dritten Kapitel wird erzählt werden, wie die Billies schließlich die Planare Scherbe betreten und was sie dort vorfinden. Doch bis dahin wünscht unser Billy allen seinen Mitstreitern und deren Angehörigen sowie Freunden und Verbundenen ein frohes und wunderbares Weihnachtsfest und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr! :0803: :0811: :0814:

Die Schliche des Herrn Miragul I

August 29

1. Kapitel

in dem eine Bardin durch eine alte Schriftrolle zu neuen Erkenntnissen gelangt …

Vorbei waren die goldenen Tage des Herbstes mit seinem bunten Farbenspiel. Der Spätherbst in Norrath neigte sich unwiderruflich seinem Ende zu. Die Nächte wurden schon deutlich kälter und tagsüber konnte die blassgoldene Sonne das Land nicht wirklich erwärmen. Morgens zogen bereits dicke Bodennebel über das Land und viele Bewohner Norraths beeilten sich, Ihre Holzvorräte für den Winter aufzustocken. Ein gemütlicher Abend am prasselnden Kamin wäre nun bestens geeignet, die Kälte und allzu trübe Gedanken zu vertreiben und in geselliger Runde in Erinnerungen an vergangene Raubzüge zu schwelgen oder neue erfolgreiche Beutezüge zu planen. Vielleicht unterstützt durch einen ordentlichen Schluck dampfenden und gut gewürzten Glühweins, der so vortrefflich an den südlichen Hängen in Lavasturm gedieh. Shimja die kleine Bardin streckte sich in ihrem bequemen Sessel. Ihr Blick schweifte durch die gemütliche Halle, streifte den Kamin, der wohlige Wärme ausstrahlte und wanderte weiter zu der geschmackvollen Edelholztheke, an der die tapferen Streiter von Billy schon manchen Humpen geleert hatten.

Nachdenklich studierte Shimja mit einem Vergrößerungsglas eine verknitterte und stark versengte Schriftrolle, die sie bei einem der letzten Raubzüge beim Fleddern der gefallenen Gegner einem gemeuchelten Skelett aus den eiskalten Händen entwunden hatten. Etwas eigenartig war die Sache schon gewesen, denn es handelte sich um das einzige Skelett, das weit und breit unter den Leichen auszumachen war. Die Schriftrolle warf einige Rätsel auf, denn der lesbare Teil des Textes begann ziemlich abrupt, wurde von zahlreichen Blutflecken, Einstichen und Brandlöchern unterbrochen und endete, ohne das sich ein Sinn erschloss. Normalerweise wäre die Schriftrolle mit auf den Scheiterhaufen gewandert, auf dem die gefallenen Monster meist entsorgt wurden, um nicht noch mehr Ungeziefer anzulocken. Jedoch hatte eine kleine Skizze das Interesse der Bardin geweckt, die eine Schwäche für alte Schriftrollen hatte und viel Zeit mit der Entzifferung alter Inschriften zubrachte.

Gelegentlich enthielten alte Schriftstücke brauchbare Hinweise auf geheime Verstecke mächtiger Artefakte oder reichhaltiger Schätze. Das das Skelett die Schriftrolle bis zu seinem Ende verzweifelt verteidigt hatte deutete darauf hin, das hier unter Umständen die Spur zu etwas Großem beginnen könnte. Bereits seit drei Tagen widmete sich Shimja der Entzifferung. Sie wälzte alte Bücher, breitete Stapel von Landkarten aus und verglich aufmerksam den winzigen Teil der kleinen Skizze, die am Rand der Schriftrolle zu sehen war. Leider hatte der heftige Kampf seine Spuren nur allzu deutlich hinterlassen, und die ohnehin kleine Skizze war durch Brandflecken, die im Eifer des Gefechtes wohl die Schriftrolle in Mitleidenschaft gezogen hatten, stark angesengt und geschwärzt worden. Shimja stand auf und begann unruhig vor dem Kamin auf und ab zu wandern. Eines der wenigen vollständigen Worte auf der Schriftrolle lautete „Kristall“, ein anderes „Strudel“. Das Wort „Kristall“ hatte die Fantasie der Magier angeregt, die sofort an ein mächtiges Artefakt magischen Ursprungs dachten. Blutrabes Augen hatten bei der Erwähnung des Wortes jedoch verdächtig geleuchtet, und der Verdacht lag nahe, dass die Brigantin an die erkleckerlichen Sümmchen dachte, die sich für edles Geschmeide an den Börsen Norraths erzielen ließen. Da jedoch der größte Teil der Schriftrolle zu stark beschädigt war und sich den Wortfragmenten nicht viel mehr Sinn entnehmen lies, stützte sich der Forschungseifer der kleinen Bardin auf die Zeichnung, die einige eckige und runde Strukturen zeigte.

Seufzend wandte sich Shimja dem ausgebreiteten Kartenstapel wieder zu, auf dem sorgfältig weite Teile der bekannten Welt Norraths kartographiert waren. Sicherlich ,da gab es ja die Kristallberge in den Nathsar-Niederungen, die dem Besucher bei klarem Wetter schon von Sathirs Weite aus entgegen leuchteten. Ein Blick in das bekannte und beliebte Standardkompendium „Bestiarium Norrathium“ brachte jedoch eine schnelle Ernüchterung. Dieser Bereich von Norrath wurde von ziemlich dümmlichen affenähnlichen Monstern bevölkert, die mit dem fachgerechten Öffnen einer Banane an Ihre gedankliche Leistungsgrenze stießen. Shimja verwarf den Gedanken. Es war zweifellos mehr als unwahrscheinlich, dass eines dieser Monstren die Kunst des Lesens, geschweige denn des Schreibens erlernt hätte. Aber da waren ja noch die Minen von Nuroga. Erst kürzlich hatte Shimja von reichen Kristallfunden in dieser Gegend gehört. Jedoch waren diese Kristalle häufig zu finden, und ihr Preis so niedrig, dass wohl kaum jemand sich die Mühe machen würde, ein Schriftstück zu diesem Thema zu verfassen, wenn man die übereifrigen Steuereintreiber einmal ausklammerte.

Aus der Küche hörte Shimja das Pfeifen des Teekessels, den sie vor einiger Zeit aufgesetzt hatte. Gedankenverloren schlenderte die Bardin in die Küche, brühte sich Ihren Lieblingsdrachenblütentee auf und verlies mit einer geräumigen Kanne und einer hübsch bemalten Tasse die Küche. Nachdenklich goss sich Shimja einen dampfenden Tee ein und wärmte Ihre Hände an der vollen Tasse. In diesem Moment durchzuckte ein Geistesblitz die Bardin und elektrisiert erinnerte Sie sich, wie eiskalt die Hände des Skeletts gewesen waren, aus dessen knochigen Händen Sie die Schriftrolle geborgen hatte. Immerfrost! Das war der Hinweis, nachdem sie gesucht hatte. Hastig breitete sie die Karten von Immerfrost und Permafrost auf Ihrem Platz aus und begann mit neu erwachtem Enthusiasmus, jedes noch so winzige Detail der Karten mit der kleinen beschädigten Skizze zu vergleichen. Treffer! Der Eingangsbereich zu Miraguls Unruhestätten wies eine große Ähnlichkeit mit dem Skizzenfragment auf. Schon oft hatte Shimja mit Ihren Freunden die Unruhestätten des vor langer Zeit verrblichenen Miragul nach Schätzen durchstöbert. So ganz stimmte die Skizze nicht mit Ihrer Erinnerung überein, aber ein Irrtum war ausgeschlossen. Offensichtlich musste ein sehr geheimer vierter Eingang noch wesentlich tiefer in das gefährliche Eislabyrinth führen – ein klarer Fall für Billys Streiter.

Natürlich – nun begann alles einen Sinn zu ergeben. Shimja erinnerte sich noch deutlich an das mysteriöse Gespräch mit Aubrak, einem Gnom, der sein Lager in der Nähe von Miraguls Eislabyrinthen aufgeschlagen hatte. Der Gnom hatte Shimja gebeten, die Eislabyrinthe nach Hinweisen zu durchsuchen, und bei diesem kleinen Abenteuer hatte Shimja einige merkwürdige Fallen erbeutet. Auch die Belohnung, die der Gnom als Dank für die Erfüllung seiner Bitte zu vergeben hatten, waren eigentümlich.

„Siiilbbheeeeee“ rief Shimja. „Pack deine Salben, Pflaster und Bandagen und ruf den Haufen zusammen. Wir treffen uns in Immerfrost beim alten Miragul! Und vergiss nicht,auf dem Weg den Müll rauszubringen :P

Fortsetzung folgt….

(c) by Dominatrixx

« Older Entries