Zwei Klingen Göttlichkeit III
Prolog
Die Nachmittagssonne des Odus lächelte auf das Auge von El Arad. Das große Observatorium erhob sich auf einer eigenen Wolkeninsel etwas abseits der Steinschlagberge und hatte eine freie Sicht auf ferne Orte. Die Insel selbst wäre ein paradiesisches Fleckchen Erde gewesen, wäre sie nicht leereverseucht.
Große Fetzerbestien, die mir bereits aus den Mooren von Ykesha her vertraut waren, patrouillierten auch hier um das Gebäude und die Eruditen, die im Inneren des Auges Dienst taten, wiesen ausnahmslos den glasigen Blick auf, der für Verführte der Leere typisch war. Ich hatte es selbst gesehen, als sie mir während einiger Aufträge, die ich für die Tiefseeritter auf diesem Eiland zu erledigen hatte, in die Quere kamen.
Um den Wächtern auszuweichen, genügte es, einige Haken zu schlagen. Leerebestien sind zwar große und furchterregende Wesen, aber auch blind wie Maulwürfe.
Ein leichter Wind durchzauste meinen roten Schopf, als ich mich der Nordseite der Insel näherte. Blauchen, meine Rauhreifstute, erkletterte die niedrigeren Felsen ohne größere Mühe, ehe sie auf einer breiteren Grasfläche wieder Fuß fand und wir um einen weiteren Felsvorsprung bogen.
Dort erblickten wir einen einzelnen Schattenmenschen, der auf die Weite des Odus hinaussah. Er schwebte auf die typische Art seines Volkes im Schneidersitz, mehrere Fuß hoch über dem Boden, die behandschuhten Krallenhände entspannt auf die angewinkelten Knie gelegt. Dieser Mann rechnete offensichtlich nicht mit Feinden.
“Seid gegrüßt, Yavuz Kadir”, redete ich ihn in seiner Heimatsprache an und es fiel mir schwer, dieser Ausgeburt der Leere gegenüber freundlich zu sein.
Der Schattenmensch dreht sich langsam um seine eigene Achse und wandte sich mir zu, ohne seine Haltung zu verändern. Seine kalten Insektenaugen schienen mich zu mustern oder auch durch mich hindurchzublicken. Wer konnte das bei diesen Wesen schon sagen? Der Kopf des Schattenmenschen erinnerte an einen kahlen Insektenschädel und die untere Hälfte seines Gesichts war unter einer Art schillernder Halskrause verborgen. Trotzdem drangen verständliche Laute daraus hervor.
“Und ich grüße Euch, Blutrabe von Freihafen.” Die Stimme Yavuz Kadirs klang klickend und monoton. Auch das war typisch für sein Volk. “Das Wesen Lorak hat Euer Kommen angekündigt.”
“Es war seine Idee, dass ich mit Euch reden soll”, entgegnete ich schroff, “nicht meine. Wenn es nach mir ginge, hättet Ihr längst meine Klinge zwischen den Rippen und es gäbe auf dieser Welt einen Haufen Abschaum weniger.”
“Das Wesen Lorak hat auch angekündigt, dass Ihr keine diplomatische Einheit seid”, entgegnete der Schattenmensch ungerührt. “Und doch sucht Ihr Wissen, darum erwarte ich keinen Kampf.”
“Weswegen Ihr Euch auch geflissentlich unter Euresgleichen versteckt habt”, versuchte ich, ihn aus der Reserve zu locken. Seine stoische Ruhe machte mich wütend.
“Ich war sehr bemüht, mich vor den Bestien hier zu verbergen, die anscheinend Theer die Treue halten.”
Moment! Das war interessant!
“Ihr seid nicht mit Theer verbündet?” hakte ich interessiert nach.
“Das geht Euch nichts an.” Aha! “Ich habe eine Botschaft von meiner Gebieterin Anashti Sul für Euch. Sie ist die falschen Gerüchte und Fehlinterpretationen um ihre Beziehungen zum Göttertöter leid.”
Ich lehnte mich auf Blauchens Hals nach vorne und fragte gelangweilt: “Gerüchte?”
Innerlich brannte ich vor Aufregung. Roehn Theer und Anashti Sul waren keine Verbündeten? Das warf so manche Theorie über den Haufen.
Prompt kam von Yavuz Kadir die Bestätigung: “Die Gerüchte, welche sie als Verbündete oder gar als Dienerin Roehn Theers darstellen. Das sind alles Lügen!”
Irrte ich mich oder schlich sich tatsächlich ein Hauch von Aufgebrachtheit in die Plätscherstimme des Schattenmenschen?
“Tatsächlich findet sie Theers Arroganz immer ermüdender”, fuhr Kadir fort. Seine Worte klangen tatsächlich – heftiger, intensiver. “Theer glaubt, er sei nicht nur mächtiger als die Götter, sondern auch mächtiger als alle Wesen Norraths!”
Ich lehnte mich im Sattel zurück, verschränkte die Arme und fragte in gespieltem Mitgefühl: “Tja, was kann man denn da bloß machen?”
Yavuz Kadir schien auf diese Frage nur gewartet zu haben. “Theer glaubt, als Göttertöter habe er überragende Fähigkeiten. Er ist ein würdiger Gegner, gewiss. Aber seine Fähigkeiten übertreffen nicht die der Sterblichen, wie er annimmt. Das macht ihn verwundbar.”
Darauf lief es also hinaus. Wir sollten für Anashti die Kastanien aus dem Feuer holen. Na sicher. Aber es bedeutete auch, dass die Göttin der Leere die Füße still halten und abwarten würde, wie die Sache ausging. Das wollte ich genauer wissen.
“Und was erwartet Ihr von uns?”
“Sucht Roehn Theer auf und zeigt ihm, dass er nicht immun gegen die Klingen der Sterblichen ist!”
“Und was springt für mich dabei raus?”
“Ihr wisst genausogut wie ich, dass das Schicksal Eurer armseligen Welt auf dem Spiel steht, wenn dem Göttertöter kein Einhalt geboten wird. Andernfalls würdet Ihr ein solches Risiko gar nicht erst eingehen!”
Punkt für ihn. Also stimmte ich zu.
Auf dem Rückweg nach Quel’ule gingen mir Yavuz Kadirs abschließende Worte nicht aus dem Kopf: “Denkt daran, dass Theer nicht irgendein Schwächling ist. Er verfügt über große Macht. Aber in seiner Arroganz kann er besiegt werden.”
Ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache..
+++
Langsam öffnete sich das Portal. Nun ja, es war nicht wirklich ein Portal, eher eine gigantische, alterudianische Glyphe, die beiseite schwang und den Blick auf die wabernde Schwärze dahinter freigab.
Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Für Zierrat hatten wir es gehalten, während wir durch den Palast von Roehn Theer gestürmt waren. Zierrat, wie es ihn an diesem götterverlassenen Ort am äußersten Rand des Odus, haufenweise gab. Nicht einer von uns Billies hätte sich träumen lassen, dass hinter solchem Zierrat der Weg zu Roehn Theer lag, dem Göttertöter – unserem Ziel.
“Rabe, altes Mädchen”, dachte ich bei mir. “Du hast auch schon fitter ausgesehen.”
Mein Blick schweifte über die übrigen dreiundzwanzig Teilnehmer des letzten Angriffs. “Aber damit bist du nicht alleine.”
Müde und erschöpft standen wir hier. Keine Rüstung, die nicht beschädigt, kein Helm, der nicht verdellt und keine Waffe, die nicht schartig und abgewetzt war. Und doch lag auch Stolz und Trotz in unseren Augen. Furcht vor dem Ungewissen, der Möglichkeit des endgültigen Todes. Aber auch die Entschlossenheit und der Wagemut, die kleine Chance zu nutzen, die wir armseligen Sterblichen hatten, wo selbst die Götter versagten und sich ängstlich in ihre Refugien kauerten, um sich dort vor dem Sturm zu verstecken, der über Norrath fegen würde, falls wir versagten.
Die Glyphe war vollends beiseite geschwungen und gab den Blick frei auf abgrundtiefe, wirbelnde Schwärze. Blitze durchzuckten das Dunkel wie das Flackern verlorener Seelen. Rechts und links des runden Portikus führten zwei gleißend helle Lichtbahnen in die Finsternis, die eine unsichtbare Rampe zu begrenzen schienen.
Dijnn trat in das Rund des Portals, wo er sich mit einer fließenden Bewegung in die Hocke kauerte und den Rand des Nichts in Augenschein nahm.
Mehrere Herzschläge lang kauerte der Jadetiger dort bewegungslos. Dann zog er eine Sai-Gabel aus seinem Gürtel und schob sie langsam vor, bis ihre Spitze die wirbelnde Finsternis berührte. Wieder verharrte er schweigend.
Schließlich erhob sich der Mönch und schob die Sai wieder in seinen Gürtel zurück. Seine Augen trafen sich mit denen Darliyahs und Oneals, die schweigend neben ihn getreten waren. Djinn nickte kaum merklich. Sein Flüstern durchdrang die Stille lauter als jeder Donnerschlag. “Los!”
Damit lief er geradwegs in die Dinkelheit hinein. Der Wächter und die Klagesängerin folgten, ohne zu zögern. Alle drei schienen im Nichts zu laufen. Die grellen Lichtbahnen markierten tatsächlich die Ränder eines unsichtbaren Weges.
Ich strich mir eine widerspenstige rote Haarsträhne aus dem Gesicht und hob meinen Säbel. “HALAS!”, schrie ich und stürmte hinterher.
“QEYNOS” – “LUCAN” – “RALLOS” – “BLUT UND GEHIRNFETZEN!” – “BERGE FÜR DIE ZWERGE!”
So unterschiedlich wie die Billies waren auch ihre Kriegsschreie, als sie ihre Waffen zogen und sich einzeln oder in Gruppen in die wabernde Dunkelheit stürzten. Verflogen waren Müdigkeit und Schmerzen, vorbei Angst und Ungewissheit. So wie die Morgensonne den Tau vertreibt oder ein geöffnetes Fenster den Spelunkenmief einer durchzechten Nacht, so riß die Aussicht auf die finale Konfrontation die letzten Zweifel hinweg. Wir waren die Billies, der größte Sauhaufen Norraths. Gemeinsam würden wir siegen oder untergehen. Aber zumindest würden wir es versuchen!
Und so rannten wir in das Nichts hinein – dem Göttertöter entgegen!
Der Palast von Roehn Theer
Wir kamen aus der Sonne und wir ritten auf dem Morgenwind. So oder ähnlich würden die Barden sicherlich unseren Anflug auf den Palast von Roehn Theer beschreiben, vorausgesetzt, wir lieferten ihnen auch den Grund dazu!
Von Quel’ule aus flogen wir auf erudianischen Transportscheiben zur Maroden Hochebene hinauf. Dort sollte der letzte Sammelpunkt sein, bevor der eigentliche Sturm auf den Palast begann. Fyr’remd Lorak, unser geisterhafter Verbündeter aus der Forschungsstation, hatte den Transfer organisiert und uns mit Flugscheiben ausgerüstet.
Bei unserer Ankunft am Flugpunkt der Hochebenen, erwartete uns bereits ein weiterer Erudit, der uns frische Scheiben zur Verfügung stellte, die speziell für den Ansturm auf unser Ziel präpariert waren.
“Die Winde flüstern euren Namen”, sprach er geheimnisvoll, als wir die verzauberten Apparate bestiegen. “Seid ihr bereit, euren Weg bis zum Ende zu gehen?”
“Quatsch keine Opern”, knurrte ich zurück. “Sag mir das Kommandowort und dann geh frühstücken!”
Er blickte mich einen Moment lang indigniert an, dann flüsterte er mir einen erudianischen Befehl ins Ohr. Ich wiederholte das Wort laut – und schon stieg ich mit meiner Transportscheibe in den Himmel des Odus empor, der sich gerade mit der ersten Morgendämmerung zartrosa färbte. Fast so, als wolle er das vor uns liegende Schlachten und Blutvergießen unter einer pastelligen Decke verbergen.
Vierundzwanzig Streiter Billies flogen dem Tod entgegen. Scherze flogen zwischen den schwebenden Scheiben hin- und her. Der Tod lachte und wir lachten zurück. Bis Oneal schließlich “Stille!” befahl und wir wussten, dass wir uns in umittelbarer Nähe des Palastes befinden mussten.
Djinn hatte vermutet, dass mindestens zwei Kompanien leereverseuchter Elitesoldaten sowie einige Kriegsmagier die Befestigungsanlagen verteidigten. Wir mussten sie überraschen, schnell und gnadenlos. So wie der Adler auf das Schaf herniederstürzt und es reißt, ehe es noch begreift, dass sein Leben in diesem Augenblick zu Ende ist.
Eine gewisse Unruhe machte sich in mir breit. Ich kannte dieses Gefühl gut. Es war der Vorbote des Kampffiebers, das mich bald erfassen würde. Ich, Blutrabe von der Schreckensfeste, Kapitän der “Tanzender Yeti” und Erzherzogin von Freihafen, freute mich darauf.
Ich vergewisserte mich, dass alles auf der Scheibe an seinem Platz und ausreichend gesichert war. Feuertöpfe, Pfeile, Säbel und Axt. Die übrigen Billies bereiteten sich ebenfalls vor. Schräg rechts von mir flog Apofis der Hexer. Er hatte die Augen halb geschlossen, doch um seine Hände zuckten kleine grünliche Blitze.
Von links fiel ein Schatten über uns. Die massige Gestalt des ogrischen Inquisitors, der nur unter dem Namen Stiernacken bekannt war, verdeckte die ersten zarten Sonnenstrahlen. Der Hühne zog den Kinnriemen seines reichverzierten Helmes fest und nahm seinen schweren Streithammer von seinem Rücken.
“Formation!”
Magisch übermittelt, klang Djinns Kommando leise aber bestimmt in unseren Köpfen. Sofort setzte sich Stiernacken, da er über die stärkste Panzerung verfügte, an die Spitze unserer Gruppe. Ich folgte, ein Stück nach hinten versetzt zur seiner Linken, Mahalkita übernahm die rechte Seite. Hinter uns bildeten Apofis, Morgoose, die Schamanin und der Nekromant Solari eine Linie. Insgesamt formierten wir uns zu vier fliegenden Keilen à sechs Billies.
Und im nächsten Moment durchstießen wir die Wolken!
Und ich erblickte zum ersten mal den Palast von Roehn Theer. Ein imposanter Kuppelbau, dessen weiße Mauern in der Morgensonne schimmerten. Umgeben von Wehrmauern, Türmen und Gärten, tauchte er wie eine Fata Morgana vor uns auf – unwirklich und märchenhaft.
Weniger märchenhaft waren die drei oder vier dutzend Flugscheiben, die sich aus den Innenhöfen erhoben und uns in gestrecktem Formationsflug entgegenkamen.
“Bei den widerlichen, verchromten Brustwarzen von Rallos Zek!” fluchte ich. “Das wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.”
“Sie kommen!” hallte Oneals Stimme über den Raubzug hinweg. “Durchstoßen! Wir sehen uns unten!”
Die Theerianer kamen rasend schnell näher. Schon konnten wir die einzelnen Soldaten in der vorderen Schlachtreihe klar erkennen. Es waren…
“Bogenschützen!”
Verdammt! Und sie spannten bereits!
“Schilde!” rief Oneal.
Hastig hatte ich meinen Turmschild freigenestelt. Gerade noch rechtzeitig kniete ich hinter dem vorgehaltenen Schutz ab und stülpte den Schild leicht aufwärts. In hohem Bogen kam der erste Pfeilhagel herangerast. Krachend schlugen zwei Pfeile ins Holz.
Rasch blickt ich mich um. Zumindest in unserer Gruppe konnte ich keine Verletzten erkennen.
“Achtung!” brüllte Stiernacken.
Die Theerianer waren heran. Ich warf den nutzlosen Schild zur Seite, zog Axt und Säbel.
Vor mir drosch Stiernacken seinen beidhändig geführten Streithammer direkt in das Gesicht eines gegnerischen Soldaten, dessen Kopf sich in einen blutigen Nebel verwandelte. Eine rote Fontäne schoss aus dem Hals des Eruditen, während sein Körper samt Flugscheibe wie in Zeitlupe zur Seite kippte und lautlos trudelnd in den Abgrund stürzte.
Während ich das Schauspiel noch verfolgte, hätte ich beinahe einen weiteren Theerianer übersehen, der mit seiner Transportscheibe genau auf meinen Hals zuhielt. Im letzten Augenblick drückte ich mein Fluggerät zur Seite und hieb mit dem Säbel nach seinem Bein. Die leeregeschärfte Klinge fuhr durch Rüstung, Muskeln und Knochen. Der Fuß des Eruditen verblieb auf der Flugscheibe, während der Mann selbst, seiner Konzentration beraubt, jämmerlich schreiend in die Tiefe fiel.
Ein weiterer Roehn-Theer-Soldat schmierte ab. In seiner Kehle steckte ein Pfeil. Ganz ruhig zog Mahalkita ein weiteres Projektil aus ihrem Köcher, nockte ihn auf die Sehne, spannte, und schickte den nächsten Theerianer auf die Eisgletscher der Totengöttin.
Überall waren die Billies nun in verbissene Luftkämpfe verwickelt. Eine neue Welle Erudkrieger raste heran.
Drei von ihnen vergingen in einer giftig-grünen Wolke, ihre Flugscheiben stießen gegeneinander. Apofis vollführte die spinnenartigen Gesten seiner finsteren Magie und suchte sich bereits neue Opfer.
Indessen hatte Solari seinen untoten Hexerschergen herbeibeschworen. Eine theerianische Kriegerin fasst sich mit einem erstickten Aufschrei an die Kehle. In Sekundenschnelle war ihr Körper über und über mit widerwärtigen grünen Pusteln bedeckt. Ich sah das namenlose Grauen in ihren Augen, als sie begriff, dass der Nekromant ihr die Seele aussaugte.
Morgoose indessen hielt sich in der Mitte der Formation und sorgte mit ihren Heil- und Schutzzaubern dafür, dass niemand von uns ernsthafte Verletzungen davontrug.
Plötzlich fasste sich die Schamanin an den Hals. Ihr Gesicht nahm eine graue Färbung an, während sich ihre Hand um den Griff ihres Speeres krampfte.
“Hexe!” brüllte Stiernacken.
Damit meinte er die in weiße Roben gehüllte Frau, die etwas abseits ihrer Formation schwebte und finstere Gesten in unsere Richtung schleuderte.
Mahalkitas Pfeil durchschlug ihre rechte Wange, während sich mein Wurfmesser in den Unterleib der feindlichen Zauberin bohrte.
Und dann waren wir plötzlich durch!
Und rasten viel zu schnell auf das innere Tor des Palastes zu!
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Leutnant Buldoral war ein stolzer Mann. Er war für selbst für einen Eruditen von ungewöhnlicher Körpergröße. Anstatt der für seine Rasse eher üblichen blass-bleichen Farbe wies die Haut seines muskelbepackten Körpers einen tiefen Bronzeton auf, wie er für jemanden üblich war, der die meiste Zeit seines Lebens in der prallen Sonne von Odus verbracht hatte und nicht in den staubigen Bibliotheken Erudins.
Buldoral war nämlich der Meinung, dass ein außergewöhnlicher Geist nur einem außergewöhnlichen Körper hausen konnte und er war stolz darauf, dass es ihm gelungen war, diese Philosophie durch jahrelanges intensives Training mit seiner eigenen Erscheinung bestätigt zu sehen.
So war seine Berufung in die Palastwache der Theerianer nur der konsequente Lohn für seine Mühen und seinen Ehrgeiz. Und dass er innerhalb eines Jahres bereits Kommandant der Torwache und der Außenmauern war, stellte für ihn lediglich das Zeichen dar, dass seine Vorgesetzten seinen Wert erkannt hatten.
Das nächste Ziel des Leutnants auf dem Weg, einer der ganz Großen seines Volkes zu werden, war, den Posten seiner Vorgesetzten, Hauptmann Azara, zu übernehmen. Doch bevor es soweit war, musste sich der ehrgeizige Buldoral zunächst in der Schlacht behaupten.
Als der Alarmruf kam, dass sich Feinde dem Palast näherten, hatte er daher freudig nach seinen beiden ayonischen Äxten gegriffen und war zu den Toren geeilt, um die angreifende Streitmacht selbst in Augenschein zu nehmen.
Die anfängliche Erregung des Leutnants machte jedoch schnell enttäuschter Ernüchterung Platz, als er erkannte, dass die zwei dutzend Flugscheiben, die sich von dort aus dem Morgennebel heranschälten, keine Invasionsarmee aus Paineel mit sich führten, keine Angriffsformation der Tiefseeritter aufwiesen und auch nicht aus anfliegenden Drachenhorden Toxxulias bestand. Eine armselige Schatzsuchertruppe näherte sich dem Palast. Wilde aus den niederen Ländern. Wer hatte ihnen wohl die Flugscheiben besorgt?
Leutnant Buldoral stieß ein angewidertes Schnauben aus. Er befahl Feldwebel Santander, mit zwei Schützenstaffeln aufzusteigen und die lästigen Störenfriede vom Himmel zu fegen. Dann überlegte er, dass dies Ärgernis doch zumindest eine gute Gelegenheit darstellte, für die Torbesatzung einen Waffendrill anzusetzen und erließ Order, im Toreingang einen Schildwall aufzustellen, um eventuelle Durchbrecher abzufangen.
Anschließend wandte sich der Leutnant dem Offizierskasino zu, wo er sein Frühstück einzunehmen und bei der Gelegenheit seine Vorgesetzte zu informieren gedachte.
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Ich blickte kurz nach oben. Hinter uns rasten die übrigen Formationskeile der Billies heran. Irgendwie hatten uns die Theerianer wohl nicht ernstgenommen. Wir waren ohne große Schwierigkeiten durch ihre Formation gebrochen und hatten nur ein paar fallende Leichen und Flugscheibentrümmer hinterlassen.
Der Schildwall jedoch, der sich oberhalb der Palasttreppen gebildet hatte, schien diesen Fehler nicht wiederholen zu wollen. Noch während ich wie wild versuchte, den Flug meiner Scheibe zu verlangsamen, und den schnell näherkommenden Marmorboden aus meinen Gedanken zu verbannen, stiegen von den Verteidigern her mehrere Pfeilsalven auf.
Ich schickte ein schnelles Dankgebet zu Bristlebane, dass die Theerianer keine Drahtseile zwischen den Bastionen gespannt hatten, an denen wir uns im Anflug locker selbst in feine Schinkenscheiben hätten schneiden können. Dann schwang ich meine Flugscheibe mit einem Hüftschwung herum, so dass sie sich schützend zwischen mir und den heranschießenden Pfeilen befand. Meinen Schild hatte ich ja schlauerweise nach dem ersten Ansturm über Bord geworfen.
Krachend schlugen mehrere Pfeile in meine Transportscheibe ein. Ich grinste und beglückwünschte mich zu meiner Idee. Hatte ich doch auf diese Weise nicht einen Kratzer abbekommen.
Doch mein Grinsen verschwand genauso schnell, wie es gekommen war, als ich erkannte, dass meine Flugscheibe unkontrolliert zu rucken begann und auf meine Gedankenbefehle nur noch gelegentlich reagierte. Die Pfeile mussten etwas wichtiges an der Unterseite getroffen haben!
“Bei den pustelbesetzten Hammerzehen von Rallos Zek!”
Anstatt, wie ursprünglich geplant, ein paar Feuertöpfe in die dichtgedrängt stehenden Eruditen zu werfen, elegant wieder hochzuziehen und den Glatzköpfen einen lange Nase zu drehen, geriet ich, Blutrabe von der Schreckensfeste, samt meiner Flugscheibe ins Trudeln.
Zumindest hielt meine Verbindung mit der Flugscheibe noch, so dass ich an diesem Tag nicht als hässlicher roter Matschfleck auf dem weißen Marmor der Palasttreppen endete. Doch war mein Flug alles andere als elegant oder gar koordiniert.
“Rabe!” brüllte Apofis. “Was ist?”
“Die Scheibe spinnt!” drückte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und konnte mühsam eine Kollision mit Morgooses Flieger vermeiden. Nur um im nächsten Moment frontal in Stiernacken zu krachen!
Rallos! Ich hätte auch gegen einen Felsen steuern können. Der Plattenpanzer und der massige Körper des Ogers fingen viel von der Kollision ab, doch nun begannen wir beide zu trudeln und unkontrolliert zu schlingern.
Der Inquisitor stieß einen heftigen Fluch aus und begann, mich zu beschimpfen. “Du blöde Halasschlampe, zu doof zum Fliegen!” Nun ja, wo er recht hatte, hatte er recht! Und dann: “Lass mein Bein los!”
Instinktiv hatte ich mich irgendwo festgehalten. Die Axt baumelte an einer Schlaufe um mein Handgelenk. “Hör auf zu fluchen, Breischädel!” brüllte ich zurück. “Tu was!”
Mittlerweile rollten wir wie eine wildgewordene Schneekugel durch die Luft, der Boden war ganz nah!. Ich konnte die Gesichter der Verteidiger erkennen. Das blanke Entsetzen in ihren Augen, als sie begriffen, dass wir mitten zwischen sie krachen würden. Einige ließen ihre Spieße fallen, die sie uns triumphierend entgegengereckt hatten.
Mir gelang es, die Scheibe von meinen Füßen zu lösen. Stier hatte wohl das gleiche gemacht. Die Flugscheiben fegten wie wildgewordene Katapultgeschosse in die Reihen der Verteidiger, brachen den Schildwall auf. Theerianer wurden zerfetzt, Gliedmaßen flogen durch die Luft und dann explodierten die Feuertöpfe!
Stiernacken und ich wurden durch die Glut geschleudert. Die Welt war ein einziges Inferno aus Donnern, Schreien, Hitze und Schmerz!
Der Oger prallte gegen ein Hindernis, das ich im Chaos nicht erkennen konnte. Wieder rettete ihn seine schwere Rüstung. Bei mir waren es eher die Reflexe. Ich warf mich seitlich herum, schlug mit der Schulter irgendwo gegen, rollte über ein Hindernis hinweg und blieb schweratmend liegen.
“Nun mal nicht so faul, Rabe!”
Stiernacken war bereits wieder auf den Beinen. Diese verflixten Oger sind zäh wie Leder! Wenn sie dann auch noch Plattenpanzer tragen und heilen können…
Ich hatte mehrere Brandwunden davongetragen, die nun durch Stiers Zauber verheilten. “Sprich für dich selbst”, knurrte ich. Dankte ihm aber gleichzeitig mit einem Nicken.
Rauch und Flammen verhüllten nun den Eingang des Palastes. Eines der gewaltigen Flügeltore hatte unseren Sturz gebremst. Das andere war von der Explosion beschädigt worden und hing schräg in seinen Angeln. Unser Absturz hatte eine breite Schneise in den theerianischen Schildwall gerissen. Überall lagen tote und sterbende Eruditen. Weitere Explosionen erschütterten die Treppe. Die Billies warfen mit Feuertöpfen!
Grimmig fasste ich den Griff meiner Axt und zog den Säbel. “Sieht so aus, als käme der Rest mal wieder später.”
Stiernacken fasste sein Ungetüm von einem Hammer mit beiden Händen. “Sieht so aus”, antwortete er und entblöste die Unterkieferhauer zu der Ogervariante eines Lächelns.
Im nächsten Moment waren sie heran. Ein halbes dutzend Theerianer rannte mit gezogenen Waffen und wutverzerrten Gesichtern auf uns zu.
Stier schwang seinen Hammer senkrecht von oben. Was dem Oger an Finesse fehlte, machte er durch pure Kraft mehr als wett. Er schlug einem Theeriander buchstäblich den Kopf in die Rüstung zurück. Der Körper des Angreifers stand da wie eine Schildkröte, aus deren Panzer nur noch die Arme und Beine hervorlugten, ehe er zuckend zusammenbrach und ihm eine gewaltige Blutfontäne aus der Halsberge schoss.
Ich schlug einen Speer zu Seite, der auf meine Eingeweide zielte, drehte mich um meine Achse und ließ dem Angreifer die Axtklinge in die Nierengegend sausen, welche sie mit einem schmatzenden Geräusch durchschlug.
Mit ungläubigem Gesichtsausdruck wankte ein weiterer Erudit vorbei. Zwischen Armbeuge und Hüftknochen fehlte ein großes Stück seines Körpers, als wäre ein eichener Dachbalken dort hindurchgetrieben worden. Ich zog den Kopf ein, Stier schwang seinen Kampfhammer wie einen Dreschflegel und hielt dabei gleich mehrere Angreifer auf Distanz.
Ein weiterer Theerianer vollführte einen halbherzigen Stoß mit seinem Schwert in meine Richtung. Die Augen unter seinem Helm blitzten jung und ängstlich. Rallos! Was machten denn Kinder hier? Ich schlug ihm mit dem Säbel das Schwert aus der Hand und ließ ihm die flache Seite meiner Axt gegen die Schläfe krachen. Betäubt brach der Junge zusammen. “Bleib lange genug liegen, Kleiner”, murmelte ich. “Dann überlebst du das hier vielleicht und kannst in ein paar Jahren eine Familie gründen.”
Im nächsten Moment spürte ich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel und blickte auf den Speer, der sich dort hineingebohrt hatte. “Blöder Hund!” knurrte ich und hieb mit der Axt den Schaft durch. Flüssiges Feuer brannte in meinem Bein.
Der Angreifer, der den Speerschaft noch in der Hand hielt, erstarrte indessen. Eine silberweiße Eisschicht bildete sich auf seinem Gesicht und überzog dessen gesamten Körper. Hinter ihm sprang Apofis von seiner Flugscheibe und gesellte sich grinsend zu uns, dicht gefolgt von Solari und Morgoose.
Der tiefgefrorene Erudit zersprang in tausend Scherben, als Mahalkita mit ihrer Flugscheibe direkt durch ihn hindurchraste und dann ebenfalls absprang. Morgoose zog den Speer aus meiner Wunde und sprach einen Heilzauber.
“Was hat euch aufgehalten?” fragte Stiernacken fröhlich, ehe er dem letzten verbliebenen Angreifer eine Fratze schnitt und der Erudit schreiend ins Palastinnere rannte.
“Sichergehen, dass hinter eurem Budenzauber keine Falle lauert”, antwortete Solari. Die Worte des Arasai klangen seltsam dumpf unter seiner gehörnten Knochenmaske.
Auch die letzten Theerianer hatten sich bereits in das Palastinnere zurückgezogen, während die übrigen Billies landeten und sich im Torbogen sammelten. Keine Verluste! Es hatte zwar ein paar Blessuren gegeben, aber nichts, was die Heiler nicht hinbekamen.
Djinn und Oneal setzten sich an die Spitze, als wir schreiend und waffenschwingend in das Innere des Palastes stürmten. Die wenigen Wächter, die sich uns noch entgegenstellten, wurden niedergemacht.
Die Innenkuppel des Palastes von Roehn Theer war ein gewaltiges Bauwerk. Reicher Zierrat schmückte die weißen Marmorwände. In der Mitte war ein großer, runder Teich angelegt, der von zwei parallel laufenden Wasserrutschen gespeist wurde. Ich stellte mir vor, wie das kristallklare Wasser in der Morgensonne funkelte. Im Moment lagen allerdings einige tote Theerianer im Becken und füllten den Teich mit ausströmenden Blutschwallen und Eingeweiden, was den Gesamteindruck ein wenig trübte.
Oberhalb des Teiches erhob sich eine weitläufige runde Plattform, die wir über ein Paar seitlich angelegter Stufen betraten. Dort sahen wir uns um.
“Nett”, bemerkte Oneal in seiner trockenen, bedächtigen Art. “Hier möchte ich mal Urlaub machen.”
“Vorher müssten wir allerdings noch eine Frage klären”, bemerkte Ssizzel, doch es war nicht die Sarnak-Inquisitorin, die den Satz beendete.
“WAS GEHT HIER VOR?”
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Als die Explosionen den Palast erschütterten, hätte Leutnant Buldoral sich beinahe an seinem Tee verschluckt.
“Was machen diese Idioten?” Mit ungnädigem Gesichtsausdruck stellte der Offizier die Tasse auf den Tisch zurück und blickte sich im Kasino um. Der Raum war für mindestens zwanzig Offiziere ausgelegt, doch da derzeit nur zwei von ihnen im Palast Dienst taten und Hauptmann Azara nicht anwesend war, erwies sich die Auswahl der Gesprächspartner für den Leutnant als überschaubar.
Nun war von draußen Kampflärm zu vernehmen, gefolgt von Schreien, angsterfüllt und verzweifelt.
“Na wenigstens zeigen sie diesen Barbaren, wo der Hammer hängt”, murmelte Buldoral zufrieden, als weitere Detonationen die Wände erbeben ließen. “Aber sie könnten dabei vielleicht etwas leiser sein.”
Der Leutnant schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und erhob sich. Entschlossen, seine Untergebenen für die Störungen ordentlich zurechtzustutzen, stapfte er auf die Tür des Kasinos zu und wischte die Türflügel mit einer wütenden Handbewegung aus dem Weg.
Das Bild, das sich dem Kommandanten bot, entsprach nicht im geringsten seinen Erwartungen. Seine Krieger lagen tot oder sterbend am Boden und besudelten die Architektur, während die Eindringlinge wie gaffende Touristen auf der Fahrstuhlplattform standen und das Interieur beschnatterten!
Die Zornesröte stieg dem Leutnant ins Gesicht und in bestem Kasernenton brüllte er: “WAS GEHT HIER VOR?”
Die Barbaren reagierten sofort. Mit gezogenen Waffen sprangen sie ihm entgegen. Weitere bombardierten ihn mit Gift- und Flammenlanzen. Buldoral wich aus und schwang seine ayonischen Äxte. Gleich mehrere der Angreifer wurden in hohem Bogen durch die Luft geschleudert.
Buldoral setzte nach. Seine Äxte woben ein tödliches Gewitter aus leereinduziertem Stahl. “IHR WERDET LEIDEN!”, brüllte er.
Dann traf ihn das Buch am Kopf.
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“Schwere Literatur”, bemerkte Cephir der Klagesänger, als er auf den gefällten Hühnen hinunterblickte. Dass der von ihm geworfene Wälzer, den er in einer Nische des Kuppelsaals gefunden hatte, den Riesen schlagartig niederstrecken würde, damit hatte auch der Arasai nicht gerechnet.
“Wer war der Schreihals?” fragte ich.
“Wahrscheinlich der Kommandant.” Oneal zuckte die Schultern. Übergangslos stieß der Dunkelelf dem Wehrlosen das Schwert in den Hals. Die Queynosianer unter uns wollten protestieren, doch der Teir’Dal winkte ab. “Ihr wollt doch nicht, dass der noch weiteren Ärger macht?”
“Sehen wir mal, wohin der Fahrstuhl führt”, sagte ich, ehe wir noch mit einer Moraldiskussion den Rest des Morgens vertändelten.
Die Fröhlichkeit war dahin. Schweigend betraten wir die Plattform.
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Während ich durch die wabernde Dunkelheit rannte, Roehn Theer entgegen, ließ ich die weiteren Ereignisse der vergangenen Stunden noch einmal Revue passieren.
Nachdem wir die äußeren Befestigungen des Palastes überwunden hatten, erwarteten uns drinnen weitere Wächter, angeführt von zwei Hexen, die uns mit ihren Giftzaubern übel mitspielten. Doch das waren auch die letzten Soldaten, die sich uns in den Weg stellten.
Danach bekamen wir es nur noch mit Zauberei zu tun. Illusionisten, die uns mit Farbspielen verwirrten und uns mit Scharen von beschworenen Nachtbluten und Najaden traktierten. Ein machtvoller Erdgolem versperrte uns für eine Weile den Weg. Ein Nekromant, dessen unheilige Flüche fast unsere Vernichtung bedeutet hätten und schließlich die drei Blutmagier, deren kalten Klauen wir endlich den Schlüssel zum Dimensionsportal Roehn Theers entwinden konnten.
Und nun rannten wir durch die wirbelnde, blitzdurchzuckte Schwärze. Mit zunehmender Entfernung vom Eingang kroch ein namenloses Grauen in uns hoch. Der Weg wurde zum Alptraum, an den ich mich auch heute noch nur bruchstückhaft erinneren kann. Unsere Ohren rauschten, unsere Rufe klangen seltsam hohl und verzerrt. Stimmen des Wahnsinns hallten in unseren Köpfen wider, unsichtbare Fallen lauerten in der Dunkelheit. Einige von uns fielen auf dem Weg. Wir zogen sie mit uns. Ich dachte, wir wären für immer in den bizarren Hirngespinsten eines Irren gefangen.
Und dann erreichten wir die Plattform. Und die einsetzende Stille erschien uns seltsam laut.
Das war das Zentrum von Roehn Theers Macht. Eine riesige, graue Ebene, die im Nichts schwebte. Genaugenommen handelte es sich nicht um eine einzige, homogene Fläche, sondern um beinahe einhundert quadratische Plattformen, die, von gelben Energielinien begrenzt und durch unsichtbare Bande miteinander verbunden, eine Art riesiges Schachbrett bildeten.
In den vier Ecken des Schachbrettes steckte jeweils eine runde Plattform und begrenzte das Gesamtfeld so in etwa wie die Türme bei einer Burg. Auf jeder einzelnen der quadratischen Flächen fand bequem der gesamte Raubzug platz. Wir sammelten uns zunächst auf der linken Seite, mit der runden Plattform im Rücken, und blickten uns fasziniert um.
Die gesamte Ebene schwebte in der allgegenwärtigen, wabernden Dunkelheit. Erhellt wurde sie durch die blauen Blitze, die nach wie vor kreuz und quer durch die Schwärze zuckten. Gewaltige Zeichen, die an alterudianische Glyphen erinnerten, aber auch genausogut deren Vorbild hätten sein können, wanderten gleißendhell wie an einer Schnur gezogen um die Ebene herum.
Und dann sahen wir ihn. Die gewaltige, humanoide Gestalt mit den riesigen Drachenflügeln auf dem Rücken konnte nur Roehn Theer sein. Der Göttertöter hatte einen gedrungenen, massigen Körperbau. Wie ein Sarnak verfügte auch Roehn Theer über einen Schwanz, der ihm wohl half, sein Gleichgewicht zu halten. Sein Kopf war weder drachisch noch menschlich, eher irgendwo dazwischen. Die Gesichtszüge wirkten menschlich, ja, doch die mächtigen Hörner, die sich wie zwei Mandibeln aus seinem Unterkiefer schoben und die Stacheln und Hornplatten, die sich von seinem Scheitel über den schildkrötenartigen Rückenpanzer bis hin zur Schwanzspitze erstreckten, relativierten den Eindruck wieder. Roehn Theer trug eine Art Lendenschurz und eine Brustpanzerung, die denen der Droag im Lande des Zwielichts nicht unähnlich ist. An seiner Seite hingen zwei mächtige Schwerter. Dies mussten Aeteok und Enoxus sein, die Quellen seiner Macht.
Und noch etwas fiel mir auf: Das gesamte Wesen Roehn Theer wirkte irgendwie in allem sehr… symmetrisch? Ja, ein anderer Ausdruck fiel mir nicht ein. Trotz aller Haken und Kanten sah die rechte Seite des Göttertöters exakt so aus wie seine linke. Fyr’remd Lorak hatte etwas dazu gesagt. Verdammt, ich kam nicht drauf. Ich übersah etwas…
Morgoose neben mir sog scharf die Luft ein. “Der muss unglaublich riesig sein.”
Jetzt, da sie es sagte. Um auf diese Entfernung soviel Details zu erkennen, musste Roehn Theer wahrhaftig ein Behemoth sein. Ich bin mit meinen sieben Fuß auch nicht gerade kurzgewachsen, aber diesem Ungetüm da vorne ging ich wahrscheinlich nicht mal bis zur Kniescheibe. Ich schluckte. Und, bei den hornverstärkten Lederarschbacken von Rallos Zek, das tat ich wirklich selten! Aber ich wünschte, ich hätte statt meines lächerlichen Säbels eine zweite Axt mitgenommen.
Tiskentyl, der Schamane, biss in einen widerwärtig lilaleuchtenden Pilz und stellte schmatzend die offensichtliche Frage: “Was nun?”
Oneal zuckte in seiner typisch weltergebenen Art die Achseln. “Was schon? Angreifen.”
“Roehn Theer ist ein Wesen des Gleichgewichts”, warf Darliyah ein. Wie üblich, konnte die Sängerin auf den unglaublichen Wissensschaftz ihrer Sagenkunde zurückgreifen. “Wenn wir ihn besiegen wollen, müssen wir ihn aus dem Gleichgewicht bringen.”
“Aber wie?” fragte Apofis. Der Hexer breitete die Arme aus. “Offensichtlich sind wir hier ein wenig überfordert.”
Damit sprach er aus, was wohl in diesem Moment viele von uns dachten. Keiner der anwesenden Billies hatte wohl mit solch einem Monstrum gerechnet.
Unwillkürlich wiederholte ich leise die Worte, die der Schattenmensch Yavus Kadir am Auge von El Arad zu mir gesagt hatte: “Theer glaubt, als Göttertöter habe er überragende Fähigkeiten. Er ist ein würdiger Gegner, gewiss. Aber seine Fähigkeiten übertreffen nicht die der Sterblichen, wie er annimt. Das macht ihn verwundbar.”
Djinn sagte nichts. Der Kriegsmönch hatte die Fäuste vor seinem Gesicht aneinander gelegt und die Augen geschlossen, so als lausche er auf eine stille Botschaft. Schließlich breitete er die Handflächen aus und führte sie seitlich vom Körper, als wolle er sie wie Speere in den Boden stoßen. “Ihr habt alle drei recht, genau das ist der Plan”, murmelte er dann. “Wir greifen an, bringen ihn aus dem Gleichgewicht und siegen obwohl wir unterlegen sind.”
Oneal lächelte und hob sein Schwert. “Das wollte ich hören.”
Und damit lief der Wächter los, rannte dem gewaltigen Behemoth entgegen.
Der Teir’Dal hatte noch nicht die halbe Strecke zurückgelegt, als Roehn Theer den Kopf hob und in seine Richtung blickte. Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog der Göttertöter seine Schwerter und flog dem vorwitzigen Krieger entgegen. In diesem Augenblick zuckte ein Blitz aus der Schwärze herab, dann noch ein zweiter. Und zwei der verbundenen Plattformen verschwanden, hinterließen in der grauen Ebene zwei Löcher von der Größe jeweils einer gorowynischen Hafenkneipe.
Oneal lief nun wieder rückwärts auf uns zu, Roehn Theer im Schlepptau. Der Gigant zischte etwas in der Sprache der Schattenmenschen. Wir übrigen nahmen indessen an den Rändern unserer Plattform Aufstellung. Sollte diese nämlich ein ähnliches Schicksal ereilen, so konnten wir hoffentlich noch schnell genug auf eine andere Plattform hinüberspringen.
Inzwischen glühten einige der Schachbrettfelder in seltsamen bunten Lichtern, Orange, Grün, Blau, und merkwürdige Runen flackerten darüber hinweg.
Keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn in diesem Moment war Roehn Theer heran. Seine Schwerter hieben nach den Ameisen, die es wagten, die Macht des Göttertöters herauszufordern. Sein Schwanz wischte über den Boden und versuchte uns von den Füßen zu fegen, seine Schwingen schlugen uns den Sturm der Zeitalter entgegen.
Und da erkannten wir die Chance, die tatsächlich nur wir armseligen Sterblichen gegen dieses Überwesen aus Zeit und Raum haben konnten, wo die großmächtigen Götter versagten. Wir waren für ihn zu klein! Setzte er seine gewaltige Macht gegen uns Winzlinge ein, so war es, als schieße man mit Katapulten auf einen Mückenschwarm. Nichtsdestotrotz vermochten diese Mücken zu stechen!
Wir hackten und stießen und schlugen auf den Giganten ein – nunja meistens auf seine Zehen. Die Fernkämpfer hatten es da besser, konnten sie doch ihre Zauber auf jeden beliebigen Punkt Roehn Theers konzentrieren.
Der Göttertöter stieß einen lauten Schrei aus. “Die Kraft, die ihr mir entgegensetzt, beschleunigt euren Tod nur!” rief er. Er machte eine ausladende Geste mit beiden Schwertern. “Könnt ihr rechtzeitig euer Gleichgewicht finden?” fügte er höhnisch hinzu.
“Die Ecken”, hallte da Khalandras Stimme über den Kampflärm hinweg, während rechts neben uns eine weitere Plattform ansatzlos in die Tiefe rauschte. “Sie brennen! Und in den Feuern sind Zeichen zu sehen!”
“Er beschwört Kräfte”, rief Darliyah. “Aber als Personifikation des Gleichgewichts kann er sich nicht stärken, ohne uns zu stärken. Das ist unsere Chance! Zerstört die Zeichen!”
“Oneal beschäftigt Roehn Theer”, befahl Djinn. “Meine Gruppe nimmt die Purpur-Rune, Khalandras und Stiernackens die Blaue. Wir treffen uns dann schräg gegenüber bei der Grünen Rune!” Und damit wetzten wir los, während um uns herum immer wieder Plattformen in die Tiefe stürzten und die Energien des Göttertöters auf uns einprasselten. Inzwischen waren andere Felder wieder emporgestiegen und hatten sich an ihre alte Stelle eingepasst, als wäre nichts geschehen. Das Schlachtfeld war ständiger Veränderung unterworfen.
Wir enterten die Plattform der blauen Rune und vernichteten das Energiegebilde schnell und problemlos. Sofort sprangen wir wieder von der Plattform herunter. Keine Sekunde zu früh, denn im nächsten Moment begann das runde Feld zu brennen und war nicht mehr betretbar.
Nun hielten wir im Zickzack auf das Feld der grünen Rune zu, überquerten Felder, die in unheilvollem Grün und Blau leuchteten. Energien durchfuhren uns, die uns stärkten und schwächten zugleich, ein jedes auf andere Art. Eine weitere Plattform stürzte in die Tiefe, riss Apofis und Mahalkita mit sich. Ich warf einen kurzen Blick in den Abgrund und schüttelte den Kopf. Das Feld glomm grau und fern in der Schwärze.
Weiter. Immer weiter. Kraftfelder schleuderten uns durch die Luft, warfen Stiernackens massige Gestalt in eines der offenen Löcher, in das der Oger mit einem gebrüllten Fluch zu Rallos auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Arg dezimiert erreichten wir mit letzter Kraft das Feld der Grünen Rune, wo wir auf Djinns Gruppe trafen. Auch sie hatten zwei Leute verloren, davon einen Heiler. Es gelang uns, die Grüne Rune gerade noch rechtzeitig zu vernichten, ehe auch schon die giftigen Feuer aus der Plattform schlugen.
“Weiter”, sagte Djinn und rannte los.
Khalandras arg dezimierte Gruppe kam uns auf halbem Weg entgegen. Die Halbelfe schüttelte den Kopf. “Die rote Rune brannte bereits”, berichtete sie. “Wir konnten nichts mehr tun.”
“Dann muss es reichen.” Aus der Stimme des Kampfmönches klang Entschlossenheit. “Zurück zu Oneal!”
Von den drei Gruppen, die aufgebrochen waren, machten sich weniger als zwei zurück auf den Weg zum Kampf gegen Roehn Theer. Oneals Gruppe hatte sich inzwischen kreuz und quer über das Schlachtfeld bewegt, immer versucht, den fallenden und wiedererscheinenden Plattformen im letzten Moment zu entkommen.
Auf halbem Weg hielt Cephir plötzlich inne. “Was ist das?” fragte der Arasai laut.
Zwei Felder zu seiner Linken befand sich eine Plattform, die eine strahlend weiße Farbe aufwies, ganz anders als alle anderen. Auf ihrer Mitte drehte sich ein Sonnensymbol und darauf lagen – unsere Gefallenen.
Sofort stürmte der Arasai hin und stimmte die Elegien an, die die kürzlich Gestorbenen ins Reich der Lebenden zurückholten. Neue Hoffnung druchströmte uns bei diesem Anblick und wir rannten auf Roehn Theer zu, entschlossen, der großen Fledermaus nun wirklich zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Oneal hatte die volle Aufmerksamkeit des Behemoths auf sich gelenkt. Trotz seines schweren Plattenpanzers wich der Dunkelelf den Schwertschlägen des Göttertöters mit tänzelnder Leichtigkeit aus. Ich bewunderte das an den Teir’Dal.
Asenath, eine weitere Vertreterin dieses Volkes, schlug einen Rückwärts-Flicflac über das herbeizischende Schwanzende Roehn Theers und bohrte ihre Klingen im gleichen Moment, als sie federnd wieder auf die Füße kam, in sein Fleisch. Bereits einen Herzschlag später wirbelte die Brigantin um ihre eigene Achse und hackte ein-, zwei-, dreimal in das rechte Bein des Riesen. Als hätte sie lediglich eine Tanzfigur ausgeführt, hielt Asenath einen Moment inne, sprang dann auf ihren Fußballen mehrere Schritte zurück, um Anlauf für eine weitere Schlagsequenz zu nehmen.
Innerlich hatte ich der Dunkelelfe schon vor einiger Zeit den Beinamen “Schwerttänzerin” gegeben und mir gewünscht, von ihrem Kampfstil etwas annehmen zu können. Und wenn ich dann auch noch herausfand, wie ihre Haare dabei so gut hielten, wäre mein Leben perfekt!
Ich drosch meine Axt mehrfach in den anderen Fuß Roehn Theers, versuchte dabei sein Gegenstück zur Achillessehne anzuritzen, konnte mich gerade noch unter seinem zuschlagenden Schwanz hindurchducken und rettete mich mit einem verzweifelten Hechtsprung nach vorne. Denn in diesem Augenblick riss es die Plattform, auf der ich gerade noch gestanden hatte, in den Abgrund. Zwei andere Billies waren etwas zu langsam gewesen und ich sah sie mit weit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit verschwinden.
Roehn Theer stapfte über eine grün leuchtende Plattform hin zu einer orangenen, stets hinter Oneal her, der bemüht war, den Behemoth vom Abgrund weg und auf für uns sichereres Gelände zu locken.
Asenath hatte soeben seitlich von Theers rechtem Bein eine weitere Sichelpirouette beendet, als sie plötzlich nordwärts deutete. “Innoruks Zorn, jetzt wird es lustig!”
Das konnte doch nicht wahr sein! Eine weitere riesige Gestalt näherte sich von dort, seltsam nebelig und durchscheinend, beinahe wie ein geisterhafter Zwillingsbruder des Göttertöters. Mit ausgebreiteten Schwingen und erhobenen Schwertern preschte das Wesen auf uns zu. Schon war es heran und – explodierte!
Die Druckwelle traf uns mit der Wucht einer Titanenfaust. Ich konnte mich gerade noch hinter dem Fuß des realen Roehn Theer in Deckung werfen. Doch andere Billies hatten nicht soviel Glück. Ich sah, wie Moodijil und Solari in den Abgrund gewirbelt wurden, ihre winzigen Feenflügel unfähig, den Sturz zu verhindern.
Roehn Theer lachte schallend. “Immer noch zu feige, meiner wahren Macht gegenüberzutreten?” röhrte er. “Selbst wenn ihr mich heute besiegt, so werdet ihr meine Verbindung zu dieser Ebene nur vorübergehend trennen. Eine Verbindung, die ich binnen weniger Tage wiederherstellen kann!”
Und wieder das schallende Gelächter. Es war uns tatsächlich gelungen, ihn zu schwächen, doch das schien er nicht zu begreifen. Oder er hatte noch einen gewaltigen Trumpf im nicht vorhandenen Ärmel. Meine Gedanken rasten. Was war doch nur das winzige Detail, dass sich mir nicht erschließen wollte?
“Wo kam dieser Geist her?” verlangte Khalandra laut zu wissen. Darliyah deutete auf eine Plattform zwei Felder nörd- und ein Feld westlich. Und da sah ich es: Ein Feld mit einem ähnlichen Sonnensymbol, wie jenes, auf dem wir unsere gefallenen Kameraden bisher stets wiedergefunden hatten. Ein einziges Feld auf diesem ganzen verfluchten Schachbrett. Und auch wenn es, wie wir inzwischen festgestellt hatten, genauso häufig seine Position wechselte, wie die übrigen Felder ihre Farben, so war es doch immer vorhanden. Und nun fanden wir ein Feld, das genauso aussah, wie unser Sonnenfeld, nur dessen Sonne war schwarz!
Ein Feld des Lebens, ein Feld des Todes. Alles hier ist im Gleichgewicht. Ich blickte zu Roehn Theer auf. Ein Wesen perfekter Symmetrie. Das war seine Stärke. Ich musste laut auflachen, als ich begriff, wie einfach die Lösung doch war. Seine Zwillingsschwerter Aeteok und Enoxus. Des Göttertöters unermessliche Stärke – und zugleich seine größte Schwäche!
Und in diesem Augenblick der Klarheit, als ich verstand, wie Sterbliche den gewaltigen Roehn Theer besiegen konnten, da traf mich eines seiner Kraftfelder und schleuderte mich in den Abgrund.
+++
Ich flog in hohem Bogen durch die Luft. Sah das Loch im Verbund, wo die Plattform fehlte. Rasend schnell stürzte ich auf die gähnende Tiefe zu. Verzweifelt versuchte ich, mich in der Luft zu drehen, herumzuwerfen, vielleicht hinter dem Loch zu landen. Lieber bretthart aufschlagen, als jetzt endlos in die Finsternis zu fallen, auch wenn dieser Sturz mit gebrochenen Knochen auf dem Sonnenfeld enden mochte.
Ich ließ meinen Säbel fallen, sah ihn in der Finsternis davonstürzen. Wie eine Ertrinkende griff ich um mich und – bekam den Rand der benachbarten Plattform zu fassen. Ich schlug hart gegen den Stein. Der Aufprall trieb mir die Luft aus den Lungen. Beinahe hätte ich losgelassen.
Nur die Finger meiner rechten Hand hielten mich baumelnd über der gähnenden Tiefe.
Ich riß meine Linke hoch, bekam den Rand zu fassen. Steinbröckchen rieselten an mir vorbei und fielen. Meine Beine strampelten im Leeren. Ich schnappte mühsam nach Luft, wollte Kraft sammeln, mich emporzustemmen. Doch ich spürte, wie der Griff meiner Rechten sich löste, die Finger sich verkrampften.
Da umfasste eine indigoblaue Hand mein linkes Handgelenk. Ein Gesicht tauchte über dem Rand auf: Asenath.
Ich grinste gequält. “Schön. dich zu sehen. Aber hast du nicht einen Göttertöter zu vermöbeln?”
“Macht nur den halben Spass, wenn so wenig Leute mitspielen”, entgegnete die Dunkelelfe trocken. Sie umfasste beidhändig meinen Unterarm und begann zu ziehen.
“Innoruks Zorn”, fluchte sie mit zusammengebissenen Zähnen. “Du bist zu schwer. Ich bekomme dich nicht hochgezogen.”
Das war auch meine Befürchtung. Ich langte mit der freien Hand in meine Gürteltasche, zog mühsam den Faden des Perah’Celsis hervor, reichte ihn Asenath.
Die sah mich an, als hätte sie soeben auf ihrem Frühstück eine Heuschrecke entdeckt. “Was soll ich damit.”
“Keine Zeit für lange Erklärungen”, keuchte ich, denn ich spürte, wie mein Griff um die Kante schwächer wurde und ich abzurutschen drohte. “Geschenk von Perah. Winde das Band um eines seiner Schwerter. Egal welches. Du bist die einzige, die das schaffen kann.”
In Asenaths Blick lagen Zweifel. Sie nahm den Faden und erhob sich, schaute zu Roehn Theer herüber. “Guten Flug”, sagte sie dann und verschwand aus meinem Blickfeld.
Meine Finger krallten sich an der Kante fest. Meine andere Hand tastete nach Halt – und fand keinen. Der Marmor war so glatt wie der Hintern eines elfischen Lustsklaven. Drei Finger hielten mich noch an der Kante, zwei, keiner mehr.
Ich fiel in die bodenlose Tiefe. All dies geschah binnen weniger Sekunden, doch im Fallen schien sich die Zeit ins Unendliche zu dehnen. Ich sah Asenath, die soeben mit tänzelnder Leichtigkeit die Hörner am Schwanz Roehn Theers als Trittstufen benutzte, um seinen Rücken hinaufzulaufen. Ein Flügel schlug nach ihr. Die Dunkelelfe duckte sich darunter hinweg und griff nach der Schwinge, die sie auf die Schulter des Göttertöters katapultierte. Etwas schnellte aus ihrer Hand hervor. Sie zeigte auf eines seiner Schwerter. Dann erblickte ich noch den Kopf einer weiteren Roehn Theer-Geistererscheinung, sah Aseanth durch die Luft wirbeln und aus meinem Blickfeld verschwinden.
Schwärze.
Schmerz.
+++
Licht.
Mühsam öffnete ich die Augen.
Ich lag auf dem Sonnenfeld, um mich herum weitere Körper. Viele. Zu viele.
Aus irgendeinem Grund war ich nicht tot. Aber, Rallos’ verchromte Eier seien verdammt, ich fühlte mich, als wäre ich. Jeder Knochen schmerzte einzeln. Ich hatte sicher einiges an Brüchen davongetragen.
Ich hustete, spuckte Flüssigkeit. Blut?
Meine Sicht war verschwommen. Ein fremder Arm blockierte Teile meines Sichtfeldes. Der Kampf gegen Roehn Theer tobte in nicht allzugroßer Entfernung. Nur noch wenige Billies waren auf den Beinen. Ich zählte fünf oder sechs Gestalten. Eine bewegte sich wie Djinn. Eine weitere wies das unverwechselbare Profil einer Sarnak auf.
Aber auch Roehn Theer schwankte. Der unglaubliche Behemoth war geschwächt. Sein rechter Arm hing seltsam abgewinkelt nach unten, der Griff um sein Schwert alles andere als fest. Ase musste es geschafft haben. Die Symmetrie des Göttertöters war dahin, sein Gleichgewicht gestört. Wir hatten ihn an den Rand der Niederlage gebracht.
Aber nur an den Rand. Lange würde er nicht mehr benötigen, um die verbliebenen Kämpfer hinwegzuwischen. Und dann wäre alles umsonst gewesen.
Plötzlich tauchten zwei Gestalten in meinem Blickfeld auf. Menschen. In Plattenrüstungen, auch wenn ihnen diese in Fetzen von den mageren Schultern hingen. Ich erkannte sie. Drefaco. Anvaris. Was hatten die beiden Templer vor? Sie konnten unmöglich alle Gefallenen schnell genug ins Leben zurückrufen.
Beide hatten dem Kampf den Rücken zugewandt. Sie fielen auf die Knie, erhoben Gesicht und Hände in den nachtschwarzen Himmel.
Was sollte das? Wollten sie beten? Die Götter hatten Norrath verlassen, verdammt. Hatten sich vor Roehn Theer versteckt. Warum sollten sie antworten?
Hinter den in Andacht versunkenen Templern sah ich weitere Körper unkontrolliert durch die Luft wirbeln. Irgendetwas Schweres landete auf mir, trieb mir das letzte Quentchen Luft aus den Lungen – oder ein Stück Rippe tiefer hinein, je nachdem.
Mir wurde kurz Schwarz vor Augen und ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen.
Roehn Theers gewaltiger Schatten kam näher. Humpelnd und stapfend, aber kam näher. Nur die zwei Priester befanden sich noch zwischen ihm und der endgültigen Auslöschung Norraths. Und die zwei knieten mit dem Rücken zu ihm und flehten um göttlichen Beistand.
Ihre Gesichter wirkten seltsam entrückt. Sie murmelten Gebete, die ich nicht verstand.
Über ihnen dräute der titanische Schatten der Vernichtung.
Und Roehn Theer hob sein Schwert.
Und die Götter Norraths erhörten die Gebete zweier Templer.
Neue Kraft durchströmte mich. Meine Wunden schlossen sich, meine Brüche heilten. Ich erhob mich – und mit mir dreinundzwanzig andere Billies, die sich wie ein Wesen dem Göttertöter entgegenstellten. Stärke und Entschlossenheit sprach aus allen Gesichtern.
Und wir warfen uns dem schwankenden Titanen entgegen – mit all unserer Kraft, mit all unserer Magie. Wir waren keine harmlosen Mücken. Wir waren ein Schwarm wütender Hornissen, der der Arroganz des Universums den Todesstich versetzte.
Roehn Theer taumelte. Die Schwerter Aeteok und Enoxus entglitten seinen Händen, fielen in das endlose Dunkel einer der vielen Gruben, die sich nach wie vor auf dem Schlachtfeld befanden. Nur, um im nächsten Augenblick aus dem sturmdurchtosten Himmel zu stürzen und auf jenes Sonnenfeld zu prallen, auf dem die Götter Norraths ein verzweifeltes Gebet erhört hatten.
Und so, wie unsere Träume dort wiedergeboren worden waren, so zersplitterten die zwei Klingen Göttlichkeit in tausend Scherben.
Und Roehn Theer, der Göttertöter, schwankte und brach in die Knie, stürzte wie ein gefällter Baum auf sein Gesicht und blieb reglos liegen.
Stille senkte sich über das Schlachtfeld.
Epilog
Roehn Theer war tot. Nunja, ob er wirklich tot war oder nicht, darüber stritten sich noch Jahre später die Gelehrten. Die verbreitetste Theorie besagt, dass mit der Zerstörung seiner Schwerter auch die Macht des Göttertöters gebrochen und seine Essenz aus Norrath verbannt worden war. Er würde Jahrhunderte brauchen, um zurückzukehren, falls ihm das überhaupt je gelänge.
Für uns Billies, die wir unseren Sieg noch gar nicht so richtig fassen konnten, war das auch unerheblich. Für uns zählte das Hier und Jetzt. Der Jubel war ausgelassen und selbst unser Rückweg durch den Tunnel des Schreckens vermochte unsere Freude und unseren Stolz nur für kurze Zeit zu trüben.
Den Palast von Roehn Theer fanden wir bei unserer Rückkehr verwaist vor. Die wenigen Verteidiger, die wir am Leben gelassen hatten sowie die Palastbediensteten, die für den Betrieb eines solchen Gebäudes unabdingbar waren, hatten das Weite gesucht. Wahrscheinlich waren sie in die Gärten von Erudin geflohen, die ebenfalls noch unter dem Einfluss der Leere standen.
Also streiften wir einzeln oder in Gruppen durch die verlassenen Gänge, Sääle und Kammern des Palastes, um uns ein paar Andenken mitzunehmen.
Ich hatte einen besonders hübschen Splitter Aeteoks in meiner Gürteltasche verschwinden lassen. In Freihafen würde ich mir daraus einen netten Anhänger fertigen lassen. Ich freute mich schon auf die Gesichter einiger Würdenträger zuhause.
Ich trug bereits zwei prall mit Edelsteinen, Geschmeiden und Preziosen gefüllte Säcke über der Schulter. Unter meinen Beutestücken befanden sich auch ein fein gearbeitetes Flammenrapier, sowie ein hochwertiger Kettenarmpanzer mit schwarz- und goldziselierten Schulterstücken, auf den ich besonders stolz war.
Geistig überschlug ich bereits den mutmaßlichen Gesamtwert meiner Beute, als ich in eine weitere Kammer einbog und wie angewurzelt stehen blieb.
In der Mitte des Raumes stand ein hochgewachsener Mann, der offensichtlich nicht zu den Billies gehörte und streifte soeben ein Paar magischer, bläulich leuchtender, Hand- und Fußfesseln ab. Der Mann war breitschultrig und wies die typische Körperhaltung eines Kriegers auf. Sein Gesicht war kantig mit einem Zug von Grausamkeit um die Mundwinkel. Die Pupille seines linken Auges war milchig und einen gewaltige, rötlich schimmernde Narbe zog sich von seiner linken Wange hinauf bis zum Scheitelansatz seines silbrigen Haarschopfes, den der Mann zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden hatte.
“Lucan D’Lere”, entfuhr es mir. “Hochfürst!” Ich neigte den Kopf. Mehr Ehrerbietung konnte er von mir nicht erwarten, das hatte ich bereits bei früheren Begnungen klargestellt. Blutrabe kniete vor niemandem!
“Blóðraven”, begrüßte er mich, die halasianische Version meines Namens gebrauchend. Erstaunlich. “Ich habe Eurem Kampf mit dem Göttertöter verfolgt”, fuhr der Hochfürst fort. “Ich muss sagen, ich bin beeindruckt.”
Meine Gedanken rasten. “Auch ich grüße Euch, mein Fürst”, antwortete ich gedehnt. Dann hatte ich eine Idee. “Ich bin gekommen um euch nach Norrath zurückzubringen. Freihafen brennt, und Ihr müsst in Eure Zitadelle zurückkehren.”
Ein grausiges Lächeln, mit dem er wahrscheinlich regelmäßig seine Schattenritter erschreckte, umspielte Lucans Mundwinkel. “In der Tat. Obwohl ich jetzt auch selbst zurückkehren kann. Rhoen Theer hält mich nicht länger, und ich bin mehr als fähig, mich um die Angelegenheiten in meiner Stadt zu kümmern. Obwohl es scheint, dass mein Schwert nicht länger seine einstige Stärke besitzt.”
Oops, das saß. Ich konnte ihm natürlich schlecht auf die Nase binden, dass sich Tayil N’Velex in meiner Anwesenheit Seelenfeuer unter den Nagel gerissen und sich mit dem legendären Schwert aus dem Staub gemacht hatte.
“Tja, mein Fürst, es scheint, dass die Zwillingsschwerter durch Rhoen Theers Niederlage entladen wurden”, antwortete ich und hoffte, somit das Qeynos-Claymore erfolgreich in die Diskussion miteinbezogen zu haben.
Lucan schwieg für eine Weile. Ich beobachtete ihn aufmerksam. Schließlich sagte er: “Wo wir gerade von Macht sprechen, ich muss nun zurückkehren und mich um die kümmern, die in meiner Abwesenheit meine Macht an sich reißen wollten.”
Ich lächelte. “Da bin ich ja froh, dass ich Euch retten und somit die Ordnung in Freihafen wiederherstellen konnte. Was ist Euch die Sache denn wert?”
“Retten?” fuhr Lucan auf und wusste anscheinend nicht ob er lachen oder einen Wutausbruch bekommen sollte. “Ihr musstet mich nicht retten. Die Schergen Theers haben es nicht geschafft, mich gefangen zu halten. Ich habe hier nur auf mein Schwert gewartet, was mir jetzt nutzlos vorkommt. Euer Sieg über Theer ist bewundernswert, aber mehr Lob bekommt ihr von mir nicht. Ihr geht jetzt besser, während ich eine Stadt zurückgewinnen muss.”
Und damit vollführte er auch schon die wedelnden Bewegungen des Stadtheimrufungszaubers und war im nächsten Augenblick verschwunden. Ich seufzte. Kein Bonus. So war er nun mal, unser Lucan.
“Etwas Brauchbares hier herinnen, Rabe?”
Ich wirbelte herum. Cephir schwebte am Eingang der Kammer und blickte sich suchend um.
“Nein”, sagte ich und hoffte, dass der Arasai nichts von dem Gespräch mit Lucan mitbekommen hatte. “Nein, hier gibt es nichts zu holen.”
Epilog 2
Shimja Wirrwarr liebte ihre kleinen Enkaufsausflüge nach Paineel. Vor allem, wenn sie Silbhe mit einem großen Korb und einem langen Zettel in den Marktdistrikt schicken konnte, während sie selbst, Klein-Billy auf der Schulter, in der Halle der Hochmoorklingen nach alten Schriftstücken und dekorativen Möbeln stöbern konnte.
Die Billypuppe war sehr aufgeregt. Mit funkelnden Knopfaugen verfolgte sie das rege Treiben, deutete hier hin und dort hin und zupfte Shimja am Ärmel, wenn sie etwas besonders spannend fand.
Die Bardin nahm es gelassen. Sie freute sich, wenn ihr kleiner Schützling Spass hatte. Während dessen feilschte sie mit eine blasshäutigen Händlerin um einen Satz schwebender Küchenstühle für die Gildenhalle, so dass sie im ersten Moment weder Billys dringendes Ärmelgezupfe noch den Schatten des hochgewachsenen Eruditen wahrnahm, der sich, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, neben ihr aufbaute und höflich auf den Abschluss des Geschäftes wartete.
Shimja sah auf, kniff die Augen zusammen. “Ja bitte?
Der Erudit lächelte auf die kleine Bardin herab, ein Lächeln, das allerdings nicht seine Augen erreichte. Er trug die weißen, goldverzierten Amtsroben eines Ratsmitgliedes. Eine seltsame Aura der Macht ging von dem Fremden aus.
“Verzeiht meine Aufdringlichkeit”, sagte der Mann. “Mein Name ist Al’Kabor. Ich existiere in Dualität mit Dartain, doch das ist im Augenblick nebensächlich.”
Shimja schluckte und Billys Knopfaugen wurden noch eine Spur größer. “Ihr seid DER Al’Kabor?” fragte die Bardin ungläubig.
“Wenn Ihr so wollt”, versetzte der Erudit freundlich. “Dürfte ich auch Euren Namen erfahren?”
Shimjas Augen verengten sich misstrauisch. “Den kennt Ihr doch längst, wenn Ihr mich mitten im allgemeinen Gewimmel ansprecht. Aber wenn Ihr darauf besteht, mein Name ist Shimja und das hier – ist Billy.” Damit wies sie mit dem Daumen auf die kleine Gestalt auf ihrer Schulter, die jetzt aufgesprungen war, sich mit der einen Stoffhand an Shimjas Haaren festhielt und mit der anderen freunlich winkte.
Al’Kabor nickte anerkennend. “Shimja und Billy – Gründer und Herz der Söldner von ‘Billy on Tour’. Die Sieger über Roehn Theer.”
“Bezeichnet uns nicht als Söldner”, fuhr ihn Shimja scharf an. Billy verschränkte trotzig die Arme.
Al’Kabor hob beschwichtigend die Hände. “Es liegt mir fern, Euch zu beleidigen. Ich suche Euch in einer anderen Angelegenheit auf.”
Shimja legte den Kopf schräg und wartete.
Der Erudit atmete tief durch. “Sagt, habt Ihr schon einmal von Velious gehört?”
Ende (für den Moment)
© by Blutrabe

Im dritten Kapitel wird erzählt werden, wie die Billies schließlich die Planare Scherbe betreten und was sie dort vorfinden. Doch bis dahin wünscht unser Billy allen seinen Mitstreitern und deren Angehörigen sowie Freunden und Verbundenen ein frohes und wunderbares Weihnachtsfest und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr!

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